Sein T-Shirt zeigt einen vermummten Demonstranten, der so etwas wie einen Brandsatz schleudern will. Doch in der rechten Hand hält er keinen Molotow-Cocktail, sondern das goldgelb leuchtende B mit den zwei Strichen: einen Bitcoin. Doch wenn man Gideon Gallasch, dem T-Shirt-Träger, glauben darf, dann hat die Kryptowährung durchaus die Chance, ein weltwirtschaftliches Feuer zu entfachen. Eines, das über die hochriskante Spekulation mit der merkwürdigen Währung weit hinausgeht.
Gallasch, gelernter Mediendesigner, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kryptowährung aus der Welt der Computernerds und Hochrisikospekulanten in den Alltag zu überführen. Ein wesentlicher Schritt dazu: Im Unperfekthaus, einem eher alternativ angehauchten Tagungs- und Treffpunkt in der Essener Innenstadt, steht einer der ersten Bitcoin-Automaten Nordrhein-Westfalens.
„Von diesem Automaten gibt es bislang vier in Deutschland“, sagt Gallasch – bislang hatte die Bafin, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, die Aufstellung verhindert, die in den meisten anderen Ländern problemloser geht. Die Schweizer Bundesbahn verkauft an ihren Fahrkartenautomaten auch Bitcoin.
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Währungsfragen sind Vertrauensfragen
Gallasch zeigt gleich, wie es geht. Nun, ungefähr so wie der Fahrkartenkauf per Online-App: Er schiebt einen 20-Euro-Schein hinein, es blinkt kurz. Und dann hat er auf seinem Smartphone eine ziemlich lange Code-Nummer und damit die Bestätigung, soeben 0,002613 Bitcoin erworben zu haben. Das Ganze wird in seiner App gespeichert, einer Art elektronischer Brieftasche, wie sie auch Google, Apple und manche Bank fürs Bezahlen per Code anbietet.
Wer sich mit Gideon Gallasch über Bitcoins im Speziellen und Kryptowährungen im Allgemeinen unterhält, landet sehr fix in wirtschaftstheoretischen, ja beinahe philosophischen Überlegungen. Was verleiht einer Währung den Wert? Warum gibt mir mein Supermarkt das Abendessen, nur weil ich eine Plastikscheibe übers Lesegerät halte?

Letztendlich geht es um Vertrauen in ein System. Beim Euro bürgt die Europäische Zentralbank, beim Dollar der amerikanische Staat. Und beim Bitcoin? Ein Programmiercode, die Blockchain, ein sich stetig verlängernder Code, der auf ungezählten Rechnern liegt und in der jede Transaktion gespeichert und beglaubigt wird.
In dieser dezentralen Struktur sieht Gallasch den großen Vorteil. Bitcoin sei, im Gegensatz zu vielen anderen seiner kleineren und jüngeren Geschwister, schon so groß, dass er unhackbar geworden sei. Und unkorrumpierbar. Anders als das Establishment. Zudem liege dem Bitcoin quasi ein Goldstandard zugrunde: Die Zahl der schürfbaren Bitcoins sei endlich. Eine Inflation durch Ausweitung der Geldmenge unmöglich.
Gallasch erinnert an die Finanzkrise 2008: Damals verhinderten Merkel und Steinbrück einen Zusammenbruch des Finanzsystems, indem sie sich mit ihrer ganzen Glaubwürdigkeit vor die Kameras stellten und versicherten, der Euro sei sicher. War er auch – aber nur, weil die Menschen ihnen glaubten.
„Würde das heute noch einmal funktionieren?“, fragt Gallasch, eher rhetorisch. In der Türkei, in Venezuela und Simbabwe setzen viele Menschen auf den Bitcoin und andere Kryptowährungen. Überall da, wo das Vertrauen in die abstrakte Währung größer ist als in den staatlichen Finanzsektor.
Nebenan, im seit zwei Jahren existierenden „Blockchain-Hotel“ wird am Donnerstag und Freitag die nächste große Konferenz zum Thema Kryptowährung steigen. Laut Gallasch sind viele große Unternehmen interessiert an den Möglichkeiten der Verschlüsslungstechnologie, aber auch an der neuen Währung. Doch es gibt auch Angebote für den Laien: Einen Ein-Tages-Workshop, wo man alles über die Technologie und den Handel mit Kryptowährungen lernt. Die Teilnahmegebühr ist selbstverständlich auch in Bitcoin zahlbar.

Das Trinkgeld für denPizzaboten gibt es noch in Euro
„Hier und jetzt könnte ich mir bei Lieferando eine Pizza bestellen“, sagt Gallasch. Hat er auch schon gemacht. Und folgte damit einer Tradition der Bitcoin-Gemeinde. Einst, im Mai 2010, in der Frühsteinzeit der Kryptowährung, schürfte jemand 10.000 Bitcoin und postete seufzend ins Netz: „Wer mir jetzt mehr als eine Pizza bringt, kann sie haben.“
Seitdem gilt der 22.Mai 2010 als der Tag, an dem Bitcoins erstmals gegen eine reale Ware getauscht wurden. Damals waren sie (noch) quasi wertlos, nach heutigem Stand hat der Software-Entwickler von einst 150 Millionen für seine zwei Abendessen bezahlt. Und, hat Gallasch schon mal eine Pizza mit Bitcoins bezahlt? Gallasch nickt. Und das Trinkgeld? „Na ja, das gab es natürlich in Euro.“


