Schule

In NRW gehen 60 „Talentschulen“ an den Start

NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP, Mitte)) bei der feierlichen Auftaktveranstaltung zum Schulversuch Talentschule in Essen.

NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP, Mitte)) bei der feierlichen Auftaktveranstaltung zum Schulversuch Talentschule in Essen.

Foto: Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen.  Mit mehr Lehrern und neuen Konzepten sollen 60 ausgewählte Schulen in sozialen Brennpunkten Schüler besser fördern. Kritik an „Leuchttürmen“.

Kritik und Gegenwind ist sie gewohnt. Doch in Essen schlug Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) ungebrochene Zustimmung entgegen. Mehr als 300 Schulleiter, Lehrer und Bildungsexperten begrüßten sie mit engagiertem Applaus bei der feierlichen Auftaktveranstaltung zum Schulversuch Talentschule in NRW.

Spürbare Aufbruchstimmung herrschte unter den Vertretern der 60 ausgewählten Schulen. 35 Talentschulen arbeiten bereits seit diesem Schuljahr mit neuen Förderkonzepten und mehr Lehrern. Ab dem kommenden Schuljahr kommen 25 weitere hinzu. „Danke, dass Sie mit uns die Bildungsgerechtigkeit in NRW verbessern wollen“, rief Gebauer ihnen zu. Die Befürworter des sechsjährigen Schulversuchs waren bei der Veranstaltung weitgehend unter sich und begrüßten daher einhellig das ehrgeizige Projekt, das ihre Talentschule in Zukunft besser stellen wird als andere.

Die Ministerin nutzte die Gelegenheit, um die Einführung eines „schulscharfen Sozialindex“ zum Schuljahr 2021/22 anzukündigen. „Ich bin zuversichtlich, dass er im Sommer zur Verfügung stehen wird.“ Mit dem Sozialindex, den es bislang nur für Kreise und Städte gibt, soll der Bedarf jeder einzelnen Schule ermittelt werden, um sie zielgenau zu fördern.

Der Schulversuch

Schulen aller Schulformen, außer Grundschulen, konnten sich in einem Wettbewerb mit besonderen Förderkonzepten als Talentschule bewerben. In der ersten Rund wurden von einer Fachjury unter Leitung des Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart aus knapp 150 Bewerbungen 35 Schulen ausgewählt. In der zweiten Runde kürte eine Jury weitere 25 Schulen aus 98 Bewerbungen.

An den insgesamt 60 Schulen in sozialen Brennpunkten soll erprobt werden, ob die Leistungen von Schülern durch besondere Unterrichtskonzepte, mehr Personal und Hilfen bei der Schulentwicklung messbar gesteigert werden können. Anschließend sollen erfolgreiche Maßnahmen auf weitere Schulen übertragen werden. „Es geht nicht nur um die 60 Talentschulen“, betonte Gebauer, „sondern um die Erprobung von Maßnahmen, die allen Kindern in NRW zugute kommen sollen.“ Aus diesem Grund wird das Vorhaben von einem Expertenteam unter Leitung der Essener Bildungswissenschaftlerin Isabell van Ackeren betreut und ausgewertet.

Ziele des Schulversuchs

Seit Jahren wird dem deutschen Schulsystem bescheinigt, das es benachteiligte Kinder unzureichend fördert. Nach Angaben des NRW-Zentrums für Talentförderung leben vor allem im Ruhrgebiet viele Kinder in Familien, die Sozialhilfe beziehen. In Gelsenkirchen seien es knapp 40 Prozent der unter 18-Jährigen, in Essen und Dortmund jeweils gut 30 Prozent. Marcus Kottmann, Leiter des Zentrums, sagte: „Daher ist es sinnvoll, dass viele der ausgewählten Talentschulen in Vierteln liegen, wo es sehr viele benachteiligte Jugendliche gibt.“

Darauf zielt auch die politische Absicht des Schulversuchs ab. Ziel der Landesregierung ist es, soziale Nachteile im Bildungsbereich zu überwinden. „Wir wollen Kindern gerechtere Bildungschancen eröffnen, unabhängig von ihrem Elternhaus und dem Stadteil, in dem sie leben“, betonte Gebauer.

Neue Konzepte

Die Talentschulen sollen zur besseren Förderung ihrer Schüler besondere pädagogische Konzepte umsetzen. Im Mittelpunkt steht dabei der Aufbau einer zusätzliche „Fördersäule“. An den allgemeinbildenden Schulen soll die sprachliche Förderung im Fachunterricht vertieft werden. An den Berufskollegs wird die Berufsfelderkundung verstärkt.

Die Förderung

Das Land stellt für die 60 Talentschulen mehr als 400 zusätzliche Lehrerstellen bereit, 100 an berufsbildenden Schulen, 315 an allgemeinbildenden. Für diese bedeutet das einen Zuschlag von 20 Prozent auf den Grundstellenbedarf. Zusätzlich erhalten die Schulen 2500 Euro für Fortbildungen. Damit sollen sie Beratungsangebote sowie Förderschwerpunkte etwa im mathematisch-naturwissenschaftlichen oder kulturellen Bereich ausbauen.

Die Kritik

Manche Schulleiter boykottierten im Vorfeld den Schulversuch. Es sei unverständlich, Schulen in einen Wettbewerb um Personal und Geld zu zwingen, das selbstverständlich sein müsste. Grüne und SPD halten die Talentschulen für einen „bildungspolitischen Irrweg“.

Maike Finnern, GEW-Vorsitzende in NRW, sagte dieser Redaktion: „Wir wünschen den ausgewählten Schulen viel Erfolg. Aber wir glauben, alle Schulen in NRW müssen Talentschulen werden.“ Ein paar „Leuchttürme“ würden die Chancenungleichheit nicht beseitigen. Finnern: „Wir wissen, dass 800 bis 1000 Schulen unter besonders schweren Bedingungen arbeiten. Sie alle brauchen mehr Ressourcen und Unterstützung.“

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