Covid-19-Pandemie

Corona-Krise: Warum Patchwork-Familien besonders leiden

Kanzleramt will Kontaktbeschränkungen bis zum 5. Juli verlängern

Das Bundeskanzleramt will die Corona-Kontaktbeschränkungen bis zum 5. Juli verlängern - einzelne Lockerungen sollen aber möglich sein. Die bislang vereinbarten Beschränkungen gelten noch bis zum 5. Juni.

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Berlin.  Eltern, die getrennt erziehen, haben Mühe mit dem Umgangsrecht. Die Kontaktsperren in der Corona-Krise verschärfen oft die Konflikte.

Als an einem Nachmittag Mitte März die Polizei zum Haus seiner Ex-Frau kommt, weiß Adrian Hoffmann noch nicht, dass er seine Tochter in den nächsten sechs Wochen nicht sehen wird. Er war an diesem Tag zum Haus gefahren, um seine Tochter abzuholen: wie jeden zweiten Mittwoch, wie jedes zweite Wochenende, dass er mit der Siebenjährigen verbringt.

Dass dieser Mittwoch anders werden könnte als andere, hatte er schon geahnt. Am Tag zuvor hatte er eine Nachricht im Briefkasten gehabt: Post vom Anwalt seiner Ex-Frau. Der Umgang mit seiner Tochter sei während der Corona-Pandemie bis auf Weiteres ausgesetzt, weil die Großeltern, die im selben Haus wohnen wie das Kind, zur Risikogruppe gehörten.

Corona-Krise: Wenn der Streit um das Umgangsrecht eskaliert

„Wenn ich das stillschweigend akzeptiert hätte, wer weiß, wie lange ich meine Tochter nicht gesehen hätte“, sagt Hoffmann am Telefon. Also fährt er zur Mutter des Kindes, will seine Tochter mitnehmen. Als das nicht geht, setzt er sich vor das Haus und wartet. Am Ende kommt an diesem Tag die Polizei, um eine Einigung zwischen den Elternteilen zu vermitteln. „Es ist ein bisschen eskaliert“, sagt Hoffmann trocken.

Der Polizeieinsatz war der Beginn der sechs Wochen, in denen der 38-Jährige seine Tochter nicht sieht. An die Vereinbarung, die im Beisein der Polizei getroffen wurde, will sich die Mutter des Kindes hinterher nicht halten, so erzählt es Hoffmann. Auch das Jugendamt kann nicht helfen, erst nach einer Gerichtsentscheidung lenkt die Mutter ein. Und das, obwohl es eine klare Vereinbarung darüber gibt, wann die Tochter beim Vater ist.

In vielen Familien liegen die Nerven blank

Hoffmann ist kein Einzelfall. Für getrennte Elternteile, die sich Fürsorge und Erziehung der gemeinsamen Kinder teilen, macht Corona aus einer oft ohnehin schon angespannten Situation eine ernstzunehmende Krise. Schulen und Kitas waren lange vollständig geschlossen, auch jetzt sind die Betreuungsmöglichkeiten außerhalb der eigenen Wohnung oft noch unregelmäßig und schlecht mit Arbeitszeiten vereinbar. Lesen Sie mehr: Ausbreitung des Coronavirus: Welche Rolle spielen Kinder?

Weil gerade ältere Menschen als Risikogruppe Kontakte so gut es geht vermeiden sollen, fallen zudem mit Oma und Opa in vielen Familien Personen weg, die sonst einen Teil der Betreuungsarbeit übernehmen. Eltern und Kinder nehmen deshalb seit Monaten schmerzhafte Einschränkungen hin, die Nerven liegen blank. In manchen Fällen – so wie bei Adrian Hoffmann – eskaliert dann die Lage.

Anwälte berichten von vermehrten Anfragen zum Umgangsrecht

2018 gab es rund 120.000 Kinder aus geschiedenen Ehen, dazu kommen jene Familien, wo die Eltern nie verheiratet waren und die deswegen nicht in der Statistik auftauchen. In wie vielen Fällen die Corona-Regeln schwelende Sorgerechtskonflikte neu aufflammen lassen, ist nicht erfasst. Doch es gibt Anhaltspunkte, die für ein verbreitetes Problem sprechen. , Betroffene erzählen in Medien von ihrer Situation.

Der Verein „Papa Mama Auch“, der sich für gemeinsames Erziehen nach Trennungen und eine Reform des Familienrechts einsetzt, hat online zur Teilnahme an einer Umfrage zum Thema Umgangsrechte in der Krise aufgerufen. Dass es Eltern geben würde, die die Kontaktbeschränkungen nutzen würden, um den anderen Elternteil zu boykottieren, das sei in dem Moment klar gewesen, als die Regeln verkündet wurden, sagt der Vereinsvorsitzende Ulf Hofes.

Auch immer mehr Mütter sind vom Umgangsboykott betroffen

„Das ist auch kein Väter-Thema – es werden immer mehr Mütter, die betroffen sind.“ Unter den Elternteilen, die in der Umfrage angaben, von einem sogenannten Umgangsboykott betroffen zu sein, machten sie fast ein Viertel aus.

Repräsentativ ist die Umfrage mit 104 Müttern und Vätern, die geantwortet haben, nicht. Doch aus den Berichten derer, die teilgenommen haben, lässt sich erahnen, wie schwierig und frustrierend die Situation für betroffene Elternteile sein kann: „Der Vater setzt Umgänge aus, da er mit seinen Eltern in einem Haushalt lebt“, schreibt eine Mutter. „Besucht aber auch seine Freundin und deren Kinder, geht auch arbeiten.“ Die Mutter mache der Tochter Angst, berichtet ein Vater, „redet dem Kind zum Beispiel ein, dass die Polizei uns bei einer Kontrolle trennen würde“. Häufig gibt es bestehende Konflikte, die durch die Pandemie verschärft werden.

Jugendämter können den Konflikt häufig nicht lösen

Immer wieder sind in den Berichten auch die Jugendämter im Spiel, allerdings meist ohne den Konflikt lösen zu können. Von den Behörden fühlten sich viele Betroffene alleingelassen, sagt Hofes. „Es gibt Jugendämter, die einen guten Job machen und bemüht sind. Aber das sind zu wenige.“

Der Verein, bei dem Hoffmann stellvertretender Vorsitzender ist, plädiert deshalb für mehr Kon­trolle der Jugendämter und eine Reform des Familienrechts, die die Verantwortung mehr auf beide Elternteile verteilt. Lesen Sie dazu: Von wegen Rabenvater: Warum eine Unterhaltsreform nötig ist

Die Bundesregierung sieht keine Probleme

Die Bundesregierung sieht nach eigenem Bekunden nicht, dass durch die Corona-Einschränkungen Probleme im Umgangsrecht entstehen. Die bisherigen Vereinbarungen, Regelungen oder gerichtlichen Entscheidungen zum Umgang würden weiterhin gelten, heißt es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion.

„Faktisch stellen sich hier natürlich viele neue Fragen“, räumt das antwortende Justizministerium ein. Doch wie Eltern diese beantworten sollen, lässt das Ministerium offen. Man soll sich am Kindeswohl orientieren, heißt es.

Droht eine „massenhafte Entfremdung von Kindern und Eltern“?

Informationen darüber, wie häufig es zu Problemen kommt, hat die Bundesregierung demnach nicht. Auch Handlungsbedarf – zum Beispiel in Form einer Präzisierung der Leitlinien, die Bund und Länder für dem Umgang mit der Pandemie definiert haben – sieht man ausweislich der Antwort keinen.

„Das Nicht-wissen-Wollen hat mich schon überrascht“, sagte die FDP-Abgeordnete Katrin Helling-Plahr, die die Anfrage gestellt hatte. „Wenn ich Zuschriften von betroffenen Eltern bekomme, bekommen sie die auch.“ Die Bundesregierung könne vor dem Problem nicht einfach die Augen verschließen. „Es darf durch Corona nicht zu einer massenhaften Entfremdung von Kindern und Eltern kommen.“

Die Angst vor der zweiten Welle bleibt

Je nach Alter des Kindes könnte der fehlende Kontakt drastische Folgen haben, die Beziehung sei hinterher unter Umständen nur schwer zu reparieren. Vor allem im Hinblick auf eine zweite Welle fordert Helling-Plahr deshalb klare Botschaften von der Bundesregierung: „Man darf einfach keinen Zweifel aufkommen lassen, dass Umgangsvereinbarungen gelten.“

Denn auch wenn die Infektionszahlen derzeit niedrig sind und viele Beschränkungen fallen: Experten warnen eindringlich, dass eine zweite Welle von Virus-Infektionen möglich ist. Und die Politik hat klargemacht, dass auf neue Infektionsketten auch mit Maßnahmen reagiert werden kann. Lesen Sie auch:

Kinder leiden unter den Konflikten

Dass es nur darum ging, ihn und seine Tochter zu trennen, das glaubt Adrian Hoffmann nicht. Die Mutter des Kindes, die Tochter und die Großeltern hätten sich in den sechs Wochen, die er das Mädchen nicht sehen konnte, fast vollständig zu Hause isoliert. „Ich glaube, es war eine Mischung aus Angst und einem Vorwand, mich für eine Weile loszuwerden.“

Seit Mai sehen er und seine Tochter sich inzwischen wieder regelmäßig. Doch das Mädchen habe gelitten unter dem Konflikt, sagt Hoffmann. Und auch der Gedanke an die zweite Welle bleibt: „Ich habe immer diese Angst, dass wieder so etwas kommt.“

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