Atomkraft

Neue Sicherheitsdebatte um belgische Atomkraftwerke

Das belgische Atomkraftwerk Tihange bei Lüttich sorgt durch zahlreiche Pannen seit langem für Kritik. Es ist nur 70 Kilometer von Aachen entfernt. Die NRW-Landesregierung fordert daher die Abschaltung.

Das belgische Atomkraftwerk Tihange bei Lüttich sorgt durch zahlreiche Pannen seit langem für Kritik. Es ist nur 70 Kilometer von Aachen entfernt. Die NRW-Landesregierung fordert daher die Abschaltung.

Foto: Oliver Berg/dpa

Essen.   Bericht enthüllt Häufung von „Vorläuferereignissen“ im grenznahen belgischen Reaktor Tihange 1. Experten sehen Kritik bestätigt.

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Seit Jahren gilt der belgische Atomreaktor Tihange 2 unweit der deutschen Grenze als Risikofaktor. Tausende feine Haarrisse durchziehen seinen Druckbehälter. Die Menschen im Dreiländereck sind in Sorge, mit Menschenketten, Demonstrationen und Klagen will die Region eine Stilllegung der über 40 Jahre alten Meiler erreichen. Die Stadt Aachen ließ bereits vorsorglich Jodtabletten verteilen.

Nun sorgt die Nachricht, dass auch von dem Reaktorblock 1 in Tihange ein größeres Sicherheitsrisiko ausgehe als bislang bekannt, für erneute Unruhe. Nach Recherchen von WDR und ARD kam es an diesem Reaktor zu einer Häufung von Abschaltungen durch sogenannte Vorläuferereignisse. Das sind Störfälle, die im schlimmsten Verlauf eine Kernschmelze verursachen können. Demnach kam es zwischen 2013 und 2015 nur in Tihange 1 zu acht „Precursor-Ereignissen“ – mehr als die Hälfte aller Fälle in ganz Belgien. Der Bericht beruft sich auf ein Schreiben der belgischen Atomaufsicht, in dem erstmals diese Zahlen genannt worden seien.

Vorboten für Schäden am Reaktorkern

Als „Precursor-Ereignisse“ bezeichnen Techniker „Vorboten für Schäden am Reaktorkern.“ Nach Definition der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) werden all jene Ereignisse in Kraftwerken als „Precursor“ markiert, „die die Wahrscheinlichkeit für einen Kernschaden erhöhen“, etwa durch Ausfälle von Sicherheitseinrichtungen wie des Notkühlsystems. Weiter heißt es: „Weltweit werden nur Ereignisse als Precursor bezeichnet, bei dem der Schaden am Kern wahrscheinlicher ist als eins zu einer Million.“ Solche Ereignisse müssten in einer „Precursor-Analyse“ eingehend untersucht werden.

Wie kritisch die insgesamt 14 Fälle in den belgischen Reaktoren tatsächlich waren, ließe sich nach Meinung von Experten nur nach einer Offenlegung der Zwischenfälle einschätzen, was die Städteregion Aachen umgehend forderte. Allerdings lasse die Zahl der Fälle allgemeine Rückschlüsse auf den Sicherheitszustand der Anlage zu.

Häufung der Fälle sehen Experten kritisch

„Die Häufigkeit der Fälle am Reaktor 1 ist schon sehr bedenklich“, sagte Prof. Hans-Josef Allelein, Reaktorsicherheitsexperte am Forschungszentrum Jülich, dieser Redaktion. Dies könnte ein Anzeichen dafür sein, dass der alte Reaktor am Ende seiner Laufzeit angelangt sei. Solche Zwischenfälle häuften sich auch dann, wenn mit Blick auf die „wirtschaftliche Optimierung“ der Anlage nicht mehr viel investiert werde, so Allelein. Mit anderen Worten: Der Reaktor soll vor der Abschaltung noch möglichst viel Geld einspielen.

Mehr Sorge als die marode Technik bereite ihm aber die „mangelnde Sicherheitskultur“ in Belgien. Damit meint er zum Beispiel den umstrittenen Wechsel des ehemaligen Leiters des Atomkraftwerks Doel, Jan Bens, an die Spitze der belgischen Atomaufsicht Fanc. Oder die erschreckende Erkenntnis, dass ein belgischer Dschihaddist drei Jahre lang als Techniker im Hochsicherheitsbereich des Kraftwerks arbeitete, bevor er sich 2014 nach Syrien absetzte.

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