Am Sonntag bekam Benjamin Netanjahu überraschend Wahlkampfhilfe aus dem Weißen Haus. Donald Trump pries ihn vor der Parlamentswahl am 27. Oktober als „großen Kriegs-Premierminister“. Am Montag erschien US-Verteidigungsminister Pete Hegseth unangekündigt auf einem israelischen Luftwaffenstützpunkt in der Negev-Wüste. Hinter verschlossenen Türen redete er mit „Bibi” auch über den Iran. Seither lautet die brisante Frage: Bereiten Trump und Netanjahu die nächste Angriffswelle gegen Teheran vor? Und: War die Wahlkampfhilfe Trumps der Preis für Israels Beteiligung an neuen Attacken? Dafür gibt es bisher keinen offiziellen Beleg. Doch die zeitliche Nähe fällt in eine Phase intensiver Kriegsvorbereitung.

Bereits Anfang Oktober berichteten diverse US-Medien, das Pentagon habe dem US-Zentralkommando Centcom aufgetragen, Vorbereitungen für größere Angriffe abzuschließen. Als mögliche Ziele gelten iranische Energieanlagen, Infrastruktur und Einrichtungen des Atomprogramms. Ein Befehl ist nicht bekannt. Das Weiße Haus bestreitet konkrete Absprachen.

Gleichzeitig wächst die amerikanische Schlagkraft. Die USA haben einen dritten Flugzeugträgerverband und eine amphibische Einsatzgruppe mit Marine-Infanteristen in die Region entsandt oder auf den Weg gebracht. Zusammen etwa 9000 Seeleute zusätzlich. Sie können angreifen, Handelsschiffe schützen oder Gegenschläge abwehren.

Trump hatte sich zuletzt öffentlich festgelegt: Am 8. Oktober versprach er, Iran vor den „Midterms“ nicht erneut anzugreifen. Netanjahu erklärte, vor Israels Wahl keinen Präventivschlag anzustreben. Die Halbwertzeit solcher Aussagen? Begrenzt. Tatsache ist: Die Militärs bereiten Optionen vor, die ihre Regierungschefs öffentlich ausschließen.

Gegen einen Angriff vor dem US-Wahltag am 3. November spricht Trumps erdrückende innenpolitische Schwäche. Eine frische Reuters/Ipsos-Umfrage weist nur noch 31 Prozent Zustimmung für ihn aus. Unter registrierten Wählern führen die Demokraten bei der Kongresswahlfrage zwölf Prozentpunkte vor den Republikanern. Laut Pew missbilligen 65 Prozent Trumps Umgang mit dem Iran-Krieg. Hohe Benzinpreise belasten die Haushalte. Eine neue Bombardierung könnte die Angst vor einem endlosen Krieg schüren und den Republikanern wichtige Stimmen kosten.

Zweifel an Wirksamkeit

Militärexperten zweifeln zudem am strategischen Nutzen einer weiteren Großoffensive. Patrick Bury, früherer Nato-Analyst, hält die Fortsetzung von Seeblockade und bewaffnetem Geleitschutz für Handelsschiffe für den wahrscheinlichsten Kurs. Sollte Washington eskalieren, erwarte er eher „weitere Angriffe in ziemlich begrenzten Wellen“. Afzal Ashraf, ehemaliger britischer Luftwaffenoffizier und Forscher an der Universität Loughborough, beurteilt die Erfolgsaussichten besonders skeptisch. Eine neue Luftkampagne könnte „tatsächlich wesentlich weniger erreichen“ als frühere Bombardierungen, sagt er. Iran habe aus den Angriffen gelernt und verbliebene Waffen besser verborgen: „Sie haben weniger davon, aber sie können sie besser verstecken.“ 

In Teheran wird mit einer neuen amerikanisch-israelischen Angriffswelle gerechnet. Die iranische Führung hat für diesen Fall Gegenwehr angekündigt.
In Teheran wird mit einer neuen amerikanisch-israelischen Angriffswelle gerechnet. Die iranische Führung hat für diesen Fall Gegenwehr angekündigt.© AFP | -

Auch die Kosten sprechen gegen den Glauben an einen schnellen Sieg. Billige iranische Drohnen zwingen die USA bisweilen zum Einsatz teurer Abwehrraketen. Der hohe Verbrauch von Marschflugkörpern belastet amerikanische Bestände. Ein Bodeneinsatz, etwa zur Einnahme der Ölexportinsel Kharg, wäre noch riskanter. US-Soldaten wären iranischen Raketen ausgesetzt. 

Zudem könnte Iran mit Angriffen auf Ölterminals, Pipelines und Flughäfen der Golfstaaten reagieren. Wie gefährlich diese Strategie ist, haben US-Medien dokumentiert: Seit Kriegsbeginn Ende Februar wurden mindestens 84 bedeutende Infrastruktureinrichtungen am Golf durch 135 iranische Raketen- und Drohnenangriffe getroffen – auch Handelsschiffe in der Straße von Hormus.

Jetzt-erst-recht-Handlungsfähigkeit?

Iranische Regierungsvertreter räumten US-Reportern zufolge ein, damit auch die amerikanischen Wahlen beeinflussen zu wollen. Man weiß in Teheran: Jede neue amerikanische Angriffswelle könnte die Ölpreise weiter treiben – und damit genau den politischen Schaden vergrößern, den Trump vor den Midterms vermeiden müsste.

Und danach? Sollten die Republikaner den Kongress verlieren, könnte er versucht sein, außenpolitisch Jetzt-erst-recht-Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Ein demokratisch kontrollierter Kongress würde ihn schärfer kontrollieren, nähme ihm aber nicht den militärischen Oberbefehl. 

Die USA haben ihre maritime Streitmacht am Golf in den vergangenen Wochen weiter massiv ausgebaut.
Die USA haben ihre maritime Streitmacht am Golf in den vergangenen Wochen weiter massiv ausgebaut.© AFP | -

Trumps Dilemma: Seine militärische Überlegenheit ist gewaltig, seine Fähigkeit, Iran politisch zur Kapitulation zu zwingen, de facto nicht vorhanden. Eine neue Offensive könnte das Mullah-Regime weiter schwächen, aber auch dessen Bereitschaft zur Eskalation erhöhen. Das würde jene Energiepreise weiter nach oben treiben, die US-Haushalte schon jetzt knebeln.

News aus den USA

Schon am 7. Oktober zitierte das News-Portal „Axios“ einen israelischen Regierungsvertreter mit der Einschätzung, vor den US-Wahlen sei eine neue Offensive wenig wahrscheinlich, danach steige ihre Wahrscheinlichkeit erheblich. Das ist keine Gewissheit. Aber es erklärt, warum Hegseths überraschender Besuch bei Netanjahu eine solche Sprengkraft besitzt. Beide Regierungschefs verfügen über politische Motive, militärische Optionen und einen Gegner, der sich bislang nicht unterwerfen lässt. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Trump erneut bombardieren kann. Sondern ob er glaubt, damit zu erreichen, was ihm der Krieg bislang verweigert: einen politischen Ausweg.