- Die sogenannte Zuckersteuer soll früher kommen als erwartet
- Dabei sind nicht nur zuckerhaltige Lebensmittel, sondern auch süßstoffhaltige betroffen
- Ärzte erklären, welche Auswirkungen eine solche Steuer hätte
Die Bundesregierung plant ab 2027 eine Abgabe auf mit Zucker gesüßte Getränke. Wie jetzt ein Bericht der „Bild“ offenbart, sollen auch süßstoffhaltige Getränke betroffen sein, darunter die sogenannten „Zero“- und „Light“-Drinks. Das geht aus dem Gesetzentwurf für die Reform der Krankenversicherung hervor. Mit den Einnahmen von rund 450 Millionen Euro pro Jahr sollen die gesetzlichen Krankenkassen entlastet werden. Was könnte auf Verbraucherinnen und Verbraucher zukommen und was sagen Wissenschaft, Handel und Industrie zu den Plänen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
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Wie stark sollen die Getränke besteuert werden?
Eine Kommission zur Reform der gesetzlichen Krankenversicherung schlägt vor, die Abgaben zu staffeln. Jene Getränke mit weniger als 4,5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter sollen frei bleiben von Abgaben. Für Getränke mit 4,5 bis sieben Gramm Zucker pro 100 Milliliter sollen 26 Cent pro Liter fällig werden, für Getränke mit mehr als sieben Gramm Zucker pro 100 Milliliter 32 Cent je Liter, bei mehr als zehn Gramm 38 Cent pro Liter. Für Getränke, die ausschließlich Süßstoffe enthalten, soll ebenfalls ein Satz von 26 Cent pro Liter gelten. Damit wären beispielsweise Cola Zero, Sprite Zero oder Fanta Orange Zero betroffen.
Wie stark könnten die Preise pro Getränk ansteigen?
Laut Reformkommission würde eine Flasche oder Dose einer klassischen Cola oder Limonade (0,33 Liter, etwa 10 Gramm Zucker/100ml) um etwa zehn Cent teurer werden. Das gilt auch für weitere Getränke mit viel Zucker, etwa Energydrinks.
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Welche Einnahmen plant die Bundesregierung mit der neuen Steuer?
Die neue Abgabe soll geschätzt 450 Millionen Euro pro Jahr in die Staatskasse bringen. Das Geld soll die gesetzliche Krankenversicherung stabilisieren, aber auch den Versicherten direkt zugutekommen, etwa durch die Finanzierung zusätzlicher Vorsorge.
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Darüber hinaus erhofft sich die Regierung langfristig Einsparungen bei den Krankheitskosten. Die Hersteller der Getränke, so das Kalkül, könnten in Zukunft neue Rezepturen mit weniger Zucker oder Süßstoff auf den Markt bringen, um die Abgabe zu mindern. Insgesamt soll der Zuckerkonsum dadurch sinken, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Diese trinken laut Nationaler Verzehrstudie täglich 300 bis 700 Milliliter zuckergesüßte Getränke pro Kopf, was etwa dem fünf- bis zehnfachen des Konsums von Menschen im Alter über 30 Jahren entspricht.
Zuckerabgabe soll Kosten im Gesundheitssystem senken
Da Zucker ein wesentlicher Treiber von Übergewicht und dadurch verursachte Krankheiten ist, soll durch die Senkung des Konsums die Krankheitslast verringert werden. Und damit auch die Kosten für Behandlungen oder Medikamente. Die Reformkommission geht langfristig von Einsparungen von 20 bis 170 Millionen Euro jährlich aus.

Wissenschaftler der Technischen Universität München haben 2023 die gesamtgesellschaftlichen Kosten verschiedener Steuermodelle für gezuckerte Getränke simuliert. Der Studie zufolge ließen sich über einen Zeitraum von 20 Jahren bis zu 16 Milliarden Euro an Kosten einsparen. Etwa weil weniger Behandlungen von Diabetes-Typ-2 bezahlt werden müssten. Bei Süßstoffen sind mögliche negative Langzeitwirkungen noch nicht ausreichend erforscht, Wissenschaftler zeigen sich aber skeptisch.
Wie beurteilen Medizin und Wissenschaft die Pläne?
Viele weit verbreitete Krankheiten wie Adipositas, Typ-2-Diabetes, koronare Herzerkrankungen oder manche Krebserkrankungen lassen sich auf einen erhöhten Konsum von Zucker zurückführen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) plädiert daher für eine Steuer auf mit Zucker gesüßte Getränke, da vor allem Softdrinks für einen zu hohen Konsum von Zucker verantwortlich seien. Über 100 Länder haben bereits verschiedene Arten der Zuckersteuer eingeführt.
Für eine Herstellerabgabe auf gezuckerte Getränke in Deutschland haben sich in einem offenen Brief zuletzt etwa 4000 Medizinerinnen und Mediziner ausgesprochen. Aus ärztlicher Sicht sei die Dringlichkeit hoch, heißt es darin. Zu den Unterzeichnern gehören auch der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, sowie die Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. Susanne Johna. Zudem unterstützen mehr als 1000 Ernährungs- und Diabetesberater sowie Apotheker die Forderung.

Zuckerabgabe könnte Krankheiten wie Diabetes und Karies vorbeugen
„Die Ärzteschaft erlebt jeden Tag, welche gesundheitlichen Auswirkungen eine ungesunde Ernährung haben kann. Wir brauchen weniger Reparatur, sondern wirksame Prävention. Eine Zuckersteuer ist mehr als überfällig“, sagt Barbara Bitzer, Sprecherin des Wissenschaftsbündnisses „Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten“ und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

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„Im Rahmen meiner Forschung habe ich mit Modellierungen die Auswirkungen einer Besteuerung zuckergesüßter Getränke auf die Zahngesundheit untersucht. Auch hier zeigten sich sowohl Gesundheitsgewinne als auch Kosteneinsparungen“, sagte Prof. Falk Schendicke, Direktor der Abteilung für Orale Diagnostik, Digitale Zahnheilkunde und Versorgungsforschung an der Berliner Charité, dem Science Media Center. Zahnerkrankungen wie Parodontitis und Karies hätten gemeinsame Risikofaktoren mit Diabetes. „Eine Besteuerung würde also gegen unterschiedliche Erkrankungen vorgehen“, so Schendicke.

Was sagen Zuckerindustrie und Handel?
Die Zuckerwirtschaft lehnt die Pläne ab. „Wer Prävention gegen Übergewicht erfolgreich betreiben will, ist mit einer Zuckerabgabe auf dem Holzweg. Denn in keinem Land führte das zu weniger Übergewicht. In Großbritannien ersetzen die Hersteller den Zucker in Getränken durch künstliche Süßstoffe. Die Übergewichtsraten steigen aber weiter an“, kommentiert Günter Tissen, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker. Statt Symbolpolitik brauche es eine bessere Ernährungsbildung, klare Verbraucherinformation und eine gut sichtbare Kalorienkennzeichnung auf der Vorderseite von Lebensmitteln.
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Auch der Handel gibt sich skeptisch: Lionel Souque, Chef des Lebensmittel-Riesen Rewe, verweist gegenüber dem „Spiegel“ auf die Eigeninitiative der Lebensmittelbranche. „Wir reduzieren bei allen unseren Eigenmarken bereits Salz, Zucker und Zusatzstoffe – soweit das geschmacklich geht. Und wir setzen auf klare Informationen und Auswahl – statt auf neue Abgaben“, sagte der Manager.
Dieser Artikel erschien erstmals im April 2026 und wurde aktualisiert.













