Kriminalität

Arabische Clans: Wie es in der abgeschotteten Welt zugeht

Mit Kontrollen wie hier in einer Shisha-Bar in Berlin-Neukölln wollen die Ermittler „Nadelstiche“ setzen und zeigen, dass die Behörden keine Parallelwelten mit eigenen Gesetzen dulden

Foto: ARD Kontraste / rbb

Mit Kontrollen wie hier in einer Shisha-Bar in Berlin-Neukölln wollen die Ermittler „Nadelstiche“ setzen und zeigen, dass die Behörden keine Parallelwelten mit eigenen Gesetzen dulden

Berlin/Essen  ARD „Kontraste“ zeigt eine gemeinsame Recherche der „Berliner Morgenpost“ und des RBB zu Clans. Es geht um Gewalt, Drogen und Angst.

Das rote Neonlicht spiegelt sich auf den Autos, manche Scheiben sind abgedunkelt, die Karossen tiefergelegt. Dann fahren die beiden Mannschaftswagen vor. Eine Handvoll Polizisten geht voran. „Polizeikontrolle“, rufen sie. „Wo ist hier der Chef?“

Ein Freitagabend im Juni, Karl-Marx-Straße in Neukölln. In der Shisha-Bar läuft Fußball auf Flachbildschirmen, Männer und Frauen sitzen tief in ihren Sesselpolstern, manche nippen an Bier oder Cocktail, andere qualmen Tabak mit Aroma. An der Wand hängen Deutschlandfahnen. Einige der Gäste sehen aus wie Bodybuilder, ihre Schultern sind von Muskelpaketen umrahmt. Seit ein paar Stunden läuft an diesem Abend das, was manche in den Behörden gern „Störkommando“ nennen, andere eher „Nadelstiche“.

Der Staat kontrolliert Shisha-Bars, Kioske und Kneipen mit Spielautomaten im Kiez. Einige Bars, sagen Ermittler, sind die Wohnzimmer der Clans. Rückzugsorte. Orte, an denen sie reden und feiern, Geschäftspartner treffen, Familienstreit schlichten – oder neuen Streit anzetteln. Orte, an denen ihre Regeln gelten sollen. Nicht die des Staates. Marc Gutzeit sagt später: „Wir zeigen mit diesen Einsätzen, dass es uns gibt.“

In Berlin gibt es etwa 20 Großfamilien

Gutzeit arbeitet im Neuköllner Ordnungsamt. An seiner Seite sind an diesem Abend Steuerfahnder, Polizisten des Abschnitts 55, Kriminalermittler. Für den Ernstfall liegen Maschinenpistolen in den Einsatzfahrzeugen. Als die Beamten durch die Shisha-Bar mit Fernseher und Deutschlandfahnen streifen, paffen die Muskelmänner auf den Sofas lässig weiter an ihrer Wasserpfeife.

Mitglieder einer bekannten Familie namens H. sollen hier zuletzt öfter eingekehrt sein, zudem erkennt Gutzeit einen Mann aus der Türsteherszene. Doch nach einer guten halben Stunde ziehen die Beamten ab. Die Personalien wollen sie nicht aufnehmen. Zu viele Personen, „zu viel Potenzial“, sagt Gutzeit. Mit Potenzial meint er Muskeln. Sie wollen bald wiederkommen, dann mit mehr Polizei.

Es ist das Revier der Clans. Straßenzüge in Deutschland, wie es sie mittlerweile auch in Charlottenburg gibt, und in anderen Städten wie Essen, Duisburg oder Bremen. In Berlin gibt es etwa 20 Großfamilien mit jeweils bis zu 500 Mitgliedern. Etwa die Hälfte der Familien ist im Visier der Polizei. Allein in Neukölln leben zehn. Es sind Stadtteile, in denen Familien mit Wurzeln im Libanon oder der Türkei Immobilien und Geschäfte besitzen. In denen sie sich treffen und feiern, in denen sie Geschäfte machen – laut Polizei nicht selten auch illegale.

Immer wieder Ermittlungen gegen einzelne Mitglieder

Verbrechen, die Mitglieder dieser Familien begangenen haben sollen, machen Schlagzeilen: Überfall auf das Pokerturnier im Berliner Hyatt-Hotel 2010. Raubüberfall auf die Schmuckabteilung des Kaufhauses KaDeWe 2014. Einbruch ins Bode-Museum 2017 – Beute: eine 100 Kilo schwere Goldmünze. Die Ermittlungen laufen. Im Fokus: Familie R., die Mitte der 90er-Jahre aus dem Libanon nach Berlin geflohen war. Bis heute ist nicht klar, wo die Münze ist. Manche sagen: Das Gold ist längst eingeschmolzen und zu Geld gemacht.

Immer wieder kommt es zu Ermittlungen gegen einzelne Clan-Mitglieder, manchmal auch zu Urteilen. Und immer wieder gleichen sich die Nachnamen der Beschuldigten: Familie A. und M. oder Z., Familie R. und O.

In einer gemeinsamen Recherche der Berliner Morgenpost mit dem ARD-Politikmagazin „Kontraste“ vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat ein Team von Reportern mit Polizisten und Kriminalbeamten gesprochen, mit Staatsanwälten und Forschern. Anfragen gingen an Innenbehörden und Landesregierungen. Die Recherche ging über Neukölln nach Essen bis in die Türkei.

Marc Gutzeit, der seit Jahren für das Ordnungsamt in Neukölln arbeitet, kennt viele dieser Familien, die Väter, Onkel, Brüder, Cousinen. Wenn er im Kiez unterwegs ist, trifft er nur selten die Schwerkriminellen, sondern vor allem die Kioskbesitzer, die Barkeeper, die Gäste. Und er trifft die Kleinkriminellen, Flüchtlinge, Straßenkids. „Das sind viele Menschen, die in den Sog der Großfamilien geraten“, sagt er. Orientierungslose, Arbeitslose, Gestrandete. Fälle für Sozialarbeiter und Psychotherapeuten.

In Teilen der Stadt herrscht „Klima der Angst“

Viele Hundert Menschen gehören zu den bekannten Familien. Wer ihre Profile auf Facebook verfolgt oder von ihren Geschichten hört, trifft auch auf junge Männer, die Karriere als Kleinunternehmer, als Zahnarzt oder Apotheker, als Fitnesstrainer oder Ladenbesitzer gemacht haben.

Doch für Polizei und Politik ist „Clan“ mehr und mehr zur Chiffre für „kriminell“ geworden. Unionspolitiker wie Jens Spahn beschreiben Orte wie Neukölln oder Essen-Altendorf als „rechtsfrei“. Räume, in denen der Staat angeblich die Macht verloren hat. In einer Studie von 2015 untersucht der Jurist Mathias Rohe von der Universität Erlangen-Nürnberg die „Paralleljustiz“ in Berlin. In bestimmten „ethnisch-kulturell definierten Communities“ in Teilen der Stadt herrsche „ein Klima der Angst“ – ausgelöst durch „gewalttätige, von staatlichen Behörden nur noch unzureichend kontrollierte Clanmilieus“.

Marc Gutzeit vom Ordnungsamt in Neukölln nimmt ein streichholzschachtelgroßes Messgerät in die Hand und führt es wie eine Sonde durch ein Hinterzimmer der Shisha-Bar in der Karl-Marx-Straße. Im Revier der Clans misst Gutzeit erst einmal den Kohlenmonoxid-Wert der Wasserpfeifen. Ihm fällt auf, dass eine Abluftanlage fehlt.

Polizisten und Staatsanwälte berichten, dass Familienmitgliedern, nicht allen, aber doch einigen, die deutschen Gesetze egal sind. Dass die Familie für sie über allem steht, erst recht über dem, was manche Politiker als „deutsche Leitkultur“ bezeichnen. Dass Väter, Onkel oder Söhne seit Jahren oder Jahrzehnten Sozialhilfe oder Hartz IV beziehen – vor der Arbeitsagentur aber trotzdem mit dem nagelneuen Audi oder Mercedes vorfahren.

All das ist richtig.

Doch einen Blick in die Welt der Clans abseits der Schlagzeilen und Polizeimeldungen erhält nur, wer mit ihnen spricht. Das ist nicht leicht. Denn die Familien bleiben lieber unter sich. Zu den wenigen, die nach langen Vorgesprächen zu einem Interview bereit sind, gehört ein Mann, vielleicht Mitte 20. Khaled M. ist in einer der bekannten arabischen Großfamilien in Berlin aufgewachsen.

Rap-Textzeilen wirken wie aus seinem Leben

Er trägt ein DFB-Trikot, Bart und Sonnenbrille: Er macht Rapmusik, darüber spricht er gern, aber nicht über alles in der Familie möchte er reden. Wenn Khaled M. rappt, nennt er sich Dapharao. Einer seiner bekanntesten Songs heißt „Schneemann“.

Im Video zu dem Lied sieht man das Kottbusser Tor, schnelle Autos und Polizeiwagen mit Blaulicht. Dazu jede Menge 500-Euro-Scheine. „Edelweißes unterm Lenkrad, für die Kunden frisch verpackt, und die Kapseln gehen zum Kunden“, heißt es in dem Song. Oder: „Bei uns sprechen Waffen, ihr seht uns vor Gericht, Staatsanwalt grüßt, er kennt mein Gesicht.“

youtube dapharao

Bei dem Treffen in einem Café am Mierendorffplatz in Charlottenburg wirkt M. weniger bedrohlich als in dem Videoclip. Er ist höflich, sagt vor fast jedem Satz: „Schau mal.“ Und wenn er einen Gedanken ausgeführt hat, erkundigt er sich, ob der Gesprächspartner verstanden hat. Er wirkt fast wie ein Sänger aus einer erfolgreichen Boygroup. Wäre da nicht das Silberkettchen in Form einer Kalaschnikow.

Wie er auf die Idee gekommen ist, sich in dem „Schneemann“-Video als Drogenkurier zu inszenieren, und warum die Textzeilen wirken wie aus seinem eigenen Leben, darüber will Khaled M. nicht sprechen. Dafür erzählt er von seiner Familie. „Mein einziges Gesetz sind meine Eltern“, sagt er. Die Einzigen, denen er sich verpflichtet fühle, seien die Verwandten. Die stehen zu ihm. Egal wann. Egal wo. Egal warum. „Wenn mir was Schlimmes passiert, dann weiß ich ganz genau, da stehen so locker zwei, drei Hundertschaften hinter mir.“

„Koks-Taxis“ bringen die Drogen bis an die Haustür

Der Job, über den Khaled M. nur singt – Tarek macht ihn wirklich. Auch er gehört zu einer großen Familie aus Neukölln. Mit seinem „Koks-Taxi“ liefert er bis vor die Haustür. Bestellt wird per Handy – von Kunden aus allen Schichten. „Friedrichshain, Prenzlauer Berg halt. Ganz normale Leute. So Leute wie euch“, sagt Tarek. Ein Anruf, und Tarek lenkt seinen Wagen zielsicher durch die Berliner Szenekieze.

Ein Navigationsgerät braucht er nicht. Seine Kunden in den Ausgehbezirken kontaktieren ihn regelmäßig. Warum machen „Bio-Deutsche“ seinen Job nicht? „Deutsche? Deutsche sind fleißig in der Schule, die meisten – oder nicht? Die leben ja nicht von Hartz IV. Die meisten, die von Hartz IV leben, sind ja Araber, Türken. Und wer nicht mit der Schule weiterkommt, fängt an, irgendwas auf der Straße aufzubauen“, sagt Tarek.

500 Kilometer entfernt ist Walid O. mit einem älteren Mann unterwegs in der Dortmunder Nordstadt. Vor Jahren ist O. ins Ruhrgebiet gezogen. In dem Viertel kennt er viele Ladenbesitzer, grüßt den Friseur und den Dönerverkäufer, trifft Freunde. Gerade eröffnet ein neuer Klub im Kiez, schwarze Ledersofas, Flachbildfernseher an der Wand.

„Die Jungs sind alles Bekannte von uns, unsere Jungs. Und das ist der Klub für diese Jungs, respektvolle Jungs. Auch aus der Türkei“, sagt Walid O., sein Deutsch hat einen starken Akzent. Früher saß O. längere Zeit im Gefängnis. Er soll einen Mann mit mehreren Messerstichen verletzt haben. Heute lebt er ruhiger, aber sein Name hat im Viertel immer noch Gewicht.

System mit eigener Justiz

Dortmund, Duisburg, Essen. Neben Berlin, Bremen und Niedersachsen ist NRW das Bundesland mit den größten Einwandererfamilien. Die Regierung spricht von 2800 Mitgliedern in 70 Familien. Ein Richter dagegen von 5000 Libanesen in nur zwölf Familien.

Sogar eine „Familien-Union“ hatte sich im Ruhrgebiet gegründet, eine Art Lobbygruppe für Clans. Im Wappen trägt der Verein die deutsche und die libanesische Flagge. Vor allem ältere Männer aus den Familien sorgen sich um den Ruf. Als Auseinandersetzungen untereinander und mit der Polizei in der Vergangenheit zunahmen, wollte der Verein schlichten. Und helfen, dass Familien ihre Kinder zur Schule schicken. Dass Jugendliche von der Straße wegkommen. Sogar eine Pfadfindergruppe gründeten die 250 Mitglieder.

Eigene Vereine – aber auch eine eigene Justiz? Jamal Z. ist ein sogenannter Friedensrichter, die moralische Instanz für mehrere Tausend Mitglieder, wie Gesprächspartner erzählen. Der ältere Mann sitzt in einem Essener Shisha-Café, trägt ein schwarzes Sakko, schwarze Mütze, sein Schnauzbart ist grau. Warum braucht es Männer wie ihn? „Weil wir die Angelegenheiten regeln können, die der Staat nicht lösen kann.

Zehntausende flohen vor Krieg im Libanon

Wenn ein, zwei Leichen auf den Boden fallen, klären wir das innerhalb von zwei Wochen. Wir sind doch eine Sippe, wir sind als Großfamilien unter uns.“ Jamal Z. ist überzeugt, ohne dieses System der eigenen Justiz wären die Auseinandersetzungen unter den Clans noch viel gewalttätiger. „Dann hätte es in Essen schon 50 Tote gegeben.

Der Staat hat zu lange weggeschaut – und er hat Fehler gemacht. Das sagen viele Interviewpartner während der Recherche. Um die Versäumnisse zu erkennen, muss man zurückgehen in die Bundesrepublik der 80er-Jahre. Zehntausende Menschen fliehen vor dem Bürgerkrieg im Libanon. Unter ihnen auch Kurden, die einst aus der Türkei eingewandert waren. Sie nennen sich Mhallamiye-Kurden. Das Ziel der Flüchtlinge: Europa, vor allem Deutschland.

In manchen Fällen fliehen ganze Dörfer. Manche mit mehreren Hundert Mitgliedern. Viele von ihnen sind Kurden oder Palästinenser, für viele Deutsche sind sie nur „die Araber“, die Fremden. Manche haben die libanesische Staatsbürgerschaft, manche die syrische oder die türkische, andere macht die Flucht zu „Staatenlosen“.

Deutsche Ausländerbehörden sind mit den „libanesischen Kurden“ überfordert. Die meisten haben keine Pässe mehr, andere schmeißen ihre türkischen Ausweise weg, um ihre Chance auf Asyl zu erhöhen. Die Behörden lehnen ihre Anträge trotzdem häufig ab. Doch weil sich kein Staat verantwortlich fühlt und Papiere fehlen, bekommen die Menschen eine „Duldung“, dürfen bleiben. Vorerst.

Viele Mhallamiye-Kurden lebten in Asylbewerberheimen

Doch aus dem Vorerst wurden Jahrzehnte. Vielleicht hätte es eine Chance für den deutschen Staat gegeben, die Großfamilien zu integrieren. Sie zu Nachbarn zu machen. Doch statt auf Hilfe setzte Deutschland damals auf schärfere Gesetze. Auch weil die Geduld vieler Wähler sank, als die Zahl der Flüchtlinge wuchs. Die Stimmung drehte sich gegen die Neuen. Jahrelang lebten Familien der „Mhallamiye“ in Asylheimen, ihren Zugang zum Arbeitsmarkt schränkten die Behörden ein und kürzten die Sozialhilfe. Auch Kinder der Flüchtlinge waren damals nicht schulpflichtig. Und wo sich der Staat zurückzieht, bleibt die Familie. Der Clan hilft, ist soziale Absicherung – und war auch Schutz vor Angriffen durch Rechtsextremisten in den Unterkünften.

Heute sagen Menschen wie der Berliner Rapper Khaled M. über die Familie: „Das ist unsere Rente. Unsere Kinder werden uns umsorgen. Deswegen kriegen wir so viele Kinder. Das ist unser Schutz.“

Für Khaled M. bedeuten die Verwandten Sicherheit. Für den Staat wird der Einsatz in der Parallelwelt der Clans schwieriger. Denn Ermittler beobachten zunehmend die Tendenz der Familien, von illegalen in legale Geschäftsfelder zu wechseln. So beschreibt es der Dezernatsleiter für organisierte Kriminalität bei der Berliner Polizei, Dirk Jacob. Es geht um Handel mit Immobilien oder teuren Autos.

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Messerstecherei zwischen Clanmitgliedern

„Wenn wir da erscheinen, dann gibt es nie einen Verantwortlichen“, sagt Jacob. Unternehmen sind unter Namen von Strohleuten angemeldet und Verträge teils unter einem Fantasienamen abgeschlossen. Das Problem daran: Das deutsche Recht funktioniert nur, wenn es jemanden gibt, den man auch zur Rechenschaft ziehen kann.

Zurück in Neukölln. Mit der einen Hand schnippt Marc Gutzeit vom Ordnungsamt die Zigarette aus seiner Hand. Vor Brust und Rücken trägt er die schusssichere Weste. „So ein Küchenmesser ist schnell mal gezückt“, sagt er. Bisher sei aber immer alles gut gegangen in den rund 50 Einsätzen im Kiez.

Dann steigt Gutzeit in den VW-Bus, vor ihm starten Mannschaftswagen der Polizei. Gutzeit heißt eigentlich anders. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Gutzeit ist kein ängstlicher Mensch. Aber er kennt die Regeln im Kiez. Es ist der Abend nach einer Messerstecherei zwischen Clanmitgliedern am Adenauerplatz.

In einem Café an der Jonasstraße durchsuchen Polizisten zwei Männer. Die Beamten entdecken kleine Tüten mit weißem Pulver, einen braunen Block Haschisch, so groß wie eine Streichholzschachtel. Der Mann ist kaum älter als 20 Jahre und kam als Flüchtling nach Deutschland.

„Ticker“ sind kleinstes Glied in Lieferkette

Die Beamten suchen den Tresen ab, schauen hinter Kühlschränken nach Drogendepots oder Waffen. Sie notieren die Nummern der Spielautomaten und prüfen, ob sie registriert sind. Ein Dutzend Polizisten wuselt neben Gutzeit im schummrigen Neonlicht durch die Räume. Sie finden nicht viel.

Im Hinterzimmer nehmen Beamte die Personalien eines jungen Flüchtlings auf. Und draußen wollen zwei junge Männer in die Bar, fragen, was los ist. Dann verschwinden sie schnell in einem Mercedes mit abgedunkelten Scheiben.

Gutzeit wird nach dem Einsatz erzählen, dass der junge Mann mit dem Haschisch der „Ticker“ ist, das kleinste Glied in der Lieferkette des Drogengeschäftes, in seiner Tasche gerade so viel Stoff, dass ihm womöglich keine hohe Strafe drohe. Ob die Männer im Mercedes zum „Ticker“ gehörten oder ob sie Nachschub bringen wollten, ist unklar. Die Polizei hat sie nicht kontrolliert.

Vom Kampf des Staates gegen kriminelle Mitglieder von Großfamilien kann auch Staatsanwältin Susann Wettley berichten. Sie ist eine der wenigen, denen es gelungen ist, Täter aus dem Umfeld der Großfamilien zur Rechenschaft zu ziehen. Sie führte die Anklage beim Raubüberfall auf das KaDeWe. Die Täter wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Ein großer Erfolg.

Immobilien-Kauf wohl durch Straftaten finanziert

Vor zwei Wochen konfiszierten Ermittler 77 Immobilien, die der Familie R. gehören. Der Wert der Grundstücke und Häuser soll sich auf zehn Millionen Euro belaufen. Die Behörden gehen davon aus, dass der Ankauf durch Straftaten finanziert wurde. Genauer: mit Geld, das aus dem Einbruch in die Sparkasse in Mariendorf stammen soll. Die Täter: Mitglieder der Familie R.

Staatsanwältin Wettley weiß aber auch, wie schwierig es ist, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Sie ist der Meinung, dass die Justiz mitunter die falschen Signale setzt. „Wir merken schon, dass wir vielfach nicht ernst genommen werden“, sagt sie. Das sei etwa dann der Fall, wenn die ermittelten Täter unter 21 Jahre alt sind, milde Strafen bekommen und im offenen Vollzug landen. Gutzeit und die Polizeieinheiten nehmen an dem Abend fast 100 Personalien auf, notieren 52 Kennzeichen auffälliger Autos vor den Lokalitäten.

Polizei findet in einem Lokal Haschisch und Heroin

Die Polizisten beschlagnahmen ein paar Gramm Kokain und Heroin, ein paar Gramm Marihuana. Sie stellen zwei Schwerter sicher, einen Baseballschläger, Pfefferspray und eine Machete. Die Beamten verhängen Bußgeld, wenn sie zu hohe Abgaswerte messen. Sie versiegeln drei Spielautomaten, weil dort die Software nicht aktualisiert wurde.

Ein Polizist erzählt, dass sie früher häufiger Waffen gefunden hätten, auch mal ein Schnellfeuergewehr. Heute sei die Lage entspannter. Der Beamte sieht darin einen Erfolg der regelmäßigen Kontrollen. Er sagt aber auch, dass man sich nicht sicher sein könne, ob die Waffen nun einfach woanders lagern.

Die Clans machen spektakuläre Überfälle wie den Raub beim Pokerturnier oder den Diebstahl der Goldmünze aus dem Bode-Museum. Das Risiko ist hoch, dass die Polizei die Täter erwischt. Aber hoch ist auch die Wirkung dieser Straftaten in der Szene. Clans setzen mit Verbrechen Zeichen der Stärke. Schaut her, wir haben keine Angst. Es ist Symbolpolitik. So wie auch Marc Gutzeit und die Polizisten mit ihren Kontrollfahrten Zeichen setzen. An die Clans: Wir haben euch auf dem Schirm. An die Nachbarn im Kiez: Der Staat ist nicht hilflos.

Drei Wochen später fahren die Beamten noch einmal zur Shisha-Bar an der Karl-Marx-Straße in Neukölln. Diesmal haben sie mehr Polizisten dabei und durchsuchen die Hinterzimmer. In einem geschlossenen Raum entdecken sie einen VW-Golf, zerlegt in 127 Teile. Obwohl der Laden sonst voll ist, sitzen heute kaum Gäste in dem Lokal. Die Nachricht, dass die Polizei an der Karl-Marx-Straße unterwegs ist, hat sich schnell herumgesprochen. „Die Szene hat über Telefonketten mitbekommen, dass wir uns durch die Läden wühlen“, sagt ein Ermittler.

Nur wenige Tage später rücken die Beamten erneut aus. In derselben Shisha-Bar kommt es zu einer Schlägerei. Mehrere Männer stürmen mit Messern und Baseballschlägern das Lokal. Drei Gäste werden verletzt, ein Gast davon schwer. Der Attacke soll ein Streit im Straßenverkehr vorausgegangen sein. Als die Polizei vor Ort eintrifft, sind die Angreifer verschwunden. „Hier hat jemand sein Revier markiert und gezeigt, wer der Stärkere ist“, sagt ein Polizist.

ARD Kontraste zeigt unter dem Titel „Die Clans - Wie arabische Großfamilien in Deutschland herrschen“die Recherchen der „Berliner Morgenpost“ und des RBB, 2. August, 21.45 Uhr im Ersten

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