Jubiläum

WAZ-Gründer Erich Brost war ein Journalist aus vollem Herzen

Erich Brost (Vordergrund) mit Johannes Rau. Anneliese Brost (2. v. rechts), Günter Grotkamp (hinter Erich Brost), Hans-Georg Glaser (links neben Grotkamp) und Erich Schumann (links).

Erich Brost (Vordergrund) mit Johannes Rau. Anneliese Brost (2. v. rechts), Günter Grotkamp (hinter Erich Brost), Hans-Georg Glaser (links neben Grotkamp) und Erich Schumann (links).

Foto: Heinz Jürgen Kartenberg

Essen.   Erich Brost hatte mehrere Leben: als Politiker, als Widerständler gegen die Nazis und als Gründer der WAZ.

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Dieses Leben glich einer Reise durch Zeit und Raum. Es hat Frieden, Kriege und Zäsuren der Geschichte überdauert, das Kaiserreich, die Weimarer Jahre, den Nationalsozialismus, die Geburt einer neuen, in sich gefestigten Republik. Es hätte für zwei Leben gereicht: Der Widerstand gegen ein perfides Regime, Flucht und Odyssee durch Europa, die Kraft, in einer zerbombten Wüstenei einen Neuanfang zu wagen und ein Medienunternehmen zu schaffen, das zu den größten gehört.

Doch all dies war vereint in dem fast 92-jährigen Leben von Erich Brost, der zusammen mit seinem Partner Jakob Funke die WAZ gegründet und zur „Stimme des Ruhrgebiets“ aufgebaut hat.

Brost ist ein leidenschaftlicher Leser

Wenn frühe Erfahrungen prägen, so auch ihn. Im westpreußischen Elbing, dem heutigen Elblag in Polen, am 29. Oktober 1903 geboren, wächst der Sohn eines Maschinenmonteurs in einem sozialdemokratisch orientierten, gewerkschaftlich engagierten Milieu auf. Begeisterungsfähig ist der Junge, ihn interessiert historisch-politische Literatur und er liest leidenschaftlich gern. So bleibt es zeitlebens, die sich Jahrzehnte später Meter um Meter reihenden Bücherwände in seinem Haus im Essener Süden zeugen davon. „Man muss doch informiert sein, um zu leben“ lautet sein Prinzip.

Danzig. Die uralte Hansestadt nahe der Mündung der Weichsel wird zum Schicksalsort werden. Hier verknüpft sich sein Leben mit Weltpolitik. Es ist sein „erstes Leben“, das des Politikers Brost.

Politiker in Danzig, zwischen den Fronten

Nach einer Buchhändlerlehre Redakteur bei der „Danziger Volksstimme, zieht er für die SPD in den Volkstag ein, ins regionale Parlament. Als „Freie Stadt“ steht Danzig in den 20er, 30er Jahren unter dem neutralen Schutz des Völkerbundes in Genf, denn sowohl Deutsche als auch Polen betrachten die Stadt als eigenes Terrain. National Gesinnte, besonders Rechte, schüren den Konflikt – und Brost tritt dem brandgefährlichen Treiben nach Kräften entgegen, ausgleichend, vermittelnd, aber bestimmt. Aussöhnung, Freundschaft mit Polen, dem „Erzfeind“, bleibt für ihn alle Zeit ein Gebot von Herz und Vernunft. Später, in der Hitze des Kalten Kriegs, wirbt er – niemals verbohrter Ideologe – mit Verve aber besonnen für Entspannungspolitik.

Als sich die Nationalsozialisten in Danzig ausbreiten, prangert Brost deren rüde Übergriffe in der Stadt an, gerät ins Visier der Hitler-Partei. Im letzten Moment vor Verschleppung gewarnt, emigriert er 1936 nach Warschau, zieht später mit Ehefrau Margarete über Finnland und Schweden nach England ins Exil. Kurz vor Weihnachten 1942 erreicht er London, wo er beim deutschsprachigen BBC-Programm wirkt, das Goebbels’ Kriegspropaganda konterkariert. Was ihm das Wichtigste im Leben gewesen sei, wird Brost in hohem Alter gefragt. Und er, der alles erreicht hat, der zu Ansehen und beträchtlichem Wohlstand kam, sagt: „Dass wir Widerstand geleistet haben gegen die Nazis.“

Eine zweite Karriere im Journalismus nach dem Krieg

Anfang Juni 1945 kehrt der Emigrant mit der britischen Besatzungsmacht nach Deutschland zurück. 42 ist er, als sein „zweites Leben“ beginnt, das des Journalisten und Verlegers Brost. Er arbeitet für den „Kölnischen Kurier“ und die „Ruhr-Zeitung“ in Essen, beim Aufbau von „Radio Hamburg“ und als Chefredakteur für die „Neue Ruhr Zeitung“. Dann beruft ihn der SPD-Vorstand zum Kontaktmann mit dem Alliierten Kontrollrat der Siegermächte in Berlin. Noch schwankt Brost zwischen Parteilaufbahn und Journalismus. Die Entscheidung fällt mit dem Angebot der Briten, an der Ruhr eine neue, parteiunabhängige Zeitung zu gründen. Als seinen Nachfolger beim Kontrollrat schlägt Erich Brost einen Mann vor, den er im Exil kennenlernte. Er heißt Willy Brandt.

Anfang 1948 erhält Brost die Lizenz Nr. 192, die Geburtsurkunde der WAZ. Er nimmt den Essener Journalisten Jakob Funke zum Partner, einen glänzenden Organisator und Kenner des Reviers mit wichtigen Kontakten. Obwohl sie sich später entzweien, wird eine Erfolgsgeschichte daraus. Funke leitet den Verlag, Brost übernimmt die Chefredaktion, will mit der WAZ „das Zusammengehörigkeitsgefühl der Ruhrbevölkerung fördern“. Getragen von „freiheitlichem, rechtsstaatlichem Geist“ und entschieden sozial soll sie sein. Die Sorgen der Menschen im Zentrum der Schwerindustrie sind ihm vertraut, hat doch der Vater bei einem Lohnstreik die Arbeit verloren. Brost war damals acht, noch mit 90 erinnert er sich seiner Ängste, als sei es gerade erst geschehen.

Von der Redaktion erwartet er objektive, verständliche, leicht lesbare Texte. Intellektuelle Attitüde ist ihm gänzlich fremd. Der Maßstab, den er an sich und andere legt, ist Bildung, der seine Hochachtung gilt. Dass ein „gelernter“ Sozialdemokrat ein unabhängiges Blatt führt, hat irritiert. Aber Brost ist kein Eiferer, er ist tolerant, eher konservativ in seinem Wesen, pflegt Freundschaften auch in anderen politischen Lagern, respektiert Konrad Adenauer und der respektiert ihn.

Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner frühen dramatischen Jahre liegt ihm fortschreitenden Alters jähe Veränderung nicht. Man fühlt es in seinem Haus in Essen-Bredeney, da scheint die Zeit stillzustehen: Noch zur Jahrtausendwende trifft der Besucher auf großbürgerlich unaufdringliche Gediegenheit im Charme der 1950er-, 60er-Jahre. Ein geräumiger Bungalow zwar, doch nirgendwo das betont luxuriöse Ambiente von Großspurigkeit. Ein stiller Buchladen liegt Brost näher als Gesellschaft, die in gestelzter Pose parliert. Zurückhaltend, manchmal seltsam anmutend scheu, manchmal ein wenig im Gestrigen lebend – so geht er privat wie beruflich auf Menschen zu.

Brost bleibt präsent in der Redaktion

1970 übergibt Brost die Chefredaktion an Siegfried Maruhn, einem bewährten Vertrauten.1975, neun Jahre nach dem Tod seiner Frau Margarete, aus deren 38jähriger Ehe mit ihm der Sohn Martin hervorging, heiratet er Anneliese Brinkmann, seit der ersten Stunde der WAZ seine Sekretärin und rechte Hand. Fast bis zum Lebensende bleibt er präsent in seinem Büro an der Friedrichstraße, bei der Nachmittagskonferenz, lässt sich über die Weltlage berichten - und da ist es dann wieder, jenes „man muss doch informiert sein...“, die Lebensdevise, die sich 1991 auch in der Stiftung des „Instituts für Journalismus in Europa“ in Dortmund niederschIägt, das seinen Namen trägt.

Am 8. Oktober 1995, drei Wochen vor seinem 92. Geburtstag, ereilte der Tod mit Erich Brost einen Pionier der jüngeren Zeitungsgeschichte. Die Redaktion verlor einen väterlichen Freund.

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