Die Lage an den Deichen an Rhein, Ruhr, Weser und Co. spiegelt die Stimmung vieler Menschen zum Jahresausklang: Wir stehen unter grauem Himmel im Regen, sind ein wenig froh, dass wir der ganz großen Katastrophe bisher entgangen sind und hoffen, dass die leider arg vernachlässigten Deiche dem Druck des vorhergesagten Regens auch im nächsten Jahr standhalten.

Regnerisch, dunkel, bewölkt, das waren die Nachrichten der vergangenen Monate. Die Ukraine gerät gegen den Angreifer aus Russland wieder zunehmend in die Defensive. Nach den Terrorangriffen der Hamas auf Israel wütet ein Krieg im Nahen Osten, in dessen Folge in Deutschland Antisemitismus in bisher nicht für möglich gehaltenem Ausmaß zutage tritt. Unternehmen drosseln ihre Investitionen, unsere Infrastruktur (siehe A42) ist marode, Schülerinnen und Schüler können immer weniger und die überlebensnotwendige Bekämpfung des Klimawandels kommt auch kaum voran.

Die Prognosen sind nicht gerade leuchtend

Man könnte die Liste fortsetzen, das Gefühl bleibt: Wir stehen vor riesigen Herausforderungen. Und viele Menschen haben die Hoffnung verloren, dass die Politik uns sicher durch diese Herausforderungen manövrieren wird. Leider muss man feststellen: Eine Bundesregierung, die ihr Programm auf eine Wette gründet, die keinen Plan B hat, wenn die Zockerei um Milliarden schiefgeht, die hinterher nicht einmal Reue zeigt, die macht es selbst Wohlmeinenden schwer, Politik und Politiker gegen dumpfe Vorurteile zu verteidigen.

Die politische Wetterprognose für das kommende Jahr macht es nicht besser: Die AfD profiliert sich als Schlecht-Wetter-Partei und könnte erstmals stärkste Kraft in einem Bundesland werden, Trump könnte wieder US-Präsident werden, Russland in der Ukraine die Überhand gewinnen, der Krieg im Nahen Osten weiter eskalieren, die Wirtschaft völlig abstürzen. Diese Liste voller Konjunktive ließe sich ebenfalls fortsetzen. Man mag sich nicht vorstellen, was passieren könnte, wenn die Dämme brechen.

Das Unwetter zeigt: Die Zivilgesellschaft funktioniert

Ist die Lage also hoffnungslos? Mitnichten. Der Blick aufs Unwetter enthüllt noch anderes: Er zeigt, was unsere Gesellschaft im Inneren zusammenhält. Seit Weihnachten helfen jeden Tag und jede Nacht Tausende Ehrenamtliche, die Deiche zu sichern, sie entfernen vom Sturm hinweg gefegte Bäume, pumpen Keller aus, bereiten vorsorglich Notunterkünfte vor. Sie stellen das Wohl der Gemeinschaft über ihre Bedürfnisse nach einem Weihnachtsfest im Familienkreis, nach ein paar ruhigen Tagen zwischen den Jahren.

Unsere Zivilgesellschaft funktioniert also allen Untergangspropheten zum Trotz. Der soziale Kitt entsteht nämlich nicht durch die große Welt- und auch nicht durch die Bundes- oder Landespolitik, sondern durch das Engagement jedes Einzelnen.

Das Rückgrat unserer Gesellschaft bilden Ehrenamtliche, die bei den Tafeln Essen verteilen, die in Vereinen Kinder für Sport begeistern, schwachen Schülern Nachhilfe geben oder die Natur schützen, die sich um Alte und Einsame kümmern oder die für Hilfsorganisationen Pakete in Krisengebiete schicken. Und das Rückgrat bilden Menschen, die in ihrem Beruf mehr tun als Dienst nach Vorschrift, die daran arbeiten, dass unsere Gesellschaft jeden Tag etwas besser wird.

Es ist eigentlich ganz einfach: Die Gesellschaft, das sind wir. Und das gilt auch für die Politik: Ja, die Kompromissmaschine Demokratie arbeitet kleinteilig, der Weg zu einem Ergebnis ist für alle Beteiligten oft unendlich mühselig, das Ergebnis meist nicht genau so, wie es sich jeder Einzelne am Anfang vorgestellt hat. Aber Politik lebt vom Engagement jedes Einzelnen.

Die Politik, das sind nicht die anderen, das sind wir. Wer derzeit in den trüben Himmel schaut und sich sorgt, ob uns das Wasser bald bis zum Hals steht, der kann etwas tun. Sich engagieren. Und andere überzeugen, sich zu engagieren.