- Eine Krankheit und emotionale Lasten haben die Familie unserer Autorin geprägt
- Sie erzählt, was sie als Kind hinter den Gesten ihrer Mutter nicht erkennen konnte
- Für sie ist „Cycle Breaking“ ein täglicher Kampf und kein perfekter Neuanfang
Ich bin vermutlich etwa 13 Jahre alt, stehe hinter der Bühne der Stadthalle, mein Herz rast. Letzter Kostümcheck. Lampenfieber. Ich möchte mich auf meinen Auftritt konzentrieren. Durch den Vorhangspalt sehe ich sie: fünfte Reihe, Mitte. Meine Mutter. Sie winkt. Kussmund. Sie will meine Aufmerksamkeit. Natürlich winkt sie heftiger. Ich drehe mich zu meinen Freundinnen. So oder so ähnlich war das bei jeder Aufführung, jedem noch so unbedeutenden Auftritt meiner Tanzschule. Denn meine Mama war da. Jedes einzelne Mal. Und ich? Fand es peinlich.

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Noch peinlicher war es, wenn sie danach in die Umkleide kam, mich vor den anderen Mädchen umarmte und küsste – Pubertätshormone hin oder her. Das wurde nur davon getoppt, dass sie vor anderen damit prahlte, was ich Tolles gemacht oder geleistet hatte, oder was für eine gute Schülerin ich sei. Dann gab es eine Phase, da kaufte sie sich dieselbe Kleidung wie ich und andere Erwachsene sagten: „Wow, ihr könntet Schwestern sein!“ Ich wollte im Boden versinken. Heute bin ich gut 40 Jahre alt. Selbst Mutter zweier Kinder. Und wenn ich an manche dieser Momente denke, schäme ich mich mitunter auch für mich.
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„Früher habe ich meine Mutter nicht verstanden, jetzt schon“ – der Gedanke ist nicht neu. „Wenn du mal in mein Alter kommst …“ – diesen Spruch musste ich mir selbst früher schon oft anhören. Ein totales Klischee. Aber wie bei so vielen Klischees ist da auch was Wahres dran. Es reicht aber nicht, sich diese Erkenntnis einmal im Jahr zum Muttertag bewusst zu machen. Wirkliche Reflexion muss wehtun dürfen. Man muss hinschauen – nicht nur auf das Schöne, auf Anekdoten, über die man mit Abstand schmunzeln kann, sondern auch auf das Schmerzhafte. Es geht nicht darum, das Verhalten der eigenen Mutter nachträglich zu verklären, sondern darum, seinen eigenen Kindern einen noch besseren Start ins Leben zu ermöglichen, als man ihn selbst hatte.
An anderen Abenden war ich allein daheim, erst mit meinem Bruder, später ohne. Meine Eltern waren unterwegs – jeder bei seinem Hobby, manchmal gemeinsam. Ich saß allein am Wohnzimmertisch: Tiefkühlpizza, Asterix-Videos, leeres Haus. Ich habe das gehasst. Heute weiß ich: Es war ihr Versuch, jeder für sich und als Paar zu überleben, nicht nur noch als Eltern zu funktionieren. Die Ehe ging trotzdem in die Brüche. Aber es war keine Gleichgültigkeit. Es war Selbstfürsorge.
Sinnlos und rückständig
Parentifizierung: Wenn Eltern ihre Kinder zu Vertrauten machen
Meine Mutter war bereits sehr krank, als ich noch ein kleines Kind war. Eine schwere Diagnose, über die niemand sprach. Nach außen waren wir die vermeintlich perfekte Familie. Sie funktionierte einfach weiter – Frühstück, Fahrdienste, Abendessen, gemeinsame Ausflüge – bis sie nicht mehr konnte. Und dann funktionierte sie trotzdem weiter. Sie hielt den Laden am Laufen, bis sie nicht mehr konnte. Was dabei verloren ging: Geduld, entspannte Nähe, kindliche Rebellion.
Es gab Abende, an denen die Emotionen wegen Kleinigkeiten eskalierten, und ich spürte, dass viel mehr dahintersteckte, als ich als Kind in Worte fassen konnte. Dann gab es andere Abende. Da erzählte sie meinem Bruder und mir von ihren Problemen – der Verzweiflung, ihrer Ehe, ihren Ängsten. Sie wollte, dass wir verstehen. Doch was sie tat, hat einen Namen, den ich erst viel später lernte: Parentifizierung. Sie machte mich zur Vertrauten für Lasten, die kein Kind tragen sollte.
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Ihre Mutter, meine Großmutter, war eine harte Frau. Nachkriegsgeneration, emotionale Sparsamkeit als Überlebensprinzip. Verdrängung. Ignoranz. Gefühle waren Luxus, Tränen waren Schwäche, Umarmungen gab es selten. Meine Mutter hat unter dieser Kälte gelitten – und trotz des Wunsches, es ganz anders zu machen, Muster übernommen.
Familie: Kleine Schritte mit großer Wirkung
Cycle Breaking, das bewusste Durchbrechen generationaler Muster, ist kein Schalter, den man einfach umlegt. Es ist ein tägliches Ringen. Und meine Mutter hat gerungen – trotz all ihrer Herausforderungen. Sie ist zu jeder Aufführung gekommen. Sie hat mich ermutigt, in die Welt hinauszuziehen, mich unterstützt, als ich in jungen Jahren ins Ausland wollte, statt direkt zu studieren – etwas, das sie selbst nicht durfte. Sie hat mir gesagt, wie stolz sie auf mich und meine Lebensentscheidungen ist. Von ihrer Mutter kam nie etwas Vergleichbares.
Den Kreislauf hat sie nicht vollständig durchbrochen. Aber sie hat Risse hineingeschlagen. Und durch diese Risse fiel genug Licht, damit ich sehen konnte, wo ich selbst weitermachen muss. Vor wenigen Tagen hatte meine eigene Tochter eine Aufführung. Sie spielte drei Lieder mit ihrer Musikklasse. Alles Anfänger. Ich saß in der fünften Reihe, suchte Blickkontakt, winkte unauffällig. Ich musste innerlich lachen und fühlte mich ertappt beim Gedanken an meine Kindheit. Und auch wenn sie ein Teenie ist und mich peinlich findet, werde ich trotzdem wieder da sein.
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Der Unterschied, den ich machen will, liegt in den Sätzen, die ich nicht sage. In den Momenten, in denen ich meine eigene Erschöpfung nicht an meinen Kindern auslasse. In denen ich meine Probleme nicht zu ihren mache. In dem Versuch, den Kreislauf ein weiteres Stück aufzubrechen. Schaffe ich das immer? Nein. Ich werde auch laut. Ich bin auch erschöpft. Ich sage auch Dinge, die ich bereue. Aber ich gehe danach hin und sage: „Es tut mir leid. Ich habe mich falsch verhalten. Du bist genau richtig, wie du bist.“ Vielleicht ist genau das der Unterschied. Nicht perfekt sein. Sondern wissen, wenn man es nicht war. Sich entschuldigen und die eigenen Schwächen klar kommunizieren.
So sehr ich als Kind manchmal geflucht habe, ich bin meiner Mutter dankbar. Für jede Aufführung, bei der sie da war. Für den Kampf mit sich selbst. Für jeden Riss, den sie in den Kreislauf der eigenen Mutter-Tochter-Dynamik geschlagen hat – obwohl sie selbst dafür oft kaum Kraft hatte. Ich mache damit ganz bewusst weiter – jeden Tag. Für mich. Für meine Kinder. Und ein Stück weit auch für sie.









