Olympia

Was für Olympia Rhein-Ruhr spricht – und was dagegen

Bei den Olympischen Spielen 2016 gewannen die Beachvolleyballspielerinnen Laura Ludwig und die Essenerin Kira Walkenhorst (rechts) die Goldmedaille.

Foto: Sascha Fromm

Bei den Olympischen Spielen 2016 gewannen die Beachvolleyballspielerinnen Laura Ludwig und die Essenerin Kira Walkenhorst (rechts) die Goldmedaille. Foto: Sascha Fromm

Essen.   Seit Wochen wird in der Region über eine Bewerbung um die Sommerspiele diskutiert. Ein Befürworter und ein Kritiker erklären ihre Standpunkte.

Pro von Christian Keller

Deutschland war 1972 mit den Sommerspielen in München letztmals Ausrichter von Olympischen Spielen. Aus meiner Sicht ist es Zeit, dass 60 Jahre danach 2032 oder spätestens vier Jahre später das schönste und wichtigste Sportereignis der Welt wieder in Deutschland stattfindet – in der Rhein-Ruhr-Region.

Als Botschafter der Olympia-Bewerbung der Rhein-Ruhr-Region für 2012 habe ich schon 2002 und 2003 im Gespräch mit vielen Menschen und längst nicht nur mit Sportlern eine ungeheure Begeisterung gespürt. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hat gezeigt, dass wir erstens dazu in der Lage sind, ein Sportereignis dieser Dimension exzellent auszurichten, und zweitens, dass wir weltoffen sind für alle Menschen. Der Begriff Sommermärchen ist ja eine Marke geworden.

Ich bin nach vielen Gesprächen der festen Überzeugung, dass sich die positive Stimmung für den Sport und für Olympia in unserer Region in den vergangenen Jahren sogar noch gesteigert hat. Die repräsentative Umfrage der WAZ von Anfang Juni hat ja auch ergeben, dass 68 Prozent der Menschen aus dem Ruhrgebiet die Olympische Sommerspiele in unserer Region befürworten würden.

Neue Bescheidenheit

Eine Bewerbung der Rhein-Ruhr-Region hat den ganz großen Vorteil, dass bereits 80 Prozent der Sportstätten fertiggestellt sind. Wir können so ein Gegengewicht zum Gigantismus, der sich leider zuletzt immer mehr breit gemacht hat, liefern. Mit einer neuen Bescheidenheit können wir begeisternde und fröhliche Spiele ausrichten. Es wäre sogar eine Chance für die olympische Bewegung. Weg vom Gigantismus, hin zur Nachhaltigkeit.

Bei uns würde es keine Ruinen wie in Athen oder Rio geben. Bei uns müssen nicht Stadien auf grünen Wiesen wie in Peking errichtet werden. Ganz im Gegenteil: Wir haben schon erstklassige olympiareife Sportstätten wie das Dortmunder Stadion mit der benachbarten Westfalenhalle, mit der Schalker Arena oder den Reitstadien in Aachen.

Grund für gescheiterte Bewerbung war ein politischer

Der Grund der gescheiterten Olympia-Bewerbung für 2012, als Düsseldorf gemeinsam mit dem Ruhrgebiet den Hut in den Ring geworfen hatte, war ein politischer. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hat im Sinne des Aufbaus Ost den Leipziger Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (beide SPD) unterstützt. Den Ausschlag hat damals leider nicht die Machbarkeitsstudie gegeben, den Ausschlag gaben politische Beweggründe.

Die Leipziger Bewerbung war zum Scheitern verurteilt, weil die Stadt längst nicht so gute Bedingungen wie unsere Region in die Waagschale werfen konnte. Allein die Kapazität der Hotelbetten reichte in Leipzig nicht aus. Eine Bewerbung unserer Region hätte bereits damals viel größere Erfolgsaussichten gehabt.

Erfahrungen nutzen

Wir können auf unserer damaligen Bewerbung aufbauen. Die damals gewonnenen Erfahrungen müssen genutzt werden und andererseits muss aus Fehlern gelernt werden. Keine Eifersüchteleien zwischen den Städten, dann haben wir erstklassige Chancen. Geschlossenheit statt persönliche Befindlichkeiten. Es ist auch sekundär, welche Stadt letztendlich offiziell als Bewerberstadt eingetragen wird. Es geht um die ganze Region.

Ich unterstütze daher die Aktivitäten des Sportmanagers Michael Mronz, der sich jetzt für die Bewerbung für 2032 oder 2036 stark macht. Er hat vielfältige Erfahrungen mit sportlichen Events, er hat Visionen. Nur wer groß denkt, kann etwas erreichen.

Stadtspitzen müssen sich bekennen

Man sollte jetzt in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ein Kompetenzteam bilden, damit wir uns auch gegen große Metropolen durchsetzen können. Jetzt müssen alle Oberbürgermeister der Rhein-Ruhr-Region ein klares Bekenntnis für Olympia schriftlich abgeben. Keine Lippen-Bekenntnisse, sondern ein klares Konzept muss her, wo kann welche Sportart stattfinden. Wenn wir ein Papier mit geschlossenen Meinungen und Vorstellungen in Richtung DOSB bringen, dann muss uns der Verband unterstützen und als zuständiges Gremium die Bewerbung beim Internationale Olympische Komitee (IOC) einreichen.

Ich weiß natürlich, dass viele über die Doping- und Korruptions-Skandale verärgert sind. Doping gibt es leider schon immer, aber die Beweisverfahren werden auch immer besser. Das IOC ist jetzt gefordert, den Kampf gegen Doping und Bestechlichkeit zu forcieren.

Riesenchance für die Region

Die Olympischen Spiele und die anschließenden Paralympics wären eine Riesenchance für die Region. Wir können zeigen, wie wir den Strukturwandel meistern, wie weltoffen wir sind, dass alle Menschen bei uns willkommen sind, egal welcher Hautfarbe, welcher Nation und welcher Religion. Das macht Olympia aus.

Ich habe dieses imposante Erlebnis siebenmal in mich aufsaugen dürfen. Viermal als Schwimmer, dreimal als ZDF-Experte. Für mich wäre es ein Lebenstraum, ein weiteres Mal Olympische Spiele genießen zu dürfen. Und das in meiner Heimat. Ich würde das Erlebnis dann gern mit meinen Kindern und hoffentlich Enkelkindern sowie allen Menschen unserer Region teilen.

Contra von Jens Weinreich

Olympia 2032 in NRW? Blicken wir kurz nach Montréal. Es soll aber nicht um die Milliardenschulden gehen, die kanadische Steuerzahler für die Sommerspiele 1976 über mehrere Jahrzehnte abzutragen hatten. Sondern darum, welche Lehren Kanada seinerzeit aus dem Desaster der Olympischen Sommerspiele gezogen hat. Derlei Fragen sind wichtig und brandaktuell, weil sie den Blick auf das Wesentliche lenken. Darauf, was hierzulande fehlt und was besser geklärt werden sollte, bevor man sich erneut in eine olympische Sackgasse manövriert und gegen die Wand rast.

Unter dem Schock der Kostenexplosion in Montréal forderte die kanadische Bundesregierung den Sportdachverband auf, eine Strategie für die Austragung von Großereignissen zu entwickeln. Nach Jahren öffentlicher Diskussionen wurde 1983 die erste sportpolitische Handlungsanweisung verabschiedet. Dieses Papier, die „Federal Policy for Hosting International Sport Events“, wurde ständig aktualisiert und ist in der aktuellen Fassung ein erstaunliches Dokument, beispielgebend für demokratische Nationen, das alle Beteiligten in die Pflicht nimmt: Städte, Provinzen, Regierung und Ministerien, gesellschaftliche Institutionen – und die Sportverbände.

Kein Strategiepapier in Arbeit

Der Sport muss in Vorleistung gehen. Die Kanadier gehen seit 1983 und vielen Großereignissen strukturiert und transparent vor. Es gibt nichts Vergleichbares in Deutschland. Es ist kein Strategiepapier in Arbeit.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) orakelte gerade darüber, zu Beginn der nächsten Legislaturperiode eine Debatte führen zu wollen. „Debatte“ heißt in Sportdeutschland noch immer: hinter verschlossenen Türen in kleinen Zirkeln, die seit Jahrzehnten in wechselnden Funktionen den Gang der Dinge bestimmen – und die als die Bremser gelten dürfen.

Verschwendung von Steuermitteln

Zuletzt wurden sechs Olympiabewerbungen in den Sand gesetzt: Berchtesgaden (Winter 1992), Berlin (Sommer 2000), Leipzig (Sommer 2012), München (Winter 2018 und 2022) und Hamburg (Sommer 2024). Mindestens dreimal rügten Rechnungshöfe und Buchprüfer eine „Unkultur im Umgang mit öffentlichen Mitteln“. Nie wurde ein Vertreter des Sports für die Desaster zur Verantwortung gezogen. Weder Sport noch Politik haben diese kolossale Verschwendung von Steuermitteln je wirklich aufgearbeitet.

Maßgeblich Beteiligte an diesen Abenteuern werkeln im Hintergrund an neuen Projekten wie „NRW 2032“. Sport und die Politik mussten unter öffentlichem Druck wenigstens lernen, dass milliardenschwere Olympiabewerbungen im 21. Jahrhundert nur auf Grundlage einer Bürgerbefragung oder eines Volksentscheids durchgeführt werden können. Ein schmerzhafter Prozess für all jene, die Hinterzimmerdeals gewohnt waren. Zweimal haben sich die Steuerzahler gegen derlei Großprojekte entschieden: 2013 in München und 2015 in Hamburg. Jedwede Planung in NRW muss ein Votum der Bürger über alles stellen.

Eklatanter Vertrauensverlust

Die von der WAZ veröffentlichten Umfragewerte werden von Befürwortern des 2032er Projektes als Rückhalt bewertet. Wobei manche Erwartungen kaum gerechtfertigt sind. London hat 2012 belegt, dass Olympia der Sportförderung an der Basis oder dem Schulsport kaum Akzente gibt. Britische Regierungsstudien belegten das Gegenteil. Man tut gut daran, die repräsentative Studie der Deutschen Sporthochschule Köln vom August 2016 zu lesen: Darin wird der eklatante Vertrauensverlust des olympischen Spitzensports in der Bevölkerung nachgewiesen. Das Vertrauen in Sportfunktionäre tendiert gegen Null.

Seither hat sich die Krise weiter verschärft: Gigantismus, die Kostenexplosionen und Korruption 2016 in Rio oder 2018 bei der Fußball-WM in Russland, auch bei den Sommerspielen 2020 in Tokio. Und die nachweislich kriminellen Netzwerke in etlichen Welt- und Kontinentalverbänden. Auch gegen Mitglieder der Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ermitteln Staatsanwaltschaften in den USA, in Frankreich und in Brasilien. Noch immer befindet man sich am Anfang der Aufklärung.

Nun soll es Olympia 2032 sein, in einer Zeit, da das IOC in größter Not einen historischen Einschnitt vorbereitet und die Sommerspiele 2024 und 2028 im Paket nach Paris und Los Angeles vergibt. In einer Zeit, da das Produkt Olympia ums Überleben kämpft. In einer Zeit, da das IOC sein Bewerber-Procedere über den Haufen wirft. Wenig bleibt, was bislang gültig war, bis 2024 oder 2025 eine Entscheidung getroffen wird über den Gastgeber für 2032. Vieles ist offen.

Organisatoren tragen das Risiko

Nur diese Eckdaten werden nicht angetastet: Erstens bleibt Olympia ein Franchise-Unternehmen des IOC. Das IOC bleibt als Franchisegeber im Besitz aller Rechte und leitet nur einen Teil seiner Einnahmen an Ausrichter weiter. Die Organisatoren tragen das volle finanzielle Risiko und haben eingeschränkte Rechte. Zweitens bleiben Sommerspiele bis mindestens 2024 bei 28 Kernsportarten zuzüglich eines halben Dutzends Gastsportarten.

Nach wie vor ist die logistische Meisterleistung zu vollbringen, an 17 Tagen rund 40 Einzel-Weltmeisterschaften zu organisieren. Das IOC und die Sportverbände halten am Status quo fest. Bislang sind die Spiele weder bezahlbarer noch nachhaltiger geworden. Das könnte sich in den kommenden Jahren ändern, im IOC lassen sie Reformpapiere erstellen, nachdem die angebliche Reform des IOC-Präsidenten Thomas Bach, die Agenda 2020, als gescheitert angesehen werden muss.

„Olympische Idee“ wird beschworen

In Deutschland aber, besonders in NRW, wird weiter im Marketingsprech eine „olympischen Idee“ beschworen, die täglich ad absurdum geführt wird. Wieder macht der sportpolitische Komplex den zweiten Schritt vor dem ersten.

Welche Lehren zieht das deutsche Olympia-Kartell – Sport, Politik, PR-Wirtschaft – aus den gescheiterten Bewerbungen? Welche Strategie verfolgen Bund, Länder und der Deutsche Olympische Sportbund für Großveranstaltungen? Wo ist das verbindliche Papier, das es mit den vorbildlichen Anleitungen in Kanada aufnehmen kann? Deutschland hat keinen Plan. Ohne nationales Konzept aber können NRW-Olympiafans ihre Träume sein lassen. Noch immer wird Olympia quasi als Allheilmittel verkauft. Doch nicht jede Wette auf die Zukunft ist mit einer Vision gleichzusetzen. Olympische Spiele werden kein Problem dieses Bundeslandes lösen.

Seite
Auch interessant
Leserkommentare (4) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik