Kirchen

1500 Kirchen überflüssig: Wie Gemeinden sie retten können

Die Heilig Kreuz Kirche in Gelsenkirchen wird ein Veranstaltungszentrum.

Die Heilig Kreuz Kirche in Gelsenkirchen wird ein Veranstaltungszentrum.

Foto: Thomas Schmidtke

Ruhrgebiet.   Ein Viertel der Kirchen in NRW wird bald nicht mehr gebraucht. Das Land will Leerstand und Verfall vermeiden: Eine wurde sogar zur Turnhalle.

Die Kirche Albertus Magnus im Bochumer Süden tut nur noch so. Im Schaukasten hängen Gemeindenachrichten, doch stammen sie von St. Johannes; und „Pfarrnachrichten“ stehen auf einem anderen Blatt – die sind aber von St. Franziskus. Auch gibt es verdächtigerweise Tickets für Albertus Magnus bei Eventim. Ein Namenszug am Tor erst legt den neuen Nutzen offen: Hier wirkt das „Theater Total“. Der Name bringt gut auf den Punkt, was in einer Gemeinde passieren kann, wenn die Kirche dicht macht.

Mindestens 1500 Kirchen in Nordrhein-Westfalen werden in den nächsten Jahren nicht mehr benötigt, längerfristig sogar 2000. Damit ist jede dritte der 6000 Kirchen in NRW von Leerstand und Verfall bedroht. Die Gründe: der demographische Wandel und die Verweltlichung der Gesellschaft. Das Land will dagegenhalten.

Allein 3000 Kirchen stehen in der Denkmalliste

Denn „Kirchen sind Orte der Identifikation. Das ist ein Thema, das unsere Gesellschaft sehr bewegt“, sagte Jan Heinisch, Staatssekretär im NRW-Heimatministerium. Kirchenschließungen weckten bei vielen Menschen Angst und Emotion. Der frühere Geschäftsführer der „Landesinitiative „Stadtbaukultur“, Tim Rienits, sagte: „Kein anderer Baubestand bildet unsere Kulturgeschichte so ab.“

Der Prozess der Schließung und Entweihung läuft seit Jahren im Land, und er wird schneller und schneller. Jetzt sind schon 2000 von 6000 bedroht. Die meisten davon haben architektonischen Anspruch, allein 3000 stehen in der Denkmalliste.

„Angst, dass etwas aufgegeben wird, was Heimat war“

Vor allem aber: Sie zu schließen und eventuell abzureißen, lässt unter Menschen „Angst aufkommen, dass etwas aufgegeben wird, was sie gehalten hat und was Heimat war“, sagt Thomas Weckelmann, der Leiter des Evangelischen Büros NRW. Menschen haben dort geheiratet, Sohn und Tochter getauft, Mutter und Vater betrauert: Ein Kirchenschiff hat Gefühle geladen.

Die großen Kirchen, die Landesregierung, die Architekten- und die Ingenieurkammer wollen jetzt gegensteuern gegen Leerstand und Verfall: wollen die Kirche im Dorf lassen. Die „Landesinitiative Stadtbaukultur“ hat dazu eine Internetpräsenz aufgebaut (www.zukunft-kirchen-raeume.de), die aufzeigt, welche sinnvollen Umnutzungen es schon gibt.

Kitas, Jugend- und Altentreffs

Kitas gibt es etwa in früheren Kirchen, Jugend- und Altentreffs, aber auch eine Schulturnhalle und den Ausstellungsraum eines Orgelhändlers. Außerdem sollen ausgewählte Gemeinden in den nächsten Jahren beraten werden.

Natürlich steht auch das Ruhrgebiet voller solcher Fälle. Beispiel St. Mariä Empfängnis in Hattingen: Sie soll entweiht und vermarktet und eventuell zum Kolumbarium werden, einem Ort der Aufbewahrung von Urnen. Das ganze Kirchenleben hat sich auf die andere Straßenseite in eine Behinderteneinrichtung verlagert. Gottesdienste, „Frauengruppe und Seniorentreff, Chor und Pfadfinder – wir haben alles erhalten können“, sagt Silke Wegemann vom St.-Mariä-Förderverein.

„Hier kriegen wir einen wunderbaren, festlichen Saal“

Oder „Heilig Kreuz“ in Gelsenkirchen. Hier tobt der Umbau: Abbrucharbeiten in den Seitenflügeln, Verlegearbeiten im Innenraum, das Bauwerk bekommt Fernwärme – und die Glocken kommen bald raus. Bis auf eine, die in diesem künftigen Veranstaltungszentrum künftig als Pausengong dient. „Hier kriegen wir einen wunderbaren, großen und festlichen Saal, das macht diesen Raum einzigartig“, sagt Helmut Hasenkox, der Chef der Emschertainement GmbH, die die Ex-Kirche künftig bespielt.

Und wenn Sie jetzt denken, das klingt doch alles sehr positiv, kämen wir beispielsweise zu St. Marien in Essen: Die Kirche soll abgerissen, das Land Bauland werden. Nun erheben sich Stimmen, die das Gebäude erhalten wollen wegen seiner architektonischen und künstlerischen Bedeutung. Der Pfarrgemeinderatsvorsitzende Berthold Hiegemann sieht das im Prinzip genauso.

Aus sechs Gemeindezentren wurde eines

Das Problem: Der Erlös aus dem erhofften Bauland wird eigentlich dringend benötigt für das weitere Gemeindeleben. Ähnlich geht es der Liebfrauen-Kirche in Buer: Die vorgesehene Wohnbebauung sieht die Stadtverwaltung eher kritisch, denn damit würde die Mitte des Vororts zugebaut. Doch die Kirchengemeinde braucht auch Geld.

Jan Heinisch, der Staatssekretär, hat am eigenen Leib erlebt, was es heißt, zu schließen. Er war Bürgermeister in Heiligenhaus, südlich von Essen, als aus sechs Gemeindezentren mit Gottesdiensten eines werden musste. „Die Schwierigkeiten beginnen, wenn man überlegt, welches das sein könnte“, sagt Heinisch: „Das droht eine Gemeinde zu zerreißen.“ Am Ende hieß die Lösung: Alle sechs weg, ein Neues entsteht und nimmt die prägenden Stücke aus den alten auf. So ging es in Heiligenhaus, sagt Heinisch, aber auch dann „sind leider nicht alle Gläubigen im neuen Zentrum angekommen“.

>>>>>> Der Wettbewerb

Drei Jahre wird das Land acht ausgewählte Gemeinden oder Initiativen fachlich begleiten, die vor der Umnutzung ihrer Kirche stehen. Ausführliche Bewerbungen schicken Sie bis Mitte Juli an die „Landesinitiative Stadtbaukultur“. Erwartet wird, dass die dann ausgewählten Gruppen einen Kostenbeitrag von circa 5000 Euro leisten.

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