Der Bahnhof Marl-Sinsen ist eigentlich gut in Schuss, und würden jetzt noch Züge halten: Es wäre perfekt. Doch schimpft ein Mann gerade in sein Handy, weil der Regionalexpress 42 mal wieder nicht kommt. Und die Erklärung der Bahn ihn nicht vollends befriedigt: Wegen einer „Baumassnahme“ (!), so die Laufschrift am Bahnsteig, während die Laufschrift in der Unterführung eine andere Begründung nennt - „hoher Krankenstand.“ Irgendwas ist halt immer.
Der Pendlerparkplatz neben dem Bahnhof ist ebenfalls sehr gut in Schuss, und würde jetzt noch jemand hier parken - Sie wissen schon. Stattdessen ist er praktisch leer: Zehn Autos teilen sich an diesem Vormittag 171 markierte Parkplätze, und zwei der Wagen sind auch nur dienstlich hier: „DB Services.“ Zehn Autos sind ein bisschen wenig für einen neuen Pendlerparkplatz, besonders, da er für 1,5 Millionen Euro gebaut wurde.
„Ein erheblicher Fahrzeitgewinn durch den Wegfall dieser Halte“

Die Bewandtnis ist: Die Stadt Marl hat den Pendlerparkplatz vor wenigen Jahren gebaut, um das Park-Chaos rund um den Bahnhof Sinsen entschlossen zu beenden. Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) hat davon den größten Teil bezahlt, 1,3 der 1,5 Millionen. Doch als der Parkplatz fertig wurde, bestellte derselbe VRR den attraktiven Regionalexpress 2 für Sinsen ab. Nun fährt er hier durch - und seine potenziellen Fahrgäste sehen, nicht völlig überraschend, keinen direkten Grund mehr, hier zu parken.
Marl-Sinsen und andere Stationen seien vom RE2 abgehängt worden, weil „durch den Wegfall dieser Halte für die Relation Essen - Münster ein erheblicher Fahrzeitgewinn gewonnen werden konnte“, so der VRR-Sprecher Dino Niemann (was natürlich die Frage aufwirft, warum Züge überhaupt noch irgendwo halten sollen, wenn sie das nur bremst). Außerdem könne man nun, so Niemann, die lang angestrebte Verbindung von Osnabrück nach Essen anbieten, um so „ . . . für das System Bahn in der Summe mehr Fahrgäste zu gewinnen“.
Streit zwischen VRR und Marl über die Rückzahlung der Fördermittel
Nur halt nicht aus Marl-Sinsen. Und das hat Folgen: Denn eigentlich muss der Bauherr Stadt Marl die 1,3-Fördermillionen an den VRR zurückzahlen, wenn der Pendler-Parkplatz nicht nach spätestens zwei Jahren werktags zu 80 Prozent ausgelastet ist. Er liegt aber wesentlich näher an acht Prozent. Also Geld zurück. Eigentlich.
Falls aber der VRR selbst Schuld sein sollte an der schlechten Auslastung, gilt das nicht. Und deshalb argumentieren Lokalpolitiker nun genau so: Mit seiner Entscheidung, dass der RE2 künftig durchfährt, habe der VRR zu verantworten, dass der Pendler-Parkplatz leer steht. Also bekomme er das Geld nicht zurück. Das Problem sei auch dadurch zu lösen, dass der Regionalexpress 2 wieder in Sinsen halte - worum es Marl eigentlich geht.
VRR hofft, dass die Zahl der Pendler wieder steigt
So geht das nun schon einige Zeit hin und her. „Die Nichterreichung des Auslastungsgrades“, so wiederum VRR-Sprecher Niemann, sei nicht „dem Wegfall des RE2-Halts“ anzulasten, sondern wurde hervorgerufen durch die Corona-Pandemie und ihre Folgen: die Verlagerung von Pendlerströmen und die Verbreitung von Homeoffice.
Um das abschließend zu klären, will der VRR der Stadt Marl bis Ende 2024 eine Frist einräumen, das Geld zurückzuzahlen. Außerdem hofft er darauf, dass die Fahrgastzahlen auch in Sinsen demnächst wieder steigen. Erstens wegen des Deutschland-Tickets. Zweitens, weil „wir uns ständig bemühen, dass die DB Regio ihre Leistungen auf der Linie Regionalexpress 42 wieder verbessert“, so ein Brief der VRR-Vorstände. Der 42er ist der Zug vom Anfang der Geschichte, der wegen „Baumassnahme“ sehr unregelmäßig fährt - oder auch wegen „Krankenstand“.
„Hier ist so wenig los, da agieren meine Schüler ganz entspannt“
Und drittens gibt es ja von Dezember 2023 die neue Verbindung Bochum-Recklinghausen-Haltern, deren Züge auch in Marl-Sinsen halten. „Wir werden durch die neue Linie die Stadt Marl attraktiver an das Netz anbinden“, heißt es in dem Brief. Außerdem kündigen die Vorstände an, sich den neuen leeren Parkplatz in Marl ansehen zu wollen.
Vielleicht treffen sie dann auch auf jenen Fahrlehrer, den die „Recklinghäuser Zeitung“ aufgetan hat. Gerade mit Fahrschul-Anfängern, erzählt der Mann da, steuere er den leeren Pendlerplatz sehr gerne an. „Hier ist so wenig los, da agieren meine Schüler auch in der ersten Fahrstunde ganz entspannt.“ Nur eines könne man hier nicht üben: einparken unter realistischen Bedingungen. Es sind ja keine anderen Autos da.


