Armut

"Skandal, dass es Einrichtungen wie die Tafel geben muss"

Sieht eine wachsende Not: Wolfgang Weilerswist, Vorsitzender des Landesverbandes der Tafeln in NRW.

Sieht eine wachsende Not: Wolfgang Weilerswist, Vorsitzender des Landesverbandes der Tafeln in NRW.

Foto: Heyder

Essen.   Der NRW-Vorsitzende der Tafeln, Wolfgang Weilerswist, kritisiert den Staat: er müsse sich stärker um von Armut Betroffene kümmern.

Mit Blick auf das Weihnachtsfest mahnt der Vorsitzende der Tafeln in NRW, Wolfgang Weilerswist, ein stärkeres staatliches Engagement für sozial Benachteiligte an. „Es ist ein Skandal, dass es Einrichtungen wie die Tafel in so einem reichen Land geben muss“, sagt Weilerswist im WAZ-Interview. Der Staat müsse sich stärker um von Armut Betroffene wie etwa Alleinerziehende kümmern. So fehle bezahlbarer Wohnraum, was häufiger dazu führe, dass Menschen mit wenig Einkommen zur Lebensmittelausgabe der Tafel kommen. Weil sie bei Fixkosten nicht sparen können, bleibe wenig zum Leben. „Also geht man zu uns.“

„Wir kennen unsere Kunden von morgen“

25 Jahre nach Gründung der ersten Tafel ist die Zahl der gemeinnützigen Einrichtungen, die gespendete Lebensmittel an Bedürftige ausgeben, auf rund 940in Deutschland gestiegen. In NRW versorgen 17.000 Ehrenamtliche in 173 Tafeln rund eine halbe Million Menschen. Weilers­wist geht von einem steigenden Bedarf aus. „Wir kennen unsere Kunden von morgen schon: Die Menschen, die Mindestlohn bekommen – das sind die künftigen Tafelbesucher“, so der 68-Jährige. Gerade bei Teilzeitstellen reiche das Einkommen weder zum Leben noch später in der Rente aus.

Das lange gehegte Ziel der Tafel-Vereine, durch bessere staatliche Versorgung überflüssig zu werden, habe man beerdigt, sagt Weilers­wist weiter. „Die Tafeln werden immer gebraucht und sie werden größer, in NRW sind derzeit mehrere im Entstehen.“ Um dem Andrang gerecht zu werden, haben sich die Tafeln professionalisiert, Verbünde gegründet und Tiefkühlhäuser gebaut. Seit Jahren wird beim Dachverband sogar diskutiert, die Tafeln als Wohlfahrtsverband zu etablieren.

In NRW waren 2017 knapp drei Millionen Menschen von Armut bedroht – besonders im Ruhrgebiet. Laut Sozialverbänden ist die Zahl der Armutsgefährdeten in der Region im vergangenen Jahrzehnt um 30 Prozent gestiegen.

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