Veranstaltung

„FuckUp Nights“: Die Feier der gescheiterten Unternehmer

Der ehemalige Bundesvorsitzende der Piratenpartei Patrick Schiffer sprach bei der ersten FuckUp Night in Mönchengladbach über sein Scheitern in der Politik.

Der ehemalige Bundesvorsitzende der Piratenpartei Patrick Schiffer sprach bei der ersten FuckUp Night in Mönchengladbach über sein Scheitern in der Politik.

Foto: Kai Kitschenberg

Mönchengladbach.   In immer mehr Städten in NRW erzählen Menschen, wie sie im Job versagt haben. Damit wollen sie anderen die Angst vor dem Fehler machen nehmen.

Der Mann mit dem weißen Hemd und der braunen Schiebermütze steht im Scheinwerferlicht und redet. 200 Zuschauer sitzen davor und hören gebannt zu, wie er die Geschichte seines Scheiterns erzählt. „Ich hatte einen Rucksack an Schuldgefühlen auf, den ich erst nach einer bestimmten Zeit wieder abstreifen konnte“, sagt der 45-Jährige Patrick Schiffer. Als Bundesvorsitzender der Piratenpartei von August 2016 bis Oktober 2017 stürzte er mit der Bewegung ins Bodenlose, musste miterleben, wie die Partei Wahl um Wahl aus den Landesparlamenten wieder verschwand.

Patrick Schiffer ist einer der Referenten bei der ersten „FuckUp Night“ (FUN) in Mönchengladbach. Das englische Schimpfwort „FuckUp“ kann in diesem Zusammenhang salopp mit „vermasselt“ übersetzt werden. Denn bei den FuckUp Nights handelt es sich um eine Show mit einfachem Konzept: Unternehmer oder eben Politiker stellen Ideen vor, von denen sie begeistert waren, die sie zielstrebig verfolgten, aber mit denen sie am Ende doch scheiterten.

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In über 250 Städten weltweit gibt es diese Veranstaltungen schon, mancherorts sind sie bereits Kult. 2012 wurden sie in Mexiko City ins Leben gerufen, seitdem kommen Hunderte Menschen zu den Abenden, um sich Geschichten vom unternehmerischen Schiffbruch anzuhören.

Fehler als Antrieb nutzen

„Diese Veranstaltungen hier haben unter anderem das Ziel, eine Veränderung der Fehlerkultur in Deutschland voranzutreiben“, erklärt Peter Godulla, Initiator der ersten FUN in Mönchengladbach. Denn die Angst, Fehler zu machen, stünden einer ersten Firmenidee oft im Weg, so Godulla. Wenn es dann doch zu einer jungen Firmengründung gekommen sei, einem so genannten Start-up, gingen diese dann aber eher konstruktiv mit Fehlern um und versuchten, daraus zu lernen: „Gerade diese Denkweise müssten andere Unternehmen übernehmen.“

Dem pflichtet Christian Dasbach bei, der bereits 2014 die FUN im Ruhrgebiet mitgegründet hat: „Fehler machen zu dürfen ist für Innovationen sehr wichtig. Das haben wir aber in der Schule nicht gelernt. Da gab es im Regelfall nur gute Noten, wenn wir alles richtig gemacht haben.“ Das Konzept vom versuchen und scheitern vergleicht er mit der Physik, wo auch viel vergebens ausprobiert wird, bis endlich etwas funktioniert.

Keine Unterstützung beim Ehrenamt

„Scheitern passiert nicht, weil ich Zuhause auf dem Sofa sitze. Ich habe mir was überlegt, Engagement in eine Sache reingesteckt und auf einmal komme ich an einen Punkt, wo ich aufhören muss, wo mir natürliche Grenzen gesetzt werden. Dieser Moment ist ganz wichtig für alle von uns“, erinnert sich der ehemalige Piratenpartei-Chef Patrick Schiffer.

Es sei wichtig zu realisieren, „wo muss ich schrauben, damit es nicht ein weiteres Mal passiert“. Er habe sich mehrere Monate gefragt, was er aus dem Absturz seiner Partei gelernt habe – so sei beispielsweise die fehlende Unterstützung für ehrenamtliche Tätigkeiten in der Partei ein Punkt gewesen, der ihn an die Grenzen seiner Belastbarkeit geführt habe. Für seine Ehrlichkeit erntet der Ex-Piratenchef Applaus des Publikums.

Schuldgefühle abarbeiten

Auch der Unternehmer Bouke Stoffelsma ist grandios gescheitert, wie er in Mönchengladbach erzählt. Stoffelsma entwickelte vor 15 Jahren ein ausgeklügeltes System für die Rücknahme von Pfanddosen, lag voll im Trend, hatte mehrere große Unternehmen an seiner Seite und hoffte, dass diese Technik bundesweit zur Pfandrücknahme eingeführt würde. Es sah gut für ihn aus, doch in der letzten Sekunde entschied sich eine Jury gegen seinen Vorschlag. Aus der Traum.

Genau über solche Erfahrungen zu sprechen sei sowohl für den Redner als auch für die Zuschauer bei jeder FUN immens wichtig, betont Veranstalter Peter Godulla: „Sind noch Schuldgefühle vorhanden, können diese immer gut während des Vortrags und im Gespräch mit dem Publikum abgearbeitet werden.“ Wie bei einer Therapie.

FUN-Ruhrgebiets-Gründer Dasbach wird im September bereits die elfte Redenacht veranstalten. Er hat sich seit der ersten Veranstaltung vor vier Jahren ein festes Stammpublikum aufgebaut: „Es kamen von Anfang an auch junge Unternehmer zu den Abenden, die an der Einführung einer gesunden Fehlerkultur in Ihrem Unternehmen interessiert sind.“

Termine und weitere Informationen

Die elfte Auflage der FUN im Ruhrgebiet findet am Mittwoch, 19. September in Bochum statt. Vier bis fünfmal im Jahr veranstaltet Christian Dasbach zusammen mit einem größeren Team eine FUN. Das Ganze geschieht auf ehrenamtlicher Basis. Bislang waren die Veranstaltungen für die Besucher immer kostenlos.

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