Im Herbst dieses Jahres bestätigt eine internationale Unterwasserexpedition, was lokale Legenden seit Langem erzählen: Vor dem Nordwestufer des Issyk-Kul-Sees in Kirgisistan hat einst eine Stadt gestanden – und liegt heute unter Wasser. Forschende der Russischen Geographischen Gesellschaft (RGS), des Instituts für Archäologie der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAS) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Kirgisischen Republik haben in flachen Uferzonen des Sees Reste von Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden und einem ausgedehnten Friedhof entdeckt. All das, so betonen die Autorinnen und Autoren in ihrem Expeditionsbericht, „bestätigt, dass hier tatsächlich einst eine antike Stadt stand“.

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Der Issyk-Kul selbst gehört zu den tiefsten Seen der Welt, ist bis zu etwa 700 Meter tief, leicht salzig und hat keinen natürlichen Abfluss. Die nun entdeckten Strukturen liegen jedoch in nur ein bis vier Metern Tiefe – so nah am Ufer, dass sie bei niedrigem Wasserstand buchstäblich vor den Füßen der Menschen verborgen waren.
Spannende Achäologie-Artikel – für Sie recherchiert
Versunkene Gebäude und eine Mühle: Wie die Stadt am Issyk-Kul aussah
Die Archäologinnen und Archäologen untersuchten vier Abschnitte im Nordwesten des Sees. Am ersten Fundort stießen sie auf die Überreste zerstörter Gebäude aus gebrannten Ziegeln. In einem der Bauten fanden sie einen Mühlstein. In dem Bericht wird dieser Fund als klarer Hinweis gedeutet, dass dort einst eine Getreidemühle stand. Eine solche Mühle war im Mittelalter ein zentraler Ort des Alltags: Hier wurde das Korn gemahlen, aus dem Brot und andere Grundnahrungsmittel hergestellt wurden.
Die Forschenden dokumentierten außerdem eingestürzte Mauern, Holzbalken und die Spuren eines größeren öffentlichen Gebäudes. Die Archäologen vermuten, dass es sich dabei um eine Moschee, eine Madrassa – also eine islamische Religionsschule – oder ein Badehaus gehandelt haben könnte. Moscheen und Badehäuser waren typische Zentren des städtischen Lebens in muslimisch geprägten Städten. Die Funde stützen daher die Deutung, dass Toru-Aygyr eine wichtige Rolle im regionalen Handel und im religiösen Leben spielte.

Erdbeben und Untergang: „Die Tragödie lässt sich mit Pompeji vergleichen“
Der kirgisische Archäologe Valery Koltschenko fasst im Expeditionsbericht die Bedeutung des Fundortes zusammen: „Das untersuchte Monument ist eine Stadt oder eine große Handelsagglomeration an einem der wichtigen Abschnitte der Seidenstraße.“ Mit „Handelsagglomeration“ meint er eine dicht bebaute Ansammlung von Werkstätten, Wohnhäusern und Marktplätzen, in denen Händler aus verschiedenen Regionen zusammenkamen.
Nach Einschätzung der Forschenden wurde die Stadt zu Beginn des 15. Jahrhunderts durch ein schweres Erdbeben getroffen. Koltschenko berichtet, infolge dieser Katastrophe sei der Ort unter die Wasseroberfläche des Issyk-Kul geraten. Nach der Analyse des Teams hatten viele Bewohner die Siedlung zu diesem Zeitpunkt zwar bereits verlassen. Dennoch sei die Zäsur tiefgreifend gewesen. Koltschenko zieht im Bericht einen Vergleich: „Die Tragödie kann mit der Geschichte Pompejis verglichen werden.“ Hier sei ein lebendiges Gemeinwesen innerhalb kurzer Zeit ausgelöscht worden und über Jahrhunderte im Verborgenen geblieben. Nach dem Beben änderte sich die Besiedlung der Region grundlegend. Die Forschenden schreiben, die „reiche mittelalterliche Siedlungskultur“ sei verschwunden, an ihre Stelle seien nomadische Gruppen getreten.
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Mittelalterlicher Friedhof im Issyk-Kul: Spur der Islamisierung Zentralasiens
Am zweiten Fundort entdeckte das Team eine ausgedehnte Nekropole – einen mittelalterlichen Friedhof –, den es in das 13. und 14. Jahrhundert datiert. Auf einer Fläche von etwa 300 mal 200 Metern fanden die Forschenden zahlreiche Gräber mit typischen Merkmalen muslimischer Bestattungsrituale. Die Skelette seien nach Norden ausgerichtet, die Gesichter in Richtung Mekka gedreht, also in jene Richtung, in die sich Muslime beim Gebet wenden.
Expeditionsleiter Maksim Menshikov ordnet die Funde in die politische Landschaft der Zeit ein: Der Abschnitt der Seidenstraße am Issyk-Kul sei damals vom türkischen Karachanidenreich kontrolliert worden, das sich im 10. Jahrhundert in der Region etabliert habe und aus chinesischer Sicht als wichtige, wenn auch nie direkt beherrschte Einflusszone galt. „Die Menschen hier praktizierten Tengrianismus, Buddhismus und nestorianisches Christentum“, erklärt Menshikov. Der Islam sei zunächst vor allem Religion der Eliten und der Handelsleute gewesen. „Wirklich weit verbreitet wurde diese Religion in Zentralasien erst im 13. Jahrhundert“, betont Menshikov. Händler hätten lieber mit Glaubensgeschwistern Geschäfte gemacht, „weil es bei gemeinsamen Schwüren und Versprechen mehr gegenseitiges Vertrauen gab“.
Das nomadische Umland habe dagegen lange an älteren Glaubensformen festgehalten oder „komplexe Mischformen entwickelt, in denen sich heidnische Traditionen mit islamischen Elementen überlagerten“. Erst unter der Herrschaft der Goldenen Horde, die im 13. und 14. Jahrhundert große Teile Zentralasiens dominierte, setzte sich der Islam breiter durch. Die nun entdeckte Nekropole zeige, so Menshikov, vermutlich genau jene Phase, „in der unter dem Einfluss der Goldenen Horde der Islam in der Region verbreitet wurde“.
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Archäologische Funde im Issyk-Kul: Keramik, ältere Gräber und Lehmziegel
Der dritte untersuchte Abschnitt südlich des Hauptkomplexes brachte vor allem Keramik zutage. Die Forschenden fanden zahlreiche Gefäßreste und ein besonders bemerkenswertes Stück: einen großen, vollständig erhaltenen Khum. Ein Khum ist ein bauchiges Vorratsgefäß, das im Mittelalter unter anderem für Wasser, Wein oder Getreide genutzt wurde. In der Studie heißt es, die Archäologinnen und Archäologen wollten dieses Gefäß eigentlich bereits dieses Jahr bergen, doch es sei tief im Sediment „eingebettet“. Um den Fund nicht zu gefährden, wurde entschieden, die Bergung auf eine spätere Expedition zu verschieben.
In unmittelbarer Nähe stießen sie außerdem auf drei weitere Gräber. Nach Einschätzung des Teams gehören sie zu einem älteren, vorislamischen Friedhof. Diese Deutung basiert auf der Ausrichtung der Skelette und der Form der Bestattungen, die sich von den klar islamischen Gräbern der anderen Nekropole unterscheiden.
Am vierten Fundort im Westen des Komplexes registrierten die Forschenden Reste von Lehmziegelbauten. Hier führten sie Unterwasserbohrungen durch, um Proben aus Lehmwänden und vergrabenen Böden zu entnehmen. In der Studie wird erläutert, dass sich aus der Abfolge der Schichten ablesen lässt, wann gebaut, wann zerstört und wann überflutet wurde. So entsteht nach und nach ein Zeitstrahl für die Geschichte der versunkenen Stadt.
Die Ergebnisse der Studie wurden im Fachblatt „The Volga River Region Archeology“ veröffentlicht.









