Landtagswahl 2017

Netzexperte: „Viele Fans bedeuten nicht automatisch Erfolg“

Christian Lindner fotografierte am 6. Mai vor Ikea das FDP-Plakat: „Wenn ein Möbelhaus unsere Kinder bis 20 Uhr betreuen kann, wieso können die Kitas in NRW das nicht?“ Rund 11 400 Nutzern gefiel das – kein anderer Beitrag eines NRW-Spitzenkandidaten erhielt in den vier vergangenen Wahlkampfwochen solch einen Zuspruch.

Foto: Facebook

Christian Lindner fotografierte am 6. Mai vor Ikea das FDP-Plakat: „Wenn ein Möbelhaus unsere Kinder bis 20 Uhr betreuen kann, wieso können die Kitas in NRW das nicht?“ Rund 11 400 Nutzern gefiel das – kein anderer Beitrag eines NRW-Spitzenkandidaten erhielt in den vier vergangenen Wahlkampfwochen solch einen Zuspruch. Foto: Facebook

Essen.   Kleinere Parteien nutzen im Wahlkampf deutlich stärker soziale Medien als SPD und CDU. Der Blogger Martin Fuchs sagt, was das bedeutet.

Martin Fuchs ist Experte für digitale Kommunikation und berät Parteien, Politiker und Regierungen. Online schreibt er über soziale Medien in der Politik. Für diese Zeitung hat sich der Hamburger Politikberater die NRW-Parteien im Netz angeschaut. Im Gespräch mit Linda Heinrichkeit erklärt Fuchs, warum die AfD in sozialen Medien so erfolgreich ist und welche Rolle Twitter im deutschen Wahlkampf spielt.

Die Reichweiten von kleinen Parteien in sozialen Netzwerken sind meist wesentlich höher als die der großen. Was machen Grüne, Linke und FDP besser als SPD und CDU?

Fuchs: Deutschlandweit ist zu beobachten, dass die Volksparteien, vor allem CDU und SPD, die Relevanz sozialer Medien nicht früh genug gesehen haben. Das haben die kleinen Parteien schneller hinbekommen. Außerdem brauchen die kleinen Parteien ein Sprachrohr, um Öffentlichkeit zu schaffen – vor allem die, die nicht an der Regierung sind. Und sie haben einen weiteren Vorteil: Ihre Strukturen und Prozesse sind agiler und flacher und somit besser für die schnelle digitale Kommunikation geeignet, einfach weil es weniger Freigabe-Ebenen und Mitsprache gibt.

Die AfD war schon unter Bernd Lucke bei Facebook sehr aktiv und erreicht immer noch viele Nutzer. Wie hat sie das so schnell geschafft?

Als sich die AfD 2013 gegründet hat, ist sie in den Medien nicht aufgetaucht. Ihre Euro-Kritik hat eine große Masse in Deutschland interessiert und man hat sie nirgendwo gelesen. Wenn man sich informieren wollte über Euro-kritische Stimmen, war man gezwungen, Fan der AfD zu werden, weil man das im Fernsehen und in den Zeitungen nicht gesehen hat.

Ist die AfD unter dem Aspekt genau zur richtigen Zeit aktiv geworden?

Handwerklich hat die AfD von der ersten Sekunde des Parteibestehens verstanden, wie Facebook funktioniert und hat Leute aktiv aufgefordert und mobilisiert. Sie hat immer klar gesagt: Teilt diese Inhalte, wenn ihr gegen den Euro seid! Oder: Tragt das in eure Freundeskreise, dass wir eine Veranstaltung haben! Sie haben sich damit extreme Reichweiten aufgebaut.

Liegt ihr Erfolg also vor allem an ihren populistischen Themen?

Viele Fans und viele Follower bedeuten nicht automatisch Erfolg. Wenn man sieht, dass die AfD knapp 40 000 Fans hat, denkt man: Wow, das sind viele Menschen. Aber ich denke, dass es die AfD nur geschafft hat, sehr viele Menschen an sich zu binden, die so denken wie die AfD. Das ist aber nur eine aktive Minderheit. Und die Anhänger der Volksparteien, die ein „Mainstream“-Weltbild haben, markieren nicht unbedingt die Seiten ihrer Parteien mit „Gefällt mir“. Sie denken: Die sind doch schon an der Regierung, es läuft doch alles. Bei den kleinen Parteien sind die Menschen motivierter, sich zu engagieren, weil sie ihr Weltbild von den linken und rechten Rändern in die Mitte tragen wollen.

Wie aussagekräftig sind dann überhaupt solche Messwerte wie die Anzahl der Facebook-Fans?

Es funktioniert nicht, die Beliebtheit in sozialen Netzwerken eins zu eins auf das Wahlergebnis zu übertragen. Auch weil nicht alle Fans, die beispielsweise die NRW-AfD abonniert haben, auch Wahlberechtigte in Nordrhein-Westfalen sind. Aber man kann bestimmte Tendenzen ablesen, gerade direkt vor der Wahl.

Spielt der Kurznachrichtendienst Twitter für das Erreichen der Wähler keine Rolle?

Twitter ist und bleibt in Deutschland ein Multiplikatoren-Instrument. Dort tummeln sich hauptsächlich Journalisten, andere Politiker und Meinungsbilder. Das ist für die Politik ein sehr wichtiges Werkzeug. Dort wird Meinung gebildet von Leuten, die eine Reichweite auf anderen Kanälen haben. Aber Twitter hat keine wirkliche Relevanz, direkt Bürger zu erreichen.

Das heißt, Facebook ist das einzige Netzwerk, das eine relevante Rolle in der Wählerwerbung spielt?

Das würde ich so nicht sagen. Je nach Zielgruppe muss man das passende Netzwerk auswählen. Möchte man Jungwähler ansprechen, sollte man zum Beispiel eher aktiv auf Snapchat als auf Facebook sein. Es gibt bestimmt viele Politiker, für die Facebook das Wichtigste ist, aber am Ende ist immer entscheidend: Wen will ich erreichen? Es gibt 150 aktive soziale Netzwerke in Deutschland.

>> DAS GEFÄLLT DEN FACEBOOK-NUTZERN

Die meisten Parteien setzen auf Facebook am Tag zwischen einem und fünf Posts, also Beiträgen, ab. Die NRW-Spitzenkandidaten sind oft aktiver – allen voran FDP-Chef Christian Lindner. In der heißen Wahlkampfzeit seit Anfang April hat er den erfolgreichsten Facebook-Post aller NRW-Spitzenkandidaten publiziert: Das Foto eines Wahlplakats zur Kita-Betreuung (siehe unten) gefiel rund 11 400 Nutzern.

Ähnlich viel Zuspruch erhielt seine Reaktion auf den Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlag, ein Schwarz-Weiß-Porträt mit dem Zitat: „Jeder Versuch, aus dem Anschlag in Berlin politisches Kapital zu schlagen, ist ein Zeichen von Charakterlosigkeit.“ Rund 10 000 Nutzern hat dieser Beitrag gefallen.

Den zweiterfolgreichsten Beitrag des vergangenen halben Jahres publizierte AfD-Landeschef Marcus Pretzell: Rund 3000 Nutzer mochten ein Video seiner Hochzeit mit Frauke Petry am 22. Dezember.

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