Lange Schlangen vor den Tafeln in NRW

An Rhein und Ruhr.   Die gute wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland geht an einer steigenden Anzahl von Menschen in Nordrhein-Westfalen vorbei. Fast eine halbe Million Bürger haben offenbar so wenig Geld zum Leben, dass sie regelmäßig auf gespendete Nahrungsmittel von einer der rund 170 Tafeln in NRW angewiesen sind.

Die gute wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland geht an einer steigenden Anzahl von Menschen in Nordrhein-Westfalen vorbei. Fast eine halbe Million Bürger haben offenbar so wenig Geld zum Leben, dass sie regelmäßig auf gespendete Nahrungsmittel von einer der rund 170 Tafeln in NRW angewiesen sind.

„Wir versorgen jetzt ein Drittel mehr Menschen als noch vor einem Jahr“, sagt Wolfgang Weilers­wist. Der Vorsitzende des NRW-Tafelverbandes mit Sitz in Essen spricht von einer erschreckenden Entwicklung, die sich besonders in Großstädten des Ruhrgebiets abzeichne: „Der Andrang ist so groß, dass Tafeln lange Wartelisten mit bis zu 5000 Menschen haben.“ Die rund 18 000 engagierten Ehrenamtlichen arbeiteten vielfach im Anschlag.

Der enorm gewachsene Bedarf an Lebensmittelspenden sei nicht nur auf die seit 2015 sprunghaft angestiegene Zahl von Flüchtlingen zurückzuführen. „Auch ohne sie versorgen wir jährlich etwa fünf bis zehn Prozent mehr Bedürftige“, sagt Weilers­wist. Zu den rund 450 000 Betroffenen zählten immer mehr junge Frauen, Alleinerziehende und Aufstocker, deren Rente oder Gehalt trotz Mindestlohn nicht ausreicht.

Die Hürde für Senioren ist gesunken

Der Soziologe Michael Hartmann nennt zwei Gründe für diese Entwicklung. „Wir haben zwar eine Rekordbeschäftigung, aber das Volumen der vorhandenen Arbeit in Deutschland hat nicht zugenommen.“ Es arbeiten somit mehr Menschen im Niedriglohnsektor oder in Teilzeit. Zudem sei gerade bei älteren Menschen die Schwelle gesunken, zur Tafel zu gehen – um zu verhindern, dem Staat oder Angehörigen zur Last zu fallen.

Bei der Tafel müssen die Betroffen ihre Bedürftigkeit nachweisen. Sind sie in die Kartei aufgenommen, können sie zu einem festgelegten Rhythmus die Ausgabestelle aufsuchen. Für die Lebensmittel zahlen sie meist einen Obolus, von dem die Tafeln etwa Tüten bezahlen. Alles Weitere finanzieren die Einrichtungen durch Spenden.

Seit Eröffnung der ersten Tafel 1993 in Berlin ist ihre Anzahl auf aktuell 934 in Deutschland gewachsen. Auch in NRW ist die Tendenz steigend: Ende 2016 eröffnete in Meerbusch eine neue Hilfseinrichtung, die nächste Neugründung steht bereits bevor.

Um vor allem die kleineren Tafeln zu unterstützten, hat sich der Landesverband professionalisiert: Er hat Logistikzentren mit Kühlmöglichkeiten aufgebaut, in denen von großen Firmen gespendete Ware aus Über- oder Fehlproduktionen gelagert wird. Jährlich mehrere Hundert Lastwagen mit Produkten, die gar nicht erst in die Läden kommen, würden dort vorfahren, sagt Weilerswist, ihre Ware eingelagert und verteilt.

Nötig sei das, weil Spenden aus Supermärkten zurückgegangen seien. „Heute verkaufen fast alle Geschäfte stark reduzierte Lebensmittel, die früher wir Tafeln bekommen haben“, so Weilerswist.

Trotz der enormen Belastung der Tafeln in NRW formuliert er im Wahljahr 2017 nur bescheidene Forderungen: dass die Tafeln von den Rundfunkgebühren befreit werden oder dass sie für die Entsorgung ihres Mülls nichts mehr zahlen müssen. „Das sind nur ein paar Hundert Euro im Jahr, aber für eine kleine Tafel ist das viel Geld.“

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