Ein bei Ebbe an den Strand gespülter Blasentang.
Eine Entdeckung in der Ostsee sorgt für Aufsehen: Forscher finden den mutmaßlich größten Klon eines Organismus. Was genau steckt dahinter?© picture alliance / imageBROKER | alimdi / Arterra / Sven-Erik Arn

In der Ostsee breitet sich ein gigantischer Klon des Blasentangs (Fucus vesiculosus) aus, der nicht nur die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fasziniert, sondern auch Fragen aufwirft. Über mehr als 500 Kilometer erstrecken sich genetisch identische Pflanzen, die das Ökosystem der Region beeinflussen könnten. Doch diese ungewöhnliche Fortpflanzungsweise könnte mehr Risiken bergen, als zunächst angenommen.

Sensationelles Phänomen in der Ostsee: überraschende Entdeckungen an der Meeresoberfläche

Der Blasentang verdankt seinen Namen den kleinen, gasgefüllten Bläschen, die ihn im Wasser aufrecht halten. Diese raffinierte Anpassung ermöglicht es der Alge, genug Sonnenlicht für ihr Wachstum zu bekommen. Innerhalb des Ökosystems Ostsee spielt sie eine wichtige Rolle: Sie bildet ausgedehnte Unterwasserwälder, bietet Fischen und wirbellosen Tieren Schutz und hilft sogar, Stickstoff sowie Schwermetalle aus dem Meerwasser zu binden.

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Doch als das Forscherteam um Ricardo Pereyra von der Universität Göteborg die genetische Vielfalt dieser Algen untersuchte, stieß es auf ein erstaunliches Phänomen: Viele Blasentang-Pflanzen vermehren sich nicht durch die übliche sexuelle Fortpflanzung, sondern durch Ableger – sprich, sie klonen sich selbst. Das bedeutet, dass in weiten Teilen der Ostsee genetisch identische Pflanzen wachsen, heißt es in der in „Molecular Ecology“ veröffentlichten Studie.

Neue Studie enthüllt: Ist diese Alge der weltweit größte Klon eines Organismus?

Die Dimension der neu entdeckten Klonpopulation ist gewaltig: Über eine Strecke von mehr als 500 Kilometern – an der Küste des Bottnischen Meerbusens – erstrecken sich die identischen Pflanzen. Möglicherweise handelt es sich sogar um den weltweit größten Klon eines Organismus. „Dieser Klon besteht aus Millionen von Individuen, und in einigen Gebieten ist er völlig dominant, während er in anderen Gebieten neben sexuell vermehrten Blasentang-Pflanzen wächst. Wir haben einige weitere große Klone in der Ostsee gefunden, aber der weibliche Klon vor dem schwedischen Bottnischen Meerbusen ist bei weitem der größte Klon – ein echtes Superweibchen“, erklärte Pereyra.

Was zunächst nach einer Erfolgsgeschichte klingt, könnte sich allerdings als Risiko entpuppen. Denn während die Klonbildung kurzfristig Vorteile bieten mag, birgt sie langfristig eine Schwäche: fehlende genetische Vielfalt. Ohne sexuelle Fortpflanzung gibt es kaum genetische Veränderungen – und genau diese sind entscheidend für die Anpassung an neue Umweltbedingungen, so die Wissenschaftler. „Einem Klon fehlt fast völlig die genetische Variation, die sonst dafür sorgt, dass es in einer Population Individuen gibt, die mit den Veränderungen umgehen können und das Überleben der Art sichern“, sagte Seniorautorin Kerstin Johannesson.

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Die Gefahren fehlender genetischer Vielfalt: Warum das Unterwassergewächs vom Aussterben bedroht ist

Zudem könnte der Klimawandel diese Schwäche schon bald auf die Probe stellen. Die Ostsee ist ein besonders empfindliches Ökosystem, das sich bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu sechs Grad erwärmen könnte. Sollten die Blasentang-Populationen nicht in der Lage sein, sich anzupassen, droht ihr in der nördlichen und östlichen Ostsee das Aussterben. „Die für die nächsten 70 bis 80 Jahre vorhergesagten Umweltbedingungen könnten zum Verlust von Fucus vesiculosus in der nördlichen und östlichen Ostsee führen, wenn sich die Populationen nicht an die neuen Bedingungen anpassen können“, fügten die Forscher abschließend hinzu.