Die Retter aus der Döner-Bude

Altena.   Der linke Oberarm tut noch weh vom Kampf. „Wie Muskelkater“, sagt Ahmet Demir (27) und winkt ab. Nicht der Rede wert. Und auch sein Vater Abdullah (59) verliert kein Wort über die Schnittwunde an der linken Hand, die er sich am Montagabend zugezogen hat. Als ein 56-jähriger Kunde in ihrem Döner-Imbiss in Altena plötzlich ein langes Messer zückt und auf Andreas Hollstein losgeht und als die Demirs mutig dazwischengehen. Bürgermeister der kleinen Stadt im Sauerland ist Hollstein und bekannt für seine liberale Flüchtlingspolitik. Genau die wird ihm an diesem Abend beinahe zum Verhängnis. „Ohne das beherzte Eingreifen von Vater und Sohn“, macht sich Hollstein gestern keine Illusionen, „würde ich wohl nicht mehr leben.“

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Der linke Oberarm tut noch weh vom Kampf. „Wie Muskelkater“, sagt Ahmet Demir (27) und winkt ab. Nicht der Rede wert. Und auch sein Vater Abdullah (59) verliert kein Wort über die Schnittwunde an der linken Hand, die er sich am Montagabend zugezogen hat. Als ein 56-jähriger Kunde in ihrem Döner-Imbiss in Altena plötzlich ein langes Messer zückt und auf Andreas Hollstein losgeht und als die Demirs mutig dazwischengehen. Bürgermeister der kleinen Stadt im Sauerland ist Hollstein und bekannt für seine liberale Flüchtlingspolitik. Genau die wird ihm an diesem Abend beinahe zum Verhängnis. „Ohne das beherzte Eingreifen von Vater und Sohn“, macht sich Hollstein gestern keine Illusionen, „würde ich wohl nicht mehr leben.“

Montagabend, kurz vor 20 Uhr. Auf dem Nachhauseweg will Hollstein im City-Döner etwas zu essen holen, als ihn dort ein Gast anspricht, den die Polizei später als Werner S. identifizieren wird: „Sind Sie der Bürgermeister?“ Als Hollstein bejaht, holt der Mann ein mehr als 30 Zentimeter langes Messer aus seinem Rucksack. „Du bist Schuld, dass ich nichts zu saufen habe“, brüllt er, schimpft über Flüchtlinge, nimmt sein Opfer in den Schwitzkasten, will ihm das Messer in den Hals rammen. Doch Hollstein wehrt sich, kann das Messer wegdrücken, und binnen Sekunden eilen Ahmet Demir und sein Vater zur Hilfe. Mit vereinten Kräften können die den Angreifer überwältigen, während Mutter Demir in die Polizeiwache nebenan läuft und die Beamten alarmiert, die S. sofort festnehmen und abführen. Hollstein kommt mit dem Schrecken und einer kleinen Schnittwunde am Hals davon. „Glück gehabt“, sagt er.

Im Mai mit Preis ausgezeichnet

Natürlich gibt es am nächsten Morgen kaum ein anderes Gesprächsthema in der Stadt. „Fassungslos“ sind die einen, „mit der Angst“ bekommen es andere zu tun, und viele sagen: „Ausgerechnet in Altena“, in der Stadt, die erst im Mai von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem „Nationalen Integrationspreis“ geehrt wurde. Weil sie mehr Flüchtlinge aufgenommen hat, als sie nach dem Verteilschlüssel hätte aufnehmen müssen. Und weil sie die derzeit 450 Flüchtlinge nicht in Sammelunterkünfte stopfte, sondern in leerstehende Wohnungen. Er wolle, hat Andreas Hollstein mal gesagt, seinen vier Kindern kein Europa übergeben, an dessen Grenze Menschen an Zäunen verhungern.

Zumal er, auch das gibt der Bürgermeister offen zu, neue Bewohner in seiner Stadt dringend benötigte. Wo 1970 noch 32 000 Menschen lebten, waren es 2014 nur noch rund 17 500. „Die Stadt lag im Sterben“, bestätigt eine Ladeninhaberin. Sie persönlich würden die „vielen Flüchtlinge“ nicht stören. „Aber nicht jeder denkt so wie ich.“ Ein älterer Herr kann das nur bestätigen. Er hat selber ehrenamtlich geholfen. „Und ich bin deshalb oft beschimpft und bedroht worden.“ Grundsätzlich sei der Kurs der Stadtverwaltung ja richtig, „aber der Hollstein hätte die Menschen besser informieren müssen. Viele haben Angst, ohne genau zu wissen wovor, andere sind einfach unzufrieden.“

Offenbar ist Werner S. einer von ihnen. Gelernter Maurer, allein lebend in einem Haus, das sich in der Zwangsversteigerung befindet und offenbar pleite. Jedenfalls haben sie ihm das Wasser abgestellt, was erklärt, warum er bei seiner Festnahme rief: „Mich lassen sie verdursten, holen aber 200 Flüchtlinge in die Stadt“. Sonst sagt S. bisher nichts – außer dass er Depressionen habe. Polizeilich in Erscheinung getreten ist der zur Tatzeit mit rund 1,1 Promille alkoholisierte Mann nur wegen Kleinigkeiten. Verbindungen zur Neo-Nazi Szene haben die Ermittler bisher ebenso wenig gefunden wie Hinweise darauf, dass die Tat von langer Hand geplant war. „Wir ermitteln wegen versuchten Mordes aus niederen Beweggründen“, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Im City-Döner läuft der Betrieb unterdessen so normal weiter, wie es geht. „Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen“, sagt Ahmet Demir, „aber natürlich machen wir auf.“ In nächster Zeit, ahnt der junge Mann, werde er wohl etwas misstrauischer sein bei Kunden, die er nicht kenne. „So etwas hinterlässt Spuren.“ Und ja, es hätte schlimmer ausgehen können, auch für ihn und seinen Vater. Dennoch würde Ahmet jederzeit wieder ganz genauso reagieren, denn: „Das gehört sich einfach so.“

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