Nach Jahren mit vielen Rückschlägen in der Forschung könnte es doch gelungen sein, ein Medikament gegen Alzheimer-Demenz zu entwickeln. Für Aufsehen sorgt dabei der monoklonale Antikörper Lecanemab, der die Erkrankung zwar nicht heilt, deren Fortschreiten aber verlangsamt.

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Unter dem Markennamen Leqembi ist das Mittel seit April 2025 in Deutschland zugelassen und seit September im Handel. Die Therapie ist teuer, der Nutzen auch wegen ihrer Nebenwirkungen umstritten. Ein Ausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken sieht keinen relevanten Zusatznutzen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Alzheimer-Demenz: Wie entsteht die Krankheit?

Nach bisherigen Erkenntnissen steht die Erkrankung in Zusammenhang mit Eiweißablagerungen im Gehirn, die als Amyloid oder Tau bezeichnet werden. Die Anhäufung von Amyloid ist ein Schlüssel bei der Entstehung von Schädigungen des Gehirns.

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Nerven sterben ab, die kognitiven Leistungen nehmen ab, bis Betroffene quasi in das Entwicklungsstadium eines Kleinkindes zurückfallen. 2020 starben laut dem Statistischen Bundesamt 9450 Menschen in Deutschland an Alzheimer-Demenz. 160.000 Neudiagnosen gibt es pro Jahr.

Alzheimer: Welcher Ansatz wird mit dem neuen Medikament verfolgt?

Der Ansatz besteht darin, eine Abwehr des Körpers gegen die Ablagerungen im Gehirn hervorzurufen. „Der Körper kann etwas Fremdes erkennen und dagegen Antikörper bilden, die dann die Abwehrreaktion auslösen“, erklärt Walter J. Schulz-Schaeffer, Neuropathologe am Uniklinikum des Saarlandes. Bei Eiweißablagerungen im Gehirn funktioniere das aber nicht. Bisher.

Lecanemab (Leqembi) for Alzheimer's disease in Japan
Lecanemab, verkauft unter dem Markennamen Leqembi, ist in der EU seit April 2025 zugelassen. © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Kota Kiriyama

Die Idee, Antikörper gegen Amyloid zu finden und zu verabreichen, gibt es seit Jahren. Bisher waren Studien dazu aber enttäuschend – der erhoffte Effekt im Hinblick auf die Verlangsamung des geistigen Abbaus konnte nicht nachgewiesen werden. Die getesteten Antikörper Aducanumab und Gantenerumab richteten sich dabei gegen das verklumpte Amyloid selbst.

Lecanemab bekämpft deren toxische Zwischenprodukte, winzige Bestandteile der Amyloid-Zellen. „Möglicherweise haben wir nun einen Angriffspunkt gefunden, der einen Unterschied im klinischen Verlauf macht“, erklärt Jörg Schulz von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Antikörper: Was hat die Alzheimer-Studie untersucht?

An der Studie, die im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde, nahmen 1795 Personen mit einer Alzheimer-Erkrankung im Frühstadium teil. 898 erhielten alle zwei Wochen Lecanemab – zehn Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. 897 Personen erhielten ein Placebo.

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Nach 18 Monaten wurde der Effekt auf den CDR-SB-Score erhoben, ein etablierter Wert zur Einschätzung der Schwere von Demenz. Dieser berücksichtigt Faktoren wie Gedächtnis, Urteils- und Problemlösungsvermögen oder die Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen. Bei Studienbeginn lag der mittlere Wert in beiden Gruppen bei etwa 3,2. Nach 18 Monaten war der Unterschied zwischen den Gruppen laut Studie beträchtlich: 0,45 Punkte.

Was bedeuten die Ergebnisse für Alzheimer-Patienten?

„Der Erkrankungsfortschritt wurde um 27 Prozent verlangsamt, bei den Aktivitäten des täglichen Lebens machte der Unterschied 37 Prozent aus“, sagt Jörg Schulz. Auch die gemessene Amyloid-Last sei sehr deutlich reduziert worden.

„Die Frage, die man diskutieren muss, ist, wie relevant der Effekt klinisch ist“, meint Stefan Teipel, Demenzforscher am Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen. Der Patient merke davon wahrscheinlich wenig. „Allerdings muss man da auch einen längeren Zeitraum bedenken.“ Wenn der Effekt fortdauere, würde die Verlangsamung der Krankheit über die Zeit noch relevanter werden.

Neues aus der Demenz-Forschung

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) ist positiver: „Wir haben noch keinen Beweis dafür, aber es besteht die Hoffnung, dass bei einer Einnahmedauer von 36 Monaten womöglich auch 12 Monate Lebenszeit ohne Einschränkungen gewonnen werden können“, sagt Generalsekretär Prof. Peter Berlit.

Teipel hält es für wichtig, mit den Studiendaten in den Austausch mit den Patienten zu treten: „Wir dürfen nicht vergessen zu übersetzen, was etwa diese Unterschiede im CDR-Wert konkret für das Leben der Betroffenen bedeuten.“ Und dabei müsse man auch bedenken, dass die Substanz alle zwei Wochen intravenös verabreicht und am Anfang alle drei Monate ein MRT-Scan des Hirns gemacht werde. „Das ist eine große Belastung für die Patienten. Was gewinne ich? Und was geht dadurch an Lebensqualität vielleicht auch verloren? Das muss man gegeneinander abwägen“, findet Teipel.

Derzeit werden in Deutschland laut DGN nur einige Hundert Menschen mit Lecanemab behandelt

Alzheimer: Für wen würde sich die Antikörper-Therapie eignen?

Die Therapie darf nur bei Patientinnen und Patienten in den ersten drei Jahren der Krankheit zum Einsatz kommen. Dem Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) betrifft sind das rund 250.000 Menschen.

„Die Therapie ist nur geeignet für Patienten mit einer milden kognitiven Beeinträchtigung oder einer leichten Demenz“, sagt Schulz. Lecanemab verlangsame zwar das Fortschreiten der Erkrankung, mache sie aber nicht rückgängig. Patienten mit ausgeprägtem Krankheitsbild oder einer anderen Form von Demenz als Alzheimer profitierten nicht von der Therapie. „Es geht also nicht um Personen, die vielleicht schon Schwierigkeiten haben, ihre Angehörigen zu erkennen oder Ähnliches“, sagt Teipel.

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Alzheimer-Therapie mit Lecanemab: Gibt es Nebenwirkungen?

Laut der Studie traten unter der Behandlung Nebenwirkungen auf, darunter Hirnschwellungen und -blutungen. Insgesamt lasse sich aus den Daten aber ein positives Nutzen-Risiko-Profil ableiten, schlussfolgert Schulz.

Laut EU-Kommission gilt das aber nur für Patienten, die eine oder gar keine Kopie des Proteins ApoE4 in sich tragen. Dieses gilt als genetischer Risikofaktor für schwere Nebenwirkungen wie Ödeme und Mikroblutungen. Menschen mit nur einer oder keiner ApoE4-Kopie machen laut DZNE etwa 80 Prozent der Alzheimer-Patienten und -Patientinnen in Deutschland aus.

Wann ist der Antikörper für die Alzheimer-Therapie zugelassen worden und was kostet es?

Das Antikörper-Medikament ist von den Firmen Biogen (USA) und Eisai (Japan) entwickelt worden. Es ist unter dem Namen Leqembi auf den Markt gekommen und in der EU unter strengen Auflagen seit April 2025 zugelassen. Seit September ist es in Deutschland erhältlich. Die Kosten der Therapie pro Patient sind enorm. Laut Experten liegen diese pro Jahr bei etwa 25.000 Euro.

Zahlt die Kasse das Medikament?

Weil der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken keinen relevanten Zusatznutzen in dem Medikament sieht, werden die Kassen eine Behandlung nicht bezahlen. Die G-BA-Bewertung hat zudem großen Einfluss auf die Preisverhandlungen der Kassen. Einigen sie sich nicht, könnte der Hersteller das Mittel vom deutschen Markt zurückziehen.

Eine Rolle bei diesen nun anstehenden Verhandlungen zwischen Hersteller und Kassen spielt die sehr hohe Kostendifferenz zwischen dem neuen und den älteren Präparaten. Die derzeit häufig eingesetzten Medikamente zur Symptombehandlung, die sogenannten Acetylcholinesterase-Hemmer, kosten viel weniger – rund 20 bis 30 Euro pro Monat.

Unklar ist nach Angaben der DGN, inwieweit private Kassen das Mittel übernehmen. Für Selbstzahler sei es weiterhin verfügbar, über die internationalen Apotheken zu internationalen Preisen.

Dieser Artikel erschien erstmals im Jahr 2022 und wurde aktualisiert.