Essen. Drei Monate haben die Lombardis aus Essen noch nachhaltiger gelebt. Ein Experte half. Welche kleinen Veränderungen im Alltag wirken.

Sie schleppen keine Wasserkisten mehr, waschen sich die Haare mit festem Shampoo und die jüngste Tochter besucht ab Sommer die Waldorfschule: Die fünfköpfige Familie Lombardi aus Essen hat ein Experiment gewagt – und gewonnen. Seit drei Monaten versucht die Familie, Stück für Stück nachhaltiger zu werden und damit mehr für den Klimaschutz zu tun. „Es ist ein ständiger Prozess, fast jeden Tag kommt eine neue Erkenntnis hinzu, die wir im Alltag umsetzen“, sagt Katharina Lombardi.

Was Ava (5) schon immer wusste: Wasser aus der Leitung schmeckt genauso gut wie das mit Sprudel. Der Rest ihrer  Familie ist ebenfalls überzeugt und umgestiegen, muss keine Getränkekisten mehr schleppen und spart dabei.
Was Ava (5) schon immer wusste: Wasser aus der Leitung schmeckt genauso gut wie das mit Sprudel. Der Rest ihrer Familie ist ebenfalls überzeugt und umgestiegen, muss keine Getränkekisten mehr schleppen und spart dabei. © FUNKE Foto Services | Fabian Strauch

Ihre neueste Veränderung: Die Familie hat den Einkauf im Hofladen für sich entdeckt. „Es war regnerisch, wir konnten nicht wie sonst auf den Markt. Da ist mein Mann auf die Idee gekommen, doch einfach in dem Hofladen einkaufen zu gehen, an dem er auf dem Weg zur Arbeit vorbeikommt.“ Und schon hatten sie ein neues wöchentliches Ritual.

„Wir haben uns gefragt: In welcher Welt sollen unsere Kinder leben?“

Der Gedanke, bewusst zu leben, kam der Familie vor acht Jahren mit ihrem ersten Kind. Denn plötzlich waren Katharina (34) und Manu (35) Lombardi für ein anderes Lebewesen verantwortlich. „Wir mussten uns auf einmal noch mehr mit der Zukunft auseinandersetzen. Und uns fragen, in welcher Welt unsere Kinder einmal leben sollen“, sagt Katharina Lombardi.

Heute, acht Jahre später, haben Katharina Lombardi, ihr Mann Manu (35), Tochter Mia (9), Sohn Jona (7) und Tochter Ava (5), immer mehr umgestellt. Unterstützt werden sie seit drei Monaten von Philip Heldt, Nachhaltigkeitsexperte bei der Verbraucherzentrale NRW. Von ihm erhält die Familie Tipps, kann Fragen stellen. „Vieles haben wir dazugelernt, was uns vorher gar nicht bewusst war“, erzählt die 34-Jährige. „Etwa, das Plastikzahnbürsten besser sind als die aus Holz.“

Im Döner ist nun mehr Salat als Fleisch

Schon vor dem Experiment hat die Familie in ihrer Wohnung etwa auf Energiesparlampen umgestellt, Kleidung bei 30 Grad gewaschen und Möbel über eBay gekauft. Das Lastenrad war bereits Katharina Lombardis ständiger Begleiter. Und was Mama kann, das kann Tochter Mia schon lange. „Ich fahre ganz oft Fahrrad, zum Spielplatz oder ins Schwimmbad zum Beispiel. Auch bei Regen und Wind, ich ziehe dann einfach meine Matschhose an.“

Weniger Fleisch, weniger Plastik, keine Dosen mehr: Auch der Kühlschrank der Lombardis sah vor drei Monaten noch anders aus als heute.
Weniger Fleisch, weniger Plastik, keine Dosen mehr: Auch der Kühlschrank der Lombardis sah vor drei Monaten noch anders aus als heute. © FUNKE Foto Services | Fabian Strauch

Doch gab es auch Dinge, auf die die Familie im Alltag nicht verzichten wollte. „Ich brauchte ab und an einfach mein Fleisch“, sagt Manu Lombardi. Das wollte der 35-Jährige angehen. Zuhause kocht die Familie hauptsächlich fleischlos, Manu Lombardi greift auf Ersatzprodukte zurück. „Und wenn ich mir mal beim Imbiss einen Döner hole, dann ist da vor allem Salat drin. So fühle ich mich in meinem Körper einfach wohler.“

Wichtig ist ihm dabei aber, nicht allzu streng mit sich zu sein. Mit seinem Sohn machte Manu Lombardi deshalb vor kurzem einen Ausflug ins Steakhouse.

Katharina Lombardi fiel es derweil am Anfang des Projekts schwer, auf die vielen Plastiktuben im Badezimmer zu verzichten. Mit Tipps von Philip Heldt hat sie Alternativen gefunden, etwa feste Duschseife. „Ein paar Creme-Tuben stehen aber immer noch hier rum“, gibt sie zu.

„Viele wundern sich, dass Nachhaltigkeit so günstig sein kann“

„Ich finde es gut, dass wir jetzt alle Leitungswasser trinken“, sagt Tochter Ava. Das hat die Fünfjährige nämlich sowieso schon immer gemacht. „Es schmeckt einfach leckerer.“

Der Familie ist es wichtig, ihre Kinder in ihr nachhaltiges Leben mitzunehmen, sie einzubinden. Dadurch scheint die Umstellung für sie auch keine große Sache, „die machen einfach mit“, sagt Katharina Lombardi.

Auch ihre Freundinnen möchte sie inspirieren. „Viele wundern sich, dass Nachhaltigkeit so günstig sein kann.“ Denn häufig habe man das Bild von überteuerten Biomarkt-Produkten im Kopf. Die Lombardis haben mit ihrer Umstellung am Ende jedoch sogar Geld gespart.

Der Experte: Wenig verändert, viel erreicht

Philip Heldt, Nachhaltigkeits-Fachmann der Verbraucherzentrale NRW, hat das Experiment der Lombardis begleitet – und ist begeistert, von dem, was die Familie geschafft hat. „Als wir uns im Oktober das erste Mal hier bei Euch getroffen haben, hab ich gedacht, da ist ja kaum noch Luft nach oben. Ihr wart in puncto Mobilität schon so gut, habt darüber hinaus schon so viel für Umwelt und Klima getan“, meint er beim „Bilanztreff“ in dieser Woche. „Doch dann habt Ihr tatsächlich noch mehr rausgeholt... Bewundernswert!“ Kleine Dinge eigentlich, die sie geändert hätten, sagen die Lombardis: „War gar nicht schwer.“ Wenn es alle so machen würden – „das wäre ein maßloser Gewinn für unsere Gesellschaft“, sagt Heldt.

Duschgel und Shampoo gibt‘s nicht nur flüssig, sondern auch in fester Form. Jona merkt „keinen Unterschied“.
Duschgel und Shampoo gibt‘s nicht nur flüssig, sondern auch in fester Form. Jona merkt „keinen Unterschied“. © FUNKE Foto Services | Fabian Strauch

„Total gut“ findet er, dass in Bad und Küche der Essener Familie kaum noch Verpackungsmaterial aus Plastik zu finden ist. „Wegen einer Tube Peeling muss niemand ein schlechtes Gewissen haben“, beruhigt er Katharina Lombardi, als die sich entschuldigt, dass sie dafür trotz langen Suchens noch keinen Ersatz gefunden hat.

Tatsächlich war es auch Heldt, der dazu geraten hat, die Holzzahnbürsten für alle fünf Famililenmitglieder gegen solche aus Plastik zu tauschen. Holz sei grobporig, erklärt er, und das Bad immer feucht. „Im Zahnputzbecher trocknen die Bürsten darum schlecht, schimmeln schnell. Das heißt, sie landen viel schneller im Müll als die aus Plastik – und das ist für die Ökobilanz schlechter.“ Plastik, fügt er an, „ist leider ein verdammt gutes Material“. Man sollte es eben nur nicht für kurzlebige Produkte nutzen, Jogurtbecher oder Abdeckfolie – und ihren Joghurt kauft die Familie inzwischen im Glas, die Broccoli-Reste vom Mittagessen bedeckt eine waschbare Wachshaube.

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Dass die Lombardis seinem „Top-Tipp“ gefolgt sind, einen „Duschsparkopf zu installieren, hat ihn gefreut. Mehr aber noch: Dass sie gleich mit dem ersten zurecht kamen. „Man merkt keinen Unterschied“, versichert ihm Jona, der Siebenjährige. „Da habt Ihr wohl ein gutes Modell erwischt“, sagt der Experte. „Manch einer sucht länger danach.“

Wer auf Flaschen verzichtet, muss keine Kisten schleppen
Philip Heldt, Nachhaltigkeitsexperte der Verbraucherzentrale NRW

„Cool“ findet Heldt, dass die Lombardis nach eigenem Bekunden in den vergangenen drei Monaten sogar Geld gespart haben. Und er lacht, als die Familie erzählt, dass sie Wasser nun nur aus der Leitung trinkt – und froh ist, keine Getränkekisten mehr herankarren zu müssen, wo doch das Lastenfahrrad so lange kaputt war. Die meisten Menschen glaubten, dass es beim Thema Nachhaltigkeit immer auch um Verzicht gehen würde, dass Lebensqualität schwinde. „Aber wer auf Flaschen verzichtet, muss eben auch keine Getränkekisten mehr schleppen!“ Er persönlich, ergänzt Heldt, habe auch viel mehr Spaß auf einer netten Kleidertauschbörse als in einem überfüllten Kaufhaus, wenn er mal wieder ein neues Hemd brauche. Und Schuhe, „die einmal eingelatscht sind, lasse ich doch lieber besohlen, als mir neue zu kaufen und darin Blasen zu holen.“

„Vorleben funktioniert besser als missionieren“

Das Beste aber, sagt Philip, Heldt, sei, dass Katharina und Manu Lombardi ihren Kindern so undogmatisch vorlebten, wie einfach es sei, nachhaltig zu leben; dass sie inzwischen auch die eigenen Eltern und Freunde „angesteckt“ hätten. „Funktioniert immer besser als zu missionieren“, findet er. Weshalb der Nachhaltigkeits-Experte, der offen einräumt, dass auch er „ab und an gerne mal ein gutes Stück Fleisch esse“, seinem Besuch übrigens grundsätzlich nur Veganes serviert. „Egal, wer kommt. Um zu beweisen, dass es schmeckt“, erklärt Heldt. Beschwert habe sich noch niemand.

>>> Wenn auch Sie Ihren Alltag nachhaltiger gestalten wollen: Infos finden Sie auf waz.de in der Rubrik „Fair Ändern“ und auf den Seiten der Verbraucherzentrale NRW.

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