Nicht nur Menschen führen Kriege – auch Schimpansen greifen zu brutalen Mitteln, um sich Vorteile zu verschaffen. Eine neue Studie zeigt, dass tödliche Gewalt unter Schimpansen nicht einfach nur ein blinder Aggressionstrieb ist, sondern einen evolutionären Zweck erfüllen könnte. Die Forscherinnen und Forscher der University of California in Los Angeles untersuchten eine Schimpansengruppe in Uganda, die durch gezielte Angriffe auf benachbarte Gruppen ihr Territorium ausbreitete und dadurch ihren Fortpflanzungserfolg massiv steigerte. Dieses Verhalten wirft spannende Fragen zu den Wurzeln von Gewalt und zur Entwicklung des Menschen auf.

Auch interessant

Die Wissenschaftler, deren Studie im Fachmagazin „PNAS“ veröffentlicht wurde, untersuchten die sogenannte Ngogo-Gruppe wildlebender Gemeiner Schimpansen im Kibale National Park in Uganda. Diese Gruppe ist für ihre gewalttätigen Auseinandersetzungen mit benachbarten Gruppen bekannt. Zwischen 1998 und 2008 töteten die Männchen der Ngogo-Gruppe mindestens 21 Mitglieder der benachbarten Gruppen.

Gewalt bei Schimpansen: Größeres Territorium und mehr Nachkommen

Das Studienergebnis zeigt, dass dies direkte Auswirkungen auf ihr eigenes Wohlergehen hatte: Das Territorium der Gruppe wuchs durch diese Angriffe um etwa 22 Prozent. In der unmittelbaren Folgeperiode gab es außerdem deutlich mehr Nachkommen. In den drei Jahren vor der Expansion wurden von den Weibchen 15 Jungtiere zur Welt gebracht, wohingegen in den drei Jahren danach 37 Junge geboren wurden. Diese Zahlen zeigen, dass der Fortpflanzungserfolg sich nach der „Territorialerweiterung“ mehr als verdoppelte.

Auch interessant

Nicht nur wurden mehr Jungtiere geboren, sondern auch ihre Überlebensrate stieg drastisch an: Vor der Expansion starben 41 Prozent der Jungen vor dem dritten Lebensjahr, nach der Ausbreitung des Territoriums fiel die Sterblichkeitsrate auf nur noch acht Prozent. Laut den Forschern um Brian Wood gibt es keine Hinweise darauf, dass dieser Wandel auf einer höheren Menge verfügbarer Nahrung basiert. Vielmehr vermuten sie eine direkte Verbindung zwischen territorialen Gewinnen und evolutionären Vorteilen durch Gewalt, insbesondere in Zeiten knapper werdender Ressourcen.

Lesen Sie auch

Schimpansen-Studie: Einblicke in Aggressionen zwischen Gruppen

Die Erkenntnisse bieten Einblicke in die evolutionären Wurzeln von Aggression zwischen Gruppen einer Art. Brian Wood kommentiert, dass möglicherweise auch die frühen menschlichen Vorfahren die Fähigkeit zu koordinierter Gewalt entwickelt haben, um durch territoriale Gewinne ihren Fortpflanzungserfolg zu steigern. Dennoch ist fraglich, inwieweit solche Aspekte die menschliche Evolution beeinflusst haben könnten. „Ob ähnliche Prozesse auch in der menschlichen Evolution eine Rolle spielten, bleibt eine offene Frage“, heißt es dazu in der Studie.

Auch interessant

Dabei könnte ein anderer naher Verwandter des Menschen ein Vorbild für friedliches Sozialverhalten sein: die Bonobos. Bei dieser Schimpansenart ist das ranghöchste Tier üblicherweise ein Weibchen, und die Tiere zeigen eine außergewöhnlich hohe Fähigkeit zur Empathie und neigen kaum zu Aggression. Im Gegensatz zu Schimpansen gehen Gorillagruppen im selben Gebiet potenziell konfliktbeladenen Situationen zumeist aus dem Weg, und Orang-Utans konzentrieren sich vorrangig auf ihr eigenes Leben – ohne gewaltsame Auseinandersetzungen.