Interview

NRW-Ministerin sieht neue Chance für Still-Leben auf der A40

Ina Scharrenbach (CDU) ist seit Juni NRW-Ministerin für Heimat, Kommunales, Bauen und Gleichstellung.

Foto: Rottmann

Ina Scharrenbach (CDU) ist seit Juni NRW-Ministerin für Heimat, Kommunales, Bauen und Gleichstellung. Foto: Rottmann

Kamen.   NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach will Häuslebauer stärker fördern, Mädchen für Technik begeistern und befürwortet ein zweites „Still-Leben“.

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Mit der neuen Landesregierung aus CDU und FDP hat Nordrhein-Westfalen auch ein ungewöhnliches Ministerium erhalten: Die CDU-Politikerin Ina Scharrenbach kümmert sich als neue Ministerin um Kommunales, Bauen und Gleichstellung – und um Heimat. Im Interview mit Matthias Korfmann, Anna Ernst und Stephanie Weltmann spricht die 40-Jährige in ihrer Heimatstadt Kamen über mangelnde Zusammenarbeit der Ruhrgebietsstädte, fehlende Eigenheimförderung und notwendige Vorbilder für junge Mädchen.

Frau Scharrenbach, Ihre Heimat ist das Ruhrgebiet. Was macht den „Ruhri“ aus?

Ina Scharrenbach: Der Zusammenhalt ist immer noch groß im Ruhrgebiet – ein Erbe der Industriearbeit. Dieses Grundgefühl ist überall gleich, in Kamen, Bochum oder Duisburg. Der „Ruhri“ ist auch stolz auf seine Heimat. Wir müssen diese Tradition aber in die Zukunft tragen. Das Revier mit seinen fünf Millionen Einwohnern hat alle Chancen, durchzustarten.

Ist das Ruhrgebiet also eine Metropole, die zusammenhält?

Man sagt das so. Aber eigentlich ist es das noch nicht. Es gibt noch zu viel Kirchturmdenken. Die Kommunen gehen selten gemeinsam nach vorn. Bei der Wirtschaftsförderung, auch in der Kultur gehen sie meistens Einzelwege. Es wird zwar insgesamt viel angeboten, aber das wird überregional wegen der schieren Masse kaum wahrgenommen. Wir bräuchten einen gemeinsamen Kulturraum im Revier.

2010 hatten wir den mit der Kulturhauptstadt.

Aber nur für ein Jahr. Heute ist diese erfolgreiche Marke tot. Warum hat man nicht das beeindruckende Stillleben auf der A 40 fortgesetzt? Es strahlte weit über das Ruhrgebiet hinaus. So etwas müsste man regelmäßig anbieten.

Die Kulturhauptstadt wurde von Persönlichkeiten wie Fritz Pleitgen organisiert. Braucht das Ruhrgebiet einen Chef-Organisator?

Wenn Sie etwas so Großes angehen, dann brauchen sie Motoren oder „Motorinnen“ (lacht). Wenn das Revier wieder eine Klammer bekäme wie einst die Kulturhauptstadt oder ein gemeinsames Wirtschaftsprogramm, dann würden diese Persönlichkeiten kommen.

Wenn „Metropole“ zu hoch gegriffen ist, geht es eine Nummer kleiner?

In der Frauen-Union verfolgen wir eine interessante Idee: die „Regiopole in der Metropole“.

Was ist das?

Es gibt über 50 Städte im Revier, große und kleine, mit unterschiedlichen Interessen. Die lassen sich schwer zusammenschmieden. Vielleicht brauchen wir zuerst regionale Bündnisse, die sich von unten auf den Weg zur Metropole machen. Der Kreis Unna könnte mit der Stadt Dortmund und der Stadt Hamm gemeinsame Ziele verfolgen oder die Städte im Kreis Recklinghausen zusammen mit einer umliegenden Großstadt.

Wo könnten die besser zusammenarbeiten?

Bei den Kommunalfinanzen, in der Kultur, bei den Arbeitsplätzen, in der Wirtschaftsförderung, in der Bildung. Das Revier mit seinen Hochschulen ist auch prädestiniert dafür, eine digitale Modellregion zu werden. Bei den Kommunen muss das Verständnis verankern: Nur gemeinsam sind wir stark.

Haben Sie den Eindruck, dass der Regionalverband Ruhr seine Chance nutzt, im Auftrag der Städte gemeinsame Projekte voranzutreiben?

Der RVR und die Städte tun sich schwer damit.

Hat das Ruhrgebiet noch einen schlechten Ruf?

Nein, aber manchmal macht sich das Revier selbst schlecht. Ich habe ein Problem damit, dass Oberbürgermeister und Landräte das Revier als Armenhaus der Republik darstellen. Natürlich können sie nach Berlin fahren und um Entschuldung bitten. Aber wenn dadurch der Eindruck entsteht, das Revier sei vor allem arm, dann schreckt man alle außerhalb der Region ab.

Eines der größten Probleme in Großstädten ist es, gute günstige Mietwohnungen zu finden. Ihr Ministerium will sich aber vor allem für Eigenheime einsetzen. Wieso?

Soziale Wohnraumförderung und Eigentumsförderung schließen sich nicht aus. Ein CDU-Grundverständnis ist, dass Eigentum nichts Böses ist. Im Gegenteil: Eigentum bedeutet auch Altersversorgung. Die meisten Mietwohnungen werden nicht von großen Wohnungsgesellschaften angeboten, sondern von privaten Vermietern. Für einige Politiker bei der politischen Konkurrenz ist Eigentum nur dann gut, wenn es Volkseigentum ist. Rot-Grün hat massiv dazu beigetragen, dass sich Eigentumsbildung in NRW deutlich erschwert hat, zum Beispiel durch die Erhöhung der Grunderwerbsteuer.

Sie haben das als Opposition kritisiert. Senken Sie die Grunderwerbsteuer jetzt wieder?

Wir wollen uns im Bundesrat mit den anderen Ländern auf eine einheitliche Grunderwerbsteuer verständigen. Wir brauchen insgesamt ein Klima für Neubau. Nur so können wir ein breites Angebot auf dem Wohnungsmarkt erreichen und Mietexplosionen entschärfen.

Auch der Bedarf an barrierefreiem Wohnen ist riesig. Wieso verschieben Sie den Start der Landesbauordnung um ein Jahr, mit der ja mehr barrierefrei gebaut werden sollte?

Weil wir insgesamt schneller werden müssen: beim Planen, Genehmigen und Bauen. Wir schauen uns alle Beschlüsse jetzt in Ruhe noch einmal an, und prüfen sie auf Kosten und auf alles, was auf Bauprojekte verzögernd wirkt.

Nach einem Jahr geht es also umso schneller in Nordrhein-Westfalen weiter – auch mit der Barrierefreiheit?

Das ist unser Ziel. In puncto Barrierefreiheit: Menschen sollen so lange wie möglich selbstbestimmt zu Hause leben dürfen. Das setzt entsprechenden altersgerechten Wohnraum voraus. Derzeit gibt es durchaus unterschiedliche Auffassungen über Standards in Hinblick auf Barrierefreiheit. Auch darüber werden wir uns mit den beteiligten Interessenverbänden austauschen.

Sie sind auch Gleichstellungsministerin. Laut Koalitionsvertrag wollen Sie den „Girls Day“ und „Boys Day“ aufwerten, also die eintägige Berufserkundung von Schülern. Wie?

Diese Tage ändern nicht viel daran, dass sich zu wenige Mädchen für Berufe in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, kurz Mint, und sich zu wenige Jungen für soziale Berufe interessieren. Es fehlen ihnen die Rollenvorbilder. Ich könnte mir in Abstimmung mit meinen Kabinettskollegen ein landesweites Programm für „Girls- und Boys-Akademien“ an Schulen vorstellen. Das wären freiwillige AGs außerhalb des Unterrichts. Dort kämen Mädchen mit Frauen aus Mint-Berufen und Jungen mit Männern aus sozialen Berufen zusammen.

Welche Rollenvorbilder hatten Sie?

In meiner Familie gab es viele Frauen, die ihr Leben lang trotz Familie immer gearbeitet haben. Das hat mich immer sehr beeindruckt.

>> KURZ-VITA

Ina Scharrenbach machte sich zuletzt NRW-weit einen Namen, weil sie als Obfrau die Arbeit des Untersuchungsausschusses zur Silvesternacht in Köln maßgeblich vorangetrieben hat. Die 1976 geborene Politikerin ist gelernte Bankkauffrau, sie studierte Betriebswirtschaft, arbeitete bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. 2012 zog sie erstmals in den Landtag ein.

Aufgewachsen ist Scharrenbach in Kamen, wo ihre Eltern einen Gartenbaubetrieb führen. Beeindruckt von Helmut Kohl trat sie 1996 in die CDU ein. Scharrenbach ist Landeschefin der Frauenunion.

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