Geschichte

Bochumer Forscher wollen Rätsel um die Varusschlacht lösen

Friedrich Gunkel (1819-1876) verewigte die Varusschlacht auf diesem Gemälde. Das Bild hängt im Münchener Maximilianeum.

Friedrich Gunkel (1819-1876) verewigte die Varusschlacht auf diesem Gemälde. Das Bild hängt im Münchener Maximilianeum.

Foto: akg-images

Bochum.   Man weiß, wer gegeneinander kämpfte und man weiß, wann. Aber man weiß nicht: Wo genau fand die Varusschlacht statt. Forscher des Deutschen Bergbau-Museums haben den Auftrag, es herauszufinden.

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Man weiß wer, man weiß – zumindest ungefähr – auch wann. Nur wo? Das ist nach wie vor umstritten und zählt zu den größten Rätseln der deutschen Geschichte. Nun soll das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum bei der Klärung der Frage helfen, an welchem Ort der römische Feldherr Publius Quinctilius Varus im Jahr 9 nach Christus vom Cherusker Arminius in einen Hinterhalt gelockt und vernichtend geschlagen wurde. Dafür untersuchen Forscher 600 bis 800 Fundstücke, von denen die meisten aus Kalkriese stammen.

„Interessante Sache“, findet Professor Michael Prange, Materialwissenschaftler am Museum, und erklärt erst einmal, was man weiß über Kalkriese – heute ein Ortsteil der niedersächsischen Stadt Bramsche. Im Grunde ist das nicht viel. „Fest steht nur, dass hier jede Menge Leute ordentlich was auf die Mütze bekommen haben“, sagt der 48-Jährige. Und dass viele von ihnen dabei römische Münzen verloren haben. Was auf Römer schließen lässt. Die aber waren öfter in der Gegend bei Osnabrück.

Da ist natürlich Varus, der mit der 17. ,18. und 19. Legion im Sommerlager gewesen und nun auf dem Rückweg in die Garnison nach Haltern war. Dessen Männer, wenn die Überlieferungen stimmen, in eine Falle gelockt und aufgerieben wurden. Weil die römische Streitmacht nicht gemacht war für Kämpfe in unwegsamem, engen Gelände.

Die „Archäometallurgie“

Da war aber auch der römische Feldherr Germanicus, der 15 nach Christus zu einem Rachefeldzug in die Provinz aufbrach und dabei die Überreste gefallener Soldaten bestatten ließ. Weil keine der ausgegrabenen Münzen jünger als 9 nach Christus ist, ordnen die meisten Experten die Funde in Kalkriese Varus und seinen Legionen zu. Prange auch, gibt aber zu bedenken: „Wer kann ausschließen, dass die Legionskassen nur mit alten Münzen bestückt waren?“

Niemand kann das, und an dieser Stelle kommen die Wissenschaftler des Bergbau-Museums ins Spiel. Dort gibt es nämlich einen Forschungsbereich Archäometallurgie, der sich mit der Herkunft und Zusammensetzung historischer Gegenstände aus Metall beschäftigt – etwa mit Schildrändern, Bauchgehängen oder Ringen und Schienen von Uniformteilen, die in Kalkriese in großer Stückzahl gefunden wurden. Aus welchen Erzlagerstätten stammen die Rohstoffe, wie wurden sie verarbeitet? „Wir erstellen“, sagt Prange, „praktisch den Fingerabdruck einer Legion.“

Und der ist immer unterschiedlich, weil alle Soldaten zwar grundsätzlich in Italien eingekleidet und ausgestattet wurden, aber im Laufe der Jahre natürlich einiges kaputt ging an Ausrüstungs- und Alltagsgegenständen. „Das wurde dort ersetzt, wo die Legion stationiert war“, weiß Prange. Das ist die Chance der Wissenschaftler.

Unten im Keller sitzt Doktorandin Annika Diekmann (26) in ihrem Labor und analysiert mit Hilfe eines Massenspektrometers die Proben. Nicht nur von Fundstücken aus Kalkriese, sondern auch von Funden aus Haltern, wo die Soldaten von Varus lange stationiert waren, und aus der Schweiz, wo mehrere Legionen des Germanicus ihren Stützpunkt hatten. Je nach Zusammensetzung lässt sich sagen, wer in Kalkriese war.

Ergebnisse frühestens in drei Jahren

Es gibt nicht viele Forscher, die so etwas können. „Außer uns nur noch ein Institut“, sagt Prange. Dr. Heidrun Derks (53), Leiterin des Museums Kalkriese, schwärmt vom „unglaublichen Know-how“ der Bochumer, das einen „völlig neuen Blickwinkel“ in Sachen Varusschlacht ermögliche. Bis es soweit ist, dauert es allerdings noch. Belastbare Ergebnisse, so Prange, „wird es erst in drei Jahren geben“.

Doch selbst, wenn sie Kalkriese als Ort der Varusschlacht bestätigen, wird die Diskussion weitergehen, glaubt der Professor. „Alle Zweifler“, ahnt er, „werden wir nicht überzeugen können.“

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