Missbrauchsstudie

„Die Bischöfe zeigen weiter einen Willen zur Verschleierung“

Zu lange haben die Bischöfe beim Thema Missbrauch weggeschaut und geschwiegen. Nun wollen sie Lehren daraus ziehen.

Zu lange haben die Bischöfe beim Thema Missbrauch weggeschaut und geschwiegen. Nun wollen sie Lehren daraus ziehen.

Foto: Uwe Zucchi

Essen.   Experten und Opfervertreter fordern einen „Opferschutz ohne Rücksicht auf die Institution“ und eine konsequente strafrechtliche Verfolgung.

„Viele Menschen glauben uns nicht mehr. Und ich habe dafür Verständnis.“ Mit Scham und Betroffenheit hatte Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, auf die Studie zum sexuellen Missbrauch unter dem Dach der Kirche reagiert. Aber wie lässt sich das erschütterte Vertrauen der Menschen in die katholische Kirche wieder herstellen?

Jetzt sei die Stunde der Reformen gekommen, sagte Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). „Dazu müsse die Kirche „ihr Verständnis von Sexualität insbesondere auch von Homosexualität überdenken“. Zudem seien „dringende strukturelle Veränderungen notwendig, um einem überholten Amts- und Kirchenverständnis zu begegnen“, so Sternberg.

Konkret müssten die klerikalen Führungs- und Leitungsstrukturen aufgebrochen werden durch Mitbestimmung auf allen Ebenen der Kirche durch gewählte Frauen und Männer, so der ZdK-Präsident weiter. Denn die Studie habe auch gezeigt, dass autoritäre Hierarchien eine Haltung begünstigten, „der es nicht an erster Stelle um die Opfer, sondern um den Schutz der Institution Kirche geht“.

Es ist mittlerweile acht Jahre her, dass der systematische Missbrauch am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin bekannt wurde. Es gab einen öffentlichen Aufschrei, und die katholische Kirche sah sich im Zentrum eines Skandals. Eine erste Studie durch den Kriminologen Christian Pfeiffer scheiterte. Pfeiffer beklagte mangelnde Kooperation und sprach sogar von Zensur. Nun wurde eine neue Missbrauchsstudie im Auftrag der Bischofskonferenz vorgestellt, von der die Autoren selber sagen, dass sie nur Stichproben erheben konnten und die Ergebnisse lediglich die Spitze des Eisbergs darstellten.

„Ich bin überrascht, dass jetzt viele von den Ergebnissen überrascht zu sein scheinen“, sagte die Theologin und Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins vom Exzellenzcluster Religion und Politik der Uni Münster. „Die Kirche ist seit acht Jahren mit dem Missbrauchsthema befasst. Das finde ich erschütternd.“ Die Reaktion der Bischöfe zeige, „dass die Aufarbeitung des Skandals offenbar noch nicht so weit gediehen ist wie erwartet“, sagte die Professorin dieser Zeitung.

Staat muss Missbrauchsfälle klären

Nötig sei jetzt erstens ein „konsequenter Opferschutz ohne Rücksicht auf die Institution der Kirche“, so Heimbach-Steins. Zweitens die konsequente strafrechtliche Verfolgung von Missbrauchsfällen. „Die Kirche muss mit den Strafverfolgungsbehörden kooperieren“, so die Theologin. Innerkirchliche Verfahren allein reichten nicht länger aus. Und drittens müsse die Umsetzung der Präventionsmaßnahmen in allen Bistümern von einem Expertengremium überwacht werden, das auch regelmäßig öffentlich über die Fortschritte berichtet. „Die Kirche braucht eine unabhängige Kontrollinstanz“, sagte Heimbach-Steins. Auch ZdK-Präsident Sternberg hatte einen „Flickenteppich von 27 Erzbistümern“ bei der Präventionsarbeit beklagt.

Immer noch sei in Teilen des Klerus’ tief verankert, dass die katholische Kirche eine „sich selbst genügende Institution“ sei, eine „societas perfecta“, so Heimbach-Steins. Dieses Verständnis begünstige es, eher die Institution zu schützen als Missbrauch und Fehlverhalten aufzudecken. „Dieses Kirchen- und Amtsverständnis, dieser Klerikalismus muss aufgebrochen werden“, betonte sie. Durch das verklemmte Verhältnis zu Sexualität, Beziehungen und Homosexualität habe sich die Kirche von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt. Die Bereitschaft der Gläubigen, die Kirche als moralische Instanz zu akzeptieren, schwinde.

Maßstäbe für die Priesterauswahl

Und auch bei der Priesterauswahl müsse sich die Kirche stärker der Frage stellen, wie sie das wichtige Amt davor schützen will, „zum Ort des Missbrauchs zu werden“. Studien hätten gezeigt, dass Priester oft in einem höheren Alter straffällig werden als der Durchschnitt der Missbrauchstäter. „Da passiert etwas, das offensichtlich mit der Lebensform zu tun hat“, sagte Heimbach-Steins und spielt damit auch auf das Zölibat an.

Kai Reinhold, Personaldezernent und Regent des Bistums Essen, verweist darauf, dass sich die Priesterausbildung und -auswahl seit 2010 verändert habe. „Ein Psychologe redet zuvor mit den Kandidaten für alle pastoralen Berufsgruppen.“ In einem „Evaluationsgespräch“ werde versucht, die charakterliche und sexuelle Reife des Kandidaten zu ermitteln. „Keiner kommt ohne psychologische Begutachtung ins Priesteramt“, sagt Reinhold. Im Zweifelsfall würden junge Männer – trotz des drückenden Priestermangels – abgelehnt.

Opfervertreter fordert Eingreifen der Staatsanwaltschaft

Als Kardinal Marx bei der Vorstellung der Missbrauchsstudie seinen Blick senkte und sich öffentlich schämte, da wurde Heiko Schnitzler erst recht wütend. „Dieselben, die da oben Krokodilstränen vergießen, sind diejenigen, die ihre Archive nicht geöffnet haben“, sagt der ehemalige Schüler des Bonner Aloisiuskollegs und Vorsitzende des Betroffenenvereins „Eckiger Tisch“. Tatsächlich hatten die Studienautoren keinen freien Zugang zu den Archiven der Bistümer, in zweien waren Akten vernichtet worden, andere Bistümer hatten dies nicht ausschließen können.

Schnitzler bemängelt auch, dass Schulen, Kinderheime, Ordenseinrichtungen von der Studie ausgeklammert wurden. „Allein an unserer Schule gab es rund 400 Fälle, wenn die Bischöfe nun rund 3700 gefunden haben, denke ich, dass da einige fehlen“, sagt er ironisch. „Hängen Sie eine Null dran.“

Der heute in Berlin lebende Start-up-Unternehmer vergleicht das Aufklärungsdefizit der Gesamtkirche gerne mit dem am Aloisiuskolleg. Er selbst sei von dem Haupttäter vieler Fälle gezwungen worden, sich zu exhibitionieren, sei nackt fotografiert worden. Die Tat an sich habe ihn lange nicht sehr belastet, sagt er – wohl aber der Umgang damit, als das Ausmaß deutlich wurde. Das Vertuschen und Decken. Die Ohnmacht der Opfer. Der Nachfolger des Haupttäters als Schulleiter trat 2010 zurück, die Betroffenen des Eckigen Tisches unterstellen ihm Mitwisserschaft. „Er ist nun in gleichem Rang Superior einer Jesuiten-Kommunität und Seelsorger für Priester“, sagt Schnitzler. „Es ist eigentlich nichts passiert.“

Er fordert ein Eingreifen des Staates: „Wenn hier in Berlin ein Verbrecherclan hops genommen wird, geht die Staatsanwaltschaft rein und beschlagnahmt die Dokumente.“ Bei den Bischöfen sieht Schnitzler „weiter einen Willen zur Verschleierung“. „Wenn mal einer Verantwortung übernehmen und zurücktreten würde, das wäre ein Zeichen.“

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