Corona-Krise

Corona: Macht die Nachverfolgung von Kontakten noch Sinn?

Nicht nur in Dortmund unterstützt die Bundeswehr das Gesundheitsamt bei der Kontaktverfolgung. Hier Obergefreite Melissa Fritzenkötter.

Nicht nur in Dortmund unterstützt die Bundeswehr das Gesundheitsamt bei der Kontaktverfolgung. Hier Obergefreite Melissa Fritzenkötter.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Ruhrgebiet.  Gesundheitsämter können kaum noch nachvollziehen, wer wann wo wen angesteckt hat. Trotzdem suchen sie weiter – und warnen vor „Kontrollverlust“.

Der Anruf kam an einem Sonntag. „Schlechte Nachrichten“, klang es aus dem Hörer. „Ich bin leider infiziert.“ Alle Regeln eingehalten, vorsichtig gewesen, und doch: Auf dem Sofa diesseits der Leitung saß plötzlich eine „Corona-Kontaktperson ersten Grades“. Das Gesundheitsamt werde sich melden, Quarantäne, Test, das volle Programm. Allein: Das Gesundheitsamt hat auch zwei Wochen später nicht angerufen, diese Betroffene nicht und alle anderen auch nicht.

Eine Geschichte aus dem Ruhrgebiet, wie sie derzeit überall passiert. Die Gesundheitsämter kommen mit der Kontaktnachverfolgung möglicher Infizierter nicht mehr hinterher, sie tun auch gar nicht erst so: Man sei zwei Tage im Verzug, meldet Dortmund, die Hälfte der Infektionen sei nicht mehr zurückzuverfolgen. Schon Ende September war landesweit bei nahezu der Hälfte aller Neuinfektionen unklar, wo sie ihren Anfang genommen hatten. Das geht aus Zahlen des NRW-Gesundheitsministerium hervor. Bei 43 Prozent der positiv Getesteten war also schon vor einem Monat nicht mehr nachvollziehen, wo und bei wem sie sich angesteckt hatten.

Corona-Nachverfolgung: „Das muss man erstmal bewältigen“

Manche Gesundheitsämter weisen noch aus, wie viele Neuansteckungen auf Familien und Reisen zurückgehen. Der meist mehrheitliche Rest: „einzelne voneinander unabhängige Fälle“. Viele Patienten, heißt es aus dem Gesundheitsdienst, könnten oder wollten ihre Kontaktpersonen nach einigen Tagen auch gar nicht mehr angeben. Trotzdem: „Wir halten an der Kontaktpersonennachverfolgung fest“, sagt etwa die Stadt Mülheim, „solange wir noch dazu in der Lage sind.“ Die Kapazitätsgrenzen sind vielerorts aber überschritten.

Und das, obwohl fast überall mittlerweile große Teile der Stadtverwaltungen mit telefonieren, unterstützt von Soldaten der Bundeswehr. Sieben Tage die Woche und mehr als zehn Stunden am Tag arbeiten sie so etwa in Recklinghausen, und dann kamen am Freitag wieder 152 neue Fälle hinzu. Jeder mit im Schnitt 15 Kontaktpersonen, manche mit bis zu 100. „Das“, sagt eine Kreissprecherin, „muss man erst mal bewerkstelligen.“

„Keine geeignete Strategie, um das Virus zu kontrollieren“

Muss man? Die Frage wurde zuletzt laut und lauter, nicht erst, seit der Bonner Virologe Prof. Hendrik Streeck in der Frankfurter Rundschau erklärte, die Kontaktverfolgung sei „nicht gelungen“ und „keine geeignete Strategie, um das Virus zu kontrollieren“. In einem Positionspapier der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vom Mittwoch fordert er gemeinsam mit Berufsverbänden und dem Hamburger Kollegen Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, bei der Pandemie-Bekämpfung müsse der Schutz von Risikogruppen Priorität haben. Man könne die Gesundheitsämter entlasten, etwa indem Patienten in Eigenverantwortung ihre Kontaktpersonen informierten.

Das sehen andere Ärzte und auch die Politik grundsätzlich anders. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann nennt die Nachverfolgung von Kontaktpersonen „unentbehrlich, um die Herausforderungen der Pandemie zu bewältigen und Infektionsketten zu unterbrechen“. Die Gesundheitsämter seien das A und O der Pandemiebekämpfung. Deshalb sollen 1000 Bundeswehrsoldaten und 1000 vom Land finanzierte Mitarbeiter den kommunalen Ämtern dabei helfen.

Kontaktverfolgung als „wirksamste Waffe“

Die würden sich freuen: „Wir müssen die Gesundheitsämter endlich aufrüsten“, fordert Ute Teichert im Gespräch mit dieser Redaktion. Die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst (BVÖGD) hält die Kontaktnachverfolgung für das einzige Mittel, Infektionsketten zu durchbrechen: „Wir haben kein anderes.“ Wenn man es aufgebe, „verlieren wir total die Kontrolle“. Die konsequente Kontaktverfolgung in Deutschland sei ein Instrument, „um das andere Länder uns beneiden“.

Das weiß auch der Essener Prof. Ulf Dittmer, Direktor der Klinik für Virologie an der Uniklinik Essen. Die Kontaktverfolgung sei eine der wirksamsten Waffen in der Pandemiebekämpfung in Deutschland und Asien gewesen. „Länder, die das konsequent durchgeführt haben, stehen jetzt noch viel besser da als andere Länder.“ Dittmer lobt die Gesundheitsämter für ihre Leistungen, allerdings werde die Arbeit schwieriger, seit das Virus so breit in der Bevölkerung verteilt sei und die Neuinfektionszahlen zu hoch seien. „So lassen sich Infektketten nicht mehr verfolgen.“ Deshalb begrüßt der Virologe die neuen Kontaktbeschränkungen als „Versuch die Infektionszahlen so weit zu senken, dass eine Kontaktverfolgung wieder möglich wird“.

Kliniken können sich „nicht erlauben, die Kontaktverfolgungen zu vernachlässigen“

Gerade Krankenhäuser können darauf auch gar nicht verzichten. Zum Schutz von Patienten und Mitarbeitern, sagt etwa die Leiterin der Krankenhaushygiene am St. Josef-Hospital in Bochum, Dr. Friederike Lemm, „können wir uns überhaupt nicht erlauben, die Kontaktverfolgung zu vernachlässigen“. Es wäre „Wahnsinn“, den Infektionsketten nicht mehr nachzugehen. Dann wisse niemand mehr, wo das Virus hergekommen ist. Allerdings wissen sie auch in Bochum: Es ist mehr Personal nötig, um die Aufgaben zu erfüllen.

Auch deshalb wären nicht nur Ärzte dankbar, wenn Infizierte – wie auch von den Kassenärzten vorgeschlagen – mehr Eigeninitiative übernehmen würden. Jeder sollte ein Kontakt-Tagebuch führen und im Falle einer selbst die betroffenen Personen anrufen, empfiehlt Dr. Bernhard Schaaf, Klinikdirektor der Medizinischen Klinik Nord in Dortmund. „Diese Personen könnte man angesteckt haben, sie sollten dann freiwillig in Quarantäne und nicht auf das Gesundheitsamt warten.“ Auch sei es sinnvoll, unter allen Begegnungen der vergangenen 14 Tage die Person zu suchen, bei der man sich selbst angesteckt habe. „So könnte ein Superspreaderereignis aufgedeckt werden.“

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