Gürtelrose ist alles andere als ein harmloser Hautausschlag. Die Erkrankung wird durch das Varizella-Zoster-Virus ausgelöst – den Erreger, der auch die Windpocken verursacht. Jahrzehnte nach der Kinderkrankheit „schlummert“ das Virus in den Nervenzellen und kann vor allem bei älteren Menschen wieder ausbrechen. Typisch sind brennende Nervenschmerzen, Kribbeln und rote Bläschen am Körper.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Doch Gürtelrose kann auch zu einem größeren Problem werden. Eine der größten Studien zum Thema zeigt jetzt, dass sie auch das Risiko für Demenz erhöhen kann. Forscherinnen und Forscher der US-Universität Stanford werteten Gesundheitsdaten von mehr als 100 Millionen Menschen aus. Dabei zeigt sich: Wer mehrfach an Gürtelrose erkrankt, hat später ein höheres Demenzrisiko als Menschen mit nur einer Episode.

Auch interessant

Gürtelrose-Impfung senkt Demenzrisiko laut US-Studie deutlich

Für ihre Studie sichteten die Forscher eine beeindruckende Datenmenge. Über 100 Millionen Krankenakten von Menschen in den Vereinigten Staaten aus den Jahren 2007 bis 2023 wurden ausgewertet. Sie berücksichtigten dabei nicht nur typische Risikofaktoren wie Alter und Vorerkrankungen, sondern gleich 400 verschiedene Einflussgrößen.

Das Ergebnis sorgt für Aufsehen: Menschen mit mehreren Gürtelrose-Episoden hatten drei bis neun Jahre nach dem zweiten Ausbruch ein um sieben bis neun Prozent höheres Demenzrisiko als diejenigen, die nur einmal betroffen waren. Zudem zeigte sich: In den drei Jahren nach einer Gürtelrose-Impfung sank das Demenzrisiko um 27 bis 33 Prozent.

Lesen Sie auch

Demenz-Risiko und Varizella-Zoster-Virus: Forscher haben zwei Theorien

Warum das Varizella-Zoster-Virus einen Einfluss auf Entstehung von Demenz haben könnte, bleibt noch unklar. Die Forscher äußern jedoch zwei Theorien, die den neu entdeckten Zusammenhang erklären könnten. Die erste Vermutung lautet: Das Varizella-Zoster-Virus kann sich auch dann immer wieder im Körper aktivieren, wenn gar keine sichtbaren Symptome auftreten – und dabei direkt Bereiche im Gehirn beeinflussen, die für Demenz eine Rolle spielen.

Die zweite Theorie: Nicht das Virus selbst schädigt die Nervenzellen, sondern die Entzündungsreaktion des Körpers könnte Probleme verursachen – oder sogar die Medikamente, die zur Behandlung der Symptome eingesetzt werden. „Wir wissen es nicht genau“, sagt der US-Internist Anupam Jena.

Auch interessant

Impfung kann laut Studie auch das Sterberisiko bei Demenzpatienten verringern

Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass die Gürtelrose-Impfung mehr kann als nur schmerzhafte Hautausschläge verhindern. Wer ab 50 oder mit bestimmten Vorerkrankungen geimpft wurde, hatte über einen Zeitraum von neun Jahren fast 30 Prozent weniger Risiko, wegen oder im Zusammenhang mit Demenz zu sterben. Das legt nahe, dass die Impfung das Fortschreiten der Erkrankung deutlich ausbremsen könnte. „Es scheint im gesamten Spektrum oder Verlauf der Krankheit einen Schutz zu bieten“, betont Harvard-Professor Anupam Jena, der die Studie überprüft hat. Über die Forschungsergebnisse berichtet auch die Washington Post ausführlich.

Bisher gibt es kaum wirksame Therapien gegen Demenz. Zur Vorbeugung wird meist nur ein gesunder Lebensstil empfohlen. Umso erstaunlicher die Studienergebnisse: „Diese Ergebnisse sind vielversprechend, weil sie darauf hindeuten, dass etwas getan werden kann“, sagt Harvard-Professor Alberto Ascherio. Der Impfstoff sei zwar eigentlich nicht gegen Demenz entwickelt worden, räumt er ein, doch gerade deshalb sei dieser Effekt so ein Glücksfall.

Lesen Sie auch

Demenz-Impfung zeigt Nutzen auch bei leichter kognitiver Störung

Die zentrale Frage bleibt, wann die Impfung am sinnvollsten zum Einsatz kommt – und ob sie auch Menschen mit bereits bestehender Demenz helfen kann. Der Impfstoff reduzierte auch leichte kognitive Störungen um 3,1 Prozent, wie Pascal Geldsetzer von der Stanford University, einer der Studienautoren, berichtet.

Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit wäre es sinnvoll, die Impfung schon in frühen Stadien, vielleicht sogar standardmäßig, anzubieten. Offenbar sei es nie zu spät, um noch davon zu profitieren, so Geldsetzer. Klar ist: Im Endstadium der Krankheit bleibt Demenz lebensbedrohlich.

Lesen Sie auch

Weitere Studien sollen Zusammenhang mit Demenz klären

Die Studie liefert zwar starke Hinweise, aber keinen direkten Beweis für den Schutz vor Demenz durch die Gürtelrose-Impfung. Der ältere Lebendimpfstoff wird inzwischen meist durch den neueren Shingrix-Impfstoff ersetzt, der effektiver gegen Gürtelrose wirkt – doch seine Auswirkungen auf Demenz müssen noch genauer erforscht werden. Die Forscher fordern deshalb weitere große Studien, um den Zusammenhang zu klären. Trotz offener Fragen wird die Impfung für alle empfohlen, die sie bekommen können. Sie schützt sicher vor Gürtelrose und kann schwere Langzeitfolgen verhindern.