Gelsenkirchen. Die Pädiatrische Neurochirurgie in Buer ist auf komplizierte Wirbelsäulendefekte und Schädelanomalien bei sehr jungen Patienten spezialisiert.

Bei der U2-Untersuchung am Tag nach Mias Geburt bemerkt die Kinderärztin einen Hautüberschuss an der unteren Wirbelsäule, auf den Ultraschallbildern zeigt sich ein kleiner Schatten an der Wirbelsäule knapp über dem Po. Um was genau es sich handelt, ist noch nicht sicher erkennbar. Christina Hegmans war fassungslos. Alle vorgeburtlichen Untersuchungen, von der Nackenfaltenmessung bis zum Organcheck, waren unauffällig gewesen. Dass trotzdem etwas nicht in Ordnung sein könnte, damit hatte sie einfach nicht gerechnet. Sie konnte nur denken: Mein Kind hat einen Tumor. Oder es hat eine Behinderung. Was mache ich dann mit meinem kleinen Sohn, um den ich mich doch auch kümmern muss?

Eines von 1000 Kindern in Deutschland betroffen

Das Schlimmste für sie ist die Ungewissheit: Erst nach drei Monaten ist das muntere kleine Mädchen im Wachstum weit genug, dass eine MRT-Untersuchung – 40 Minuten unter Vollnarkose – zeigen kann, was genau sich hinter dem Schatten verbirgt und ob es sich entfernen lässt. Es war eine „Spina Bifida Occulta“, ein verborgener „offener Rücken“, genauer gesagt ein nicht geschlossenes Rückenmark am unteren Ende der Wirbelsäule, über dem bei Mia Haut gewachsen war. Im offenen Rückenmarksbereich hatte sich ein Lipom gebildet, eine Fettgewebsgeschwulst, die das Rückenmark verklebte, quasi fixierte. Eines von 1000 Kindern in Deutschland ist von Spina Bifida betroffen, was – wenn es vorgeburtlich erkannt wird – auch im Mutterleib schon operiertwerden kann.

Ganz geheuer ist Mia das große Pferd im Garten der Klinik offenbar nicht – nachdem sie unbedingt drauf wollte. Mit im Bild neben Mutter Christina Hegmans ist Dr. Lutz Schreiber, der das Mädchen operierte.
Ganz geheuer ist Mia das große Pferd im Garten der Klinik offenbar nicht – nachdem sie unbedingt drauf wollte. Mit im Bild neben Mutter Christina Hegmans ist Dr. Lutz Schreiber, der das Mädchen operierte. © FUNKE Foto Services | Ingo Otto

Im weiteren Wachstum würde die Verklebung bei Mia Zug auf die Wirbelsäule ausüben, Rückenmarksschädigungen drohten, erklären die Ärzte Christina Hegmans. Starke Einschränkungen der Beweglichkeit drohten, auch die Blase könnte wohl nicht normal arbeiten. Was früher ein hinzunehmendes Schicksal war, lässt sich heute dank Fortschritten in der Kinderneurochirurgie lindern, in der verborgenen Variante gar beheben. Christina Hegmans – am Niederrhein beheimatet – wurde Dr. Lutz Schreiber empfohlen, ein Kinderneurochirurg, der damals noch an drei Standorten operierte: am Bergmannsheil Buer, an der Kinderklinik Datteln und am Knappschaftskrankenhaus Recklinghausen.

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Seit diesem Sommer leitet Schreiber als Chefarzt eine der wenigen eigenständigen Kliniken für Pädiatrische Neurochirurgie im Land, angesiedelt an der Kinder- und Jugendklinik am Bergmannsheil Buer, mit einem hochspezialisierten Team, das täglich rund um die Uhr erreichbar ist.

Manchmal heißt es warten auf den idealen Zeitpunkt für die Operation

Schreiber hat Mias Lipom entfernt, allerdings nicht sofort, sondern gegen Ende des ersten Lebensjahres, dem dafür besten Zeitpunkt, wie er betont. Christina Hegmans hatte vor allem Angst, dass ihre Tochter, die zu dem Zeitpunkt bereits stehen konnte, nach der Operation nicht mehr laufen könnte. „Das ist verständlicherweise die größte Angst aller betroffenen Eltern. Und wir können den Eltern auch auf der Intensivstation, wo die Säuglinge nach dem Eingriff beobachtet werden, anbieten, beim Kind zu bleiben. Das wünschen sich Eltern sehr, bietet auf der Intensivstation aber sonst kaum ein Haus an. Ohnehin ist es mir sehr wichtig, Eltern und Kind die Angst zu nehmen, vor und auch nach Eingriffen. Aber auch, wenn Eltern einfach nur besorgt sind, weil sie Auffälligkeiten bei ihrem Kind entdeckt haben, und um Aufklärung bitten, bekommen sie auch kurzfristig einen Termin in der Ambulanz“, verspricht Schreiber.

Auch auf der Intensivstation kann ein Elternteil dabeibleiben

Dr. Lutz Schreiber leitet jetzt eine eigenständige Klinik für Pädiatrische Neurochirurgie am Bergmannsheil Buer. Auch Operationen an winzigen Säuglingen stehen Zu seinen Patientinnen und Patientinnen zählen auch Säuglinge
Dr. Lutz Schreiber leitet jetzt eine eigenständige Klinik für Pädiatrische Neurochirurgie am Bergmannsheil Buer. Auch Operationen an winzigen Säuglingen stehen Zu seinen Patientinnen und Patientinnen zählen auch Säuglinge © FUNKE Foto Services | Ingo Otto

Bei der Operation mittels Hochleistungsmikroskop wurde ein Wirbelbogen entnommen, um das Lipom entfernen zu können. Während der OP wird bei den vollnarkotisierten Patienten mit feinen, an Muskeln platzierten Nadeln verhindert, dass beim Entfernen der Geschwulst Nerven verletzt werden, am Ende wird der Wirbelbogen wieder eingesetzt, die Rückenmarkshaut geschlossen. Mia konnte nach nur einer Woche, in der ihre Mama auch am ersten Tag auf der Intensivstation bei ihrer Tochter bleiben konnte, die Klinik verlassen.

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Heute, mit eineinhalb Jahren, rennt und tobt Mia genauso wie ihre Altersgenossen. Zweimal im Jahr kommt sie noch zu Dr. Schreiber zur Kontrolle, um sicher zu gehen, dass sich keine neuen Verklebungen gebildet haben. Weitere Einschränkungen hat sie nicht. Dass sie bis zum Abschluss von Mias Wachstum regelmäßig zur Kontrolle in die Klinik muss, schreckt Christina Hegmans nicht: „Wir freuen uns sogar auf diese Besuche. Mia fühlt sich hier richtig wohl.“

Besondere Expertise auch bei Schädelverformungen, Tumoren und Zysten im Hirn

Dr. Schreibers Spezialgebiet neben der Spina Bifida sind Öffnungen frühzeitig geschlossener beziehungsweise verknöcherter Schädelnähte, sogenannte Kraniosynosthosen. Wenn diese Nähte zu früh geschlossen sind, hat das Hirn zu wenig Platz, um sich zu entwickeln und mit zu wachsen, was zu schwersten Schäden führen kann. Dabei ist eine frühe Diagnostik und Therapie entscheidend. Bis etwa zum Ende des vierten Lebensmonats kann minimalinvasiv operiert werden. Ein schützender, individuell angefertigter und regelmäßig angepasster Helm formt die Kinderköpfchen in den Monaten nach der Operation und gewährleistet eine optimale Entwicklung von Kopfform und Hirn. Dr. Schreiber hat diese Operationen schon in weit mehr als 100 Fällen erfolgreich durchgeführt.

Bei Casper van der Linden hat Dr. Schreiber die zu früh verknöcherte Schädelnaht operativ geöffnet. Auf dem Bild mit den Eltern Lisa und Paul setzt er seinem Teddy den Helm auf, den er als nach dem Eingriff getragen hat. Casper hat heute dank frühem Eingriff keinerlei Einschränkungen.
Bei Casper van der Linden hat Dr. Schreiber die zu früh verknöcherte Schädelnaht operativ geöffnet. Auf dem Bild mit den Eltern Lisa und Paul setzt er seinem Teddy den Helm auf, den er als nach dem Eingriff getragen hat. Casper hat heute dank frühem Eingriff keinerlei Einschränkungen. © FUNKE Foto Services | Ingo Otto

Zum Behandlungsspektrum gehören zudem unter anderem Zysten innerhalb des Gehirns und des Rückenmarks, Schädelverformungen, ein kindlicher Wasserkopf sowie Tumore von Gehirn und Rückenmark.

Für Termine in der ambulanten Sprechstunde zur Abklärung und Information benötigen Eltern eine Überweisung des Kinderarztes. Informationen gibt es unter Telefon 0209 369602.