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Streit um Kontrollen im Hörsaal zur Anwesenheitspflicht

Oft sind die Hörsäle der Hochschulen überfüllt, eine Pflicht zur Anwesenheit lehnen viele Studenten dennoch ab. Foto:Rolf Vennenbernd/dpa

Oft sind die Hörsäle der Hochschulen überfüllt, eine Pflicht zur Anwesenheit lehnen viele Studenten dennoch ab. Foto:Rolf Vennenbernd/dpa

Essen.   Das Land will Anwesenheitspflicht der Studenten wieder zulassen. Unis sind skeptisch. Dozent schlägt dagegen Präsenzpflicht für Professoren vor.

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Als die rot-grüne Landesregierung die Anwesenheitspflicht für Studenten in Seminaren 2014 abschaffte, gab es richtig Ärger. Professoren reagierten „höchst empört“ und sahen ihre Arbeit „entwertet“. Werde die Präsenzpflicht abgeschafft, könne man die Universitäten ja gleich schließen, schlussfolgerte ein Bonner Professor. Nun plant die schwarz-gelbe Landesregierung eine Rolle rückwärts.

Das „starre Verbot von Anwesenheitspflichten in klassischen Seminaren“ werde aus dem Hochschulgesetz gestrichen, kündigte NRW-Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (parteilos) an. Das rot-grüne Gesetz bedeute eine Bevormundung der Hochschulen. Und wieder schlagen die Wellen hoch. „Chaos plus Chaos ergibt noch keine Ordnung“, kommentierte ein Dortmunder Professor das politische Hin und Her.

Studenten: Vorträge oft lieblos

Studenten lehnen die Anwesenheitspflicht strikt ab. Sie sprechen von Gängelei, Rückschritt und Eingriff in die Freiheit des Studiums. Zudem lenke dies von einem grundsätzlichen Problem ab, meint Simon Paul vom Asta der Ruhr-Uni Bochum: Die Lehre sei oft lieblos gestaltet, Dozenten zeigten immer wieder dieselben Foliensätze oder läsen aus Büchern vor. Marcus Lamprecht, Asta-Vorsitzender der Uni Duisburg-Essen fordert ein „freies und selbstbestimmtes Studium“. Wäre die Lehre attraktiv, wären die Hörsäle „auch bei einer Lösung auf freiwilliger Basis bis auf den letzten Stuhl besetzt“.

Das Rektorat der Uni Duisburg-Essen setzt hingegen weniger auf starre gesetzliche Regelungen, sondern bevorzugt flexible und pragmatische Lösungen. Moderne Online-Angebote könnten somit zum Teil die Anwesenheit im Hörsaal ergänzen. „Wir setzen uns bereits seit einigen Jahren verstärkt für E-Learning sowie Blended-Learning als Verbindung von Präsenz- und Online-Lernphasen ein“, sagt Isabell van Ackeren, Bildungswissenschaftlerin und Prorektorin für Studium und Lehre. Ein Grund dafür sei, dass die Gruppe der Studierenden vielfältiger geworden sei. „Sehr viele Studierende müssen ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren, einige betreuen Kinder oder pflegen Angehörige“, sagt sie.

Hochschule setzt auf flexibles Studium

Etwas anderes sei es bei Seminaren, bei denen es auf die Mitwirkung der Studierenden ankomme. Es sei „ziemlich schwierig“, wenn man wöchentlich mit einer anders zusammengesetzten Gruppe zu tun habe oder Stoff vorbereitet wurde, der sich wegen mangelnder Teilnehmerzahl nicht realisieren lasse, so van Ackeren. Man werde auch in Zukunft „mit Augenmaß“ vorgehen, um einerseits die Qualität der Lehre, die vom Austausch und damit von der Anwesenheit lebe, zu sichern und zugleich ein flexibles Studium zu ermöglichen.

Metin Tolan, Physikprofessor und Prorektor für Finanzen an der TU Dortmund, findet die Debatte absurd. „Wir haben es mit erwachsenen Menschen zu tun“, sagt Tolan. Für ihn ist die Sache ganz einfach: Bei Veranstaltungen wie Seminaren oder Praktika im Labor, wo Experimente oder Versuche durchgeführt werden, ist eine Anwesenheitspflicht selbstverständlich.

Keine „zwangsverpflichteten“ Studenten

„Wo eine Beteiligung der Studenten erforderlich ist, um einen Leistungsnachweis zu erhalten, muss man anwesend sein“, stellt er fest. Etwas anderes seien Vorlesungen mit Hunderten Teilnehmern. „Am Ende muss der Student die Klausur bestehen. Wie er sich den Stoff beibringt, ist seine Sache“, so Tolan. Eine Präsenzpflicht sei hier überflüssig: „Ich brauche keine zwangsverpflichteten Studenten, die mir fleißig zunicken.“ Es wäre aber fair, den Studenten zu Beginn klarzumachen, was verlangt wird.

Aber wie steht es eigentlich um die Anwesenheit der Professoren, fragt Tolan und betrachtet damit seine eigene Zunft kritisch. Das eigentliche Problem sei doch, dass die Professoren selbst oft nicht da seien oder sich vertreten ließen. „Wie kann ich von Studenten eine Anwesenheitspflicht verlangen, wenn es der Professor nicht vormacht?“, fragt er.

Niemand kontrolliere die Professoren

Er beobachte, dass sich viele Hochschullehrer in die Forschung zurückzögen oder sich ihren außeruniversitären Geschäften oder Firmen widmeten. Je „geschäftstüchtiger“ ein Professor sei, desto seltener treffe man ihn in Lehrveranstaltungen an. Niemand kontrolliere, wie oft ein Professor fehle oder ob seine Vorlesungen von Mitarbeitern gehalten werden. Statt sich um Anwesenheitspflichten von Studenten zu kümmern, sollte die Ministerin „hier mal etwas genauer hingucken“.

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