Zukunftsserie

Weizsäcker: NRW muss sich von Kohle-Energie verabschieden

Der rheinische Braunkohle-Tagebau Garzweiler ist eine Investition in die Vergangenheit, meint Ernst Ulrich von Weizsäcker. Nötig wäre eine nachhaltige Wirtschaftsform.

Foto: Fabian Strauch

Der rheinische Braunkohle-Tagebau Garzweiler ist eine Investition in die Vergangenheit, meint Ernst Ulrich von Weizsäcker. Nötig wäre eine nachhaltige Wirtschaftsform. Foto: Fabian Strauch

Essen.   Umweltforscher fordert ein ökologisches Wachstum und mahnt NRW, jetzt in die Zukunft zu investieren. Ein Interview.

1972 warnte der Club of Rome mit der epochalen Studie vor den „Grenzen des Wachstums“. Der Bericht, der kurz vor der Ölkrise die Welt aufrüttelte, gilt bis heute als eine der einflussreichsten wissenschaftlichen Studien. 45 Jahre danach legt Ernst Ulrich von Weizsäcker, Ko-Präsident des angesehenen Club of Rome, erneut einen mahnenden Bericht vor mit dem Titel „Wir sind dran“. Christopher Onkelbach sprach mit den renommierten Umweltforscher über die Fehler der Vergangenheit und die Chancen für die Zukunft.

Worüber schreiben Sie im Jahr 2040, wo wird die Welt stehen?

Weizsäcker: Ich bin kein Prophet, was die Zukunft bringt, ist ungewiss. So hätte man das Phänomen Trump vor drei Jahre wohl kaum vorhersagen können, auch nicht die Verrücktheiten des nordkoreanischen Diktators oder den Brexit. Aber ist gibt langfristige Trends, die sich fortsetzen.

Was meinen Sie damit?

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist die Weltbevölkerung stetig und steil gewachsen, der Konsum pro Kopf hat sich verdreifacht. Das heißt, wir erlebten insgesamt eine Verachtfachung des Konsums. Das hat natürlich einen riesigen Effekt auf die Regenwälder, die Fischbestände, auf Mineralien- und Ölvorräte. Die Weltbevölkerung verbraucht immer mehr Primärenergie, Wasser und Dünger, verursacht mehr CO2, mehr Stickoxide und Methan. Zudem steigen die Temperaturen. Der Klimawandel ist inzwischen klar prognostizierbar. 1972 stand das noch nicht auf der Tagesordnung.

Auch das Ausmaß der Migration wurde so nicht erwartet.

Das ist völlig richtig. Die Migration ist in einem erheblichen Umfang auf die genannten Probleme zurückzuführen. Klimaveränderungen führen dazu, dass es Völkerwanderungen gibt, Kriege und Flucht. In Südafrika herrscht derzeit eine gewaltige, bedrohliche Trockenheit. Wenn die Zahl der Menschen ständig zunimmt und der Wasserbedarf eine feste Größe ist, dann gibt es Kriege um Wasser.

Werden wir uns auf mehr Klimaflüchtlinge einstellen müssen?

Klimaflüchtlinge und Armutsflüchtlinge sind meistens gar nicht zu unterscheiden. Aber darauf muss sich Europa einstellen. Die prognostizierte Vervierfachung der afrikanischen Bevölkerung innerhalb eines Jahrhunderts ist überhaupt nicht in den Griff zu bekommen. Studien zeigen, dass die Länder, die es geschafft haben, die Zahl ihrer Bevölkerung zu stabilisieren, die ganz großen Gewinner sind. Länder, die es nicht schaffen, werden die großen Verlierer sein.

Im Ruhrgebiet leben wir in einem der größten Ballungsräume Europas. Welche Herausforderungen kommen auf die Metropolen zu?

Das Ruhrgebiet hat einen riesigen Vorteil, es verfügt über eine gute Infrastruktur. Das ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Investoren suchen gute Infrastruktur.

Gerade hier in der Region benötigen die Menschen Arbeitsplätze. Dafür ist Wachstum nötig, richtig?

Wir müssen das Wohlstandwachstum abkoppeln vom Naturverbrauch. Mein Buch „Faktor fünf“ zeigt, wie man fünfmal so viel Wohlstand aus einer Kilowattstunde, aus einem Kubikmeter Wasser oder einer Tonne Erz herausholen kann. Dann darf Wachstum sein, aber ohne mehr Verbrauch von Natur. Wenn Staaten aber alles daran setzen, dass Energie und Rohstoffe so billig wie möglich sein müssen, kann man nicht erwarten, dass Firmen gute Geschäfte mit einer Verringerung des Verbrauchs machen.

Was wäre die Lösung?

Ökologisches Wachstum muss lukrativ werden. Unser Vorschlag ist, Energie effizienter zu nutzen. Lasst uns eine Art Ping-Pong starten zwischen der Erhöhung der Energieproduktivität – also des Mehrwerts, den man aus einer Menge Energie gewinnt – und dem Energiepreis. Wenn der Preis steigt, werden Verbesserungen der Energieproduktivität lukrativ. Das ist wie bei den Arbeitskosten. Wenn die Löhne steigen, versuchen die Unternehmen, die Produktivität zu verbessern. Wenn diese wächst, können auch Löhne steigen. Das ist die Formel für nachhaltiges Wachstum.

Das erforderte eine gewaltige Wende im Wirtschaften und Denken.

Gewaltig nicht als Schreckgespenst, sondern als Chance für ein innovatives Land wie Deutschland. Die große Veränderung im Denken gehört dazu. Damit unsere Enkel glücklich leben können.

Im Buch nennen Sie das die „zweite Aufklärung“, was heißt das?

Die Rationalität der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert war großartig. Aber sie wurde für eine leere Welt konzipiert. Weniger als eine Milliarde Menschen lebten inmitten eine riesigen Natur. Es war das Normalste von der Welt, die Natur auszunutzen. In unserer vollen Welt aber geht das nicht mehr. Wir benötigen eine neue Ethik, eine Balance zwischen Mensch und Natur, Staat und Markt, Gerechtigkeit und Leistung. Die neue Aufklärung muss das vom Raubbau geprägte Denken ablösen.

Aber dieser Wandel benötigt viel Zeit. Was können wir jetzt tun?

Das stimmt. Daher beinhaltet der dritte Teil unseres Buches eine Vielzahl von Beispielen in aller Welt, wo heute schon vernünftiges Wirtschaften innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten realisiert wird.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Mein indischer Freund Ashok Khoslar hat mit seiner Gruppe Development Alternatives in einer der ärmsten Gegenden Indiens im Laufe der Jahrzehnte drei Millionen Menschen Beschäftigung gegeben. Plötzlich blühten die Dörfer wieder auf. Das Fantastische war, sein Einstellungskriterium war nicht die Qualifikation, sondern die Bedürftigkeit der Leute. Er hat Frauen aus der Kaste der Unberührbaren Arbeit gegeben, sie dankten es ihm und waren fleißig und betriebstreu. Auch die deutsche Energiewende ist ein gutes Beispiel, das von 100 Ländern in ähnlicher Form nachgeahmt wird.

Wie könnte Deutschland, wie könnte NRW vorangehen?

Wir müssen in die Zukunft investieren, nicht in die Vergangenheit. Der Braunkohletagebau Garzweiler II ist eine Investition in die Vergangenheit. Ich habe drei Jahre in Essen gelebt, ich verstehe die Kohletradition im Revier. Aber wie wollen wir aus dem Ruhrgebiet ein Silicon Valley machen, wenn wir weiter von der Kohle träumen? Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft, neue Produkte, Wissenschaft und Forschung – hier hätte NRW eine große Chance, ganz vorne zu stehen.

>>>> Zur Person Ernst Ulrich von Weizsäcker

Einflussreicher Forscher und Vordenker

Der Biologe und Physiker Ernst Ulrich von Weizsäcker (78) gilt als einer der prägendsten Vordenker des Konzepts einer nachhaltigen Wirtschaft. Als Experte für Umwelt, Öko-Effizienz und Biologie erarbeitete er Lösungen globaler Umweltprobleme und verfasste viel beachtete Bücher („Erdpolitik“, „Faktor vier“, „Faktor fünf“)

Von 1972 bis 1975 wirkte Weizsäcker als Professor für Biologie an der Universität-Gesamthochschule Essen. Anschließend war er bis 1980 Präsident der Uni Kassel. 1981 wechselte er als Direktor an das UNO-Zentrum für Wissenschaft und Technologie in New York, 1984 bis 1991 war er Direktor des Instituts für Europäische Umweltpolitik. 1991 wurde er Gründungspräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, das er bis 2000 leitete. Der Sozialdemokrat saß 1998 bis 2005 im Deutschen Bundestag.

Seit 2012 ist Weizsäcker Ko-Präsident des renommierten Club of Rome – ein 1968 gegründeter Zusammenschluss internationaler Experten, die sich für eine gerechte und nachhaltige Entwicklung einsetzen. Schlagartig berühmt wurde dieses Netzwerk durch die Veröffentlichung des Berichts „Die Grenzen des Wachstums“ 1972. Er wurde in 30 Sprachen übersetzt.

Nun legte Weizsäcker gemeinsam mit dem schwedischen Umweltpolitiker Anders Wijkman den aktuellen Bericht an den Club of Rome vor: „Wir sind dran“ (Gütersloher Verlagshaus, 24,99 Euro). Der Untertitel des Werks lässt sich als optimistisch gemeintes Leitmotiv des Buches verstehen: „Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen.“

Auch interessant
Leserkommentare (2) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik