Rechtschreibung

Studie kritisiert Lernmethode „Schreiben nach Gehör“

Preisfrage: Was bedeutet „nt“? Wenn Sie nun an Donald Duck denken, liegen Sie nicht verkehrt.

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Foto: Frank May/dpa

Essen.   Die Lernmethode nach Jürgen Reichen hat sich in vielen Grundschulen etabliert. Doch eine aktuelle Studie stärkt die Zweifel an ihrer Effizienz.

„Die kinda gen in den tso“. Der Grundschüler, der diesen Satz zu Papier gebracht hat, lernt wahrscheinlich nach der Reichen-Methode. Das auch als „Schreiben nach Gehör“ bekannt gewordene Verfahren ist seit seiner Einführung in den 80er-Jahren umstritten. Die Methode schade vor allem schwächeren Schüler und Kindern mit Migrationshintergrund, meinen die Kritiker. Sie sorge für schnelle Erfolgserlebnisse und fördere die Lust am Schreiben, meinen die Befürworter.

Miriam Meisterernst hat als Grundschullehrerin in Essen-Kettwig lange Jahre mit „Reichen“ arbeiten müssen. Vielen sei nicht klar, sagt sie, dass es sich zuerst um eine Leselernmethode handele. „Dafür ist sie super. Aber es geht nicht ums Schreiben lernen. Das ist ein Problem.“ Viele Schüler verlören womöglich „das Gefühl für die Notwendigkeit einer vernünftigen Rechtschreibung.“

Lustige Wörter halten Einzug an den Universitäten

Gymnasien klagen darüber, dass sie Defizite aus der Grundschule ausbügeln müssten. Und auch die Universitäten bemerken eine wachsende Rechtschreibschwäche ihrer Studienanfänger. Meisterernst selbst forscht nun als Lehrerin im Hochschuldienst an der Uni Dortmund. „In der Musikpädagogik hatten wir gerade einen Studierenden, der Schemberlo schrieb.“

Die aktuelle Bonner Studie mit gut 3000 Grundschulkindern aus NRW scheint die anhaltende Kritik nun zu bestätigen. Die Forscher werteten fünf Diktate aus, die jeweils im Abstand von einem halben Jahr geschrieben wurden. Immer schnitten die „Fibelkinder“ besser ab. Schüler, die mit der Methode „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet wurden, machten am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler. Auch Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch war, profitierten von dem „Fibel-Ansatz“.

Orthografie ist Fleißarbeit

„Gerade Kinder aus bildungsferneren Elternhäusern hinken immer hinterher“, berichtet auch Tanja Schuh aus der Praxis. „Es zieht sich durch die ganze Schullaufbahn“, sagt die Deutschlehrerin an der Realschule Broich in Mülheim. Die Kinder bewahrten sich zwar in der Grundschule die Lernfreude, „aber wenn nun die Klassenarbeiten alle rot sind, sind sie deprimiert.“ Wenn die Grundschulen wenigstens „Rechtschreibstrategien“ vermitteln würden: „Man hört das h in gehen raus, wenn man das Wort in Silben zerlegt.“ Das Prinzip von „Fata“, „Muta“ und „Buta“ muss man einfach lernen.

Angesichts der teils dramatisch schwachen Kompetenzen sei eine Debatte über die richtige Lernmethode angebracht, meint die Dortmunder Bildungsforscherin Nele McElvany. Orthografie sei Fleißarbeit und müsse in den ersten Schuljahren geübt werden. „Es ist wie auch das Lesen eine Kernkompetenz, die Grundschüler lernen müssen. Dafür brauchen sie in den Schulen und zu Hause den zeitlichen Raum“, sagte sie.

NRW-Schulministerin sieht Methode kritisch

Der Schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen hatte „Schreiben nach Gehör“, das eigentlich „Lesen durch Schreiben“ heißt, in den 70er-Jahren entwickelt. Anschließend trat die Methode ihren Siegeszug durch die Grundschulen an und verdrängte immer mehr die klassische Fibel. Zum Lernen wird eine Anlauttabelle benutzt, mit der sich die Kinder die Buchstaben selbst zusammensuchen. Die Schüler verfassen auf diese Weise selbstständig von Anfang an Texte, ohne dass die Lehrer sofort eingreifen. Diese spielerische Vorgehensweise wecke die Lust am Schreiben, betonen die Befürworter.

Doch immer mehr Bundesländer kehren dieser Methode den Rücken. Auch NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) sieht sie kritisch und kündigte an, diese Methode auf das erste Schuljahr zu begrenzen. Es sei nicht sinnvoll, auch in weiteren Schuljahren auf „Schreiben nach Gehör“ zu setzen. Lehrer indes sind verwundert, denn die Methode komme im Unterricht nie ausschließlich zum Einsatz. Die Schüler lernten zunächst die Laute, und später, durch das richtige Abschreiben von Wörtern, präge sich die korrekte Rechtschreibung ein.

An den Grundschulen kommt ein Methodenmix zum Einsatz

Die Landeselternschaft der Grundschulen NRW hat sich zuvor bereits dafür ausgesprochen, dass die Schulen eigenständig darüber entscheiden sollten, welche Methode der richtige Weg sei. Die Lehrergewerkschaft GEW erklärte, dass kaum eine Schule allein auf „Schreiben nach Gehör“ setze, vielmehr komme ein Mix zum Einsatz. Freies Schreiben werde durch einen systematischen Rechtschreibunterricht ergänzt, hieß es.

Wie die Lehrerverbände sieht auch die GEW weniger die Notwendigkeit für eine Methodendebatte, sondern kritisiert mangelnde Investitionen in die Grundschulbildung. Mit mehr Personal seien auch bei Lesetests bessere Ergebnisse zu erzielen.

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