Zu den wichtigen Aufgaben des Journalisten gehört die Suche nach Experten. Man kann nicht alles wissen, daher sucht man sehr oft Menschen, die über ein Thema möglichst viel wissen und darüber möglichst verständlich sprechen. Wen aber fragt man, wenn es um die Zukunft geht, spezieller: um die Zukunft der Sportberichterstattung? Hellsehen fällt auch den größten Experten schwer.
Zum Glück gibt es Künstliche Intelligenz, kurz KI. Das ist die Zukunft, sagen aktuell viele (darunter auch Experten), die Zukunft des Journalismus und auch von so ziemlich allem anderen. Dann fragen wir die KI doch mal: Wie sieht die Zukunft des Sportjournalismus aus? Auf dem Computer-Bildschirm dreht sich kurz ein Rädchen, die KI überlegt offenbar, dann legt die vermeintliche Intelligenz los: „Die Zukunft des Sportjournalismus wird von vielen Faktoren beeinflusst.“ Ach was. Aber es geht ja noch weiter. „Ein wichtiger Faktor ist die Digitalisierung, die in den letzten Jahren stark zugenommen hat und die Art und Weise verändert, wie Menschen Informationen konsumieren. Auch die Sozialen Medien werden eine immer wichtigere Rolle spielen. Sportjournalisten müssen in der Lage sein, schnell und präzise auf Ereignisse und Entwicklungen in Echtzeit zu reagieren und über verschiedene Kanäle wie Twitter und Instagram zu berichten.“
Sportjournalismus: „Bei der WAZ hat die Zukunft längst begonnen“
Ist was dran, ist aber auch nicht sonderlich originell. Kommt da noch mehr? „Die Interaktion mit Fans und Lesern wird ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, da die Menschen zunehmend nach direktem Austausch und Feedback suchen. Zudem wird auch die Art und Weise, wie Sportereignisse übertragen werden, sich ver…“
Es hakt. Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Drei Sekunden. Dann: „Network error“, Netzwerkfehler. Viel schlauer sind wir immer noch nicht, sicher ist nur: Die KI ist (noch) nicht die Zukunft des Sportjournalismus. Obwohl ja nicht alles falsch ist an diesen Sätzen. Natürlich ist die Digitalisierung ein wichtiger Faktor. Natürlich spielen Soziale Medien eine immer wichtigere Rolle. Natürlich müssen Journalisten immer schneller, teils in Echtzeit berichten.
Nur: Das ist nicht die Zukunft. Das ist die Gegenwart. Oder anders: Bei der WAZ hat die Zukunft längst begonnen. Längst schon bildet die gedruckte Zeitung nur noch einen Teil der Arbeit der Sportredaktion ab. Längst finden sich auf waz.de viele, viele zusätzliche Texte, Bilder und Videos für unsere Abonnenten. Längst versorgen wir unsere Leser einerseits Tag für Tag mit ausgeruhten Analysen, Kommentaren, Interviews und Reportagen – aber auch rund um die Uhr praktisch in Echtzeit, mit Livetickern, mit Tweets, mit Videostreams.
Schnelle Texte und schnelle Podcasts sind Pflicht
In den vergangenen 30 Jahren hat sich das Berufsbild von Grund auf verändert. Das Internet hat viele Abläufe auf den Kopf gestellt. Immer wieder hört man Journalisten darüber jammern – wir aber nutzen lieber die Chancen, die uns die digitale Welt bietet. Denn so mancher Kollege erinnert sich noch, wie er sich vorm Eisstadion an der Brehmstraße, der früheren sportlichen Heimat der Düsseldorfer EG, um die einzige Telefonzelle balgen musste, um den Spielbericht in die Redaktion durchzugeben. Heute schalten wir während der Weltmeisterschaft ohne große Probleme Reporter aus Katar in Bild und Ton in unser Studio, wo wir den Vodcast zur WM aufnehmen. Außerdem gehört es für die Reporter selbstverständlich dazu, nicht nur Texte zu schreiben, sondern auch Video-Aufsager zu liefern. Egal, ob sie nun am Al Shamal Sports Club stehen, wo die deutsche Nationalmannschaft während der WM trainierte – oder am Gelsenkirchener Berger Feld beim FC Schalke 04. Und wenn dort der Trainer ausgetauscht wird, ist neben dem schnellen Text auch der schnelle Podcast Pflicht.
Nur einige wenige der vielen Zusatzangebote für unsere Abonnenten in der digitalen Welt. Und Podcasts und Videos, liebe KI, sind ziemlich sicher Teil der Zukunft, davon werden wir in den nächsten Jahren immer mehr liefern. Talks rund um die vielen Klubs in dieser Region, Kommentare und Analysen, Berichte aus den Trainingslagern – wer auf waz.de klickt oder unser E-Paper nutzt, wird davon künftig eine Menge geboten bekommen. Wer es weiterhin lieber gedruckt mag, bekommt aber kein bisschen weniger als bisher.
Geschichten, die sich abheben vom steten Nachrichtenstrom im Netz
Denn eines wird sich für uns bei allen Umbrüchen durch die Technik nicht ändern: Am wichtigsten bleibt der direkte Kontakt zu den Sportlern, den Trainern, den Funktionären in der Region. Das galt früher, das galt heute, das wird morgen gelten. Nur wer ein belastbares Netzwerk hat, wer einen guten Draht zu allen Beteiligten pflegt, kann aktuelle Nachrichten recherchieren, verlässliche Analysen bieten und Geschichten aufschreiben, die sich abheben vom steten Nachrichtenstrom im Netz. Und das wird eine Künstliche Intelligenz so bald nicht leisten können.
>> 75 Jahre WAZ – alle Artikel
Dieser Beitrag erscheint anlässlich des 75. Geburtstages der WAZ. Alle Artikel zum Jubiläum finden Sie unter waz.de/75jahrewaz. Unsere große Jubiläumsausgabe können Sie auch online durchblättern als digitales „Flipbook“: waz.de/jubilaeum.


