Liebe Leserin, lieber Leser,
die Hitze steckt uns noch in den Knochen, und bei jeder Gelegenheit hören wir Mahnungen aus der Politik, uns klimafreundlich zu verhalten und auf kurze Flugreisen möglichst zu verzichten. Letzteres passt nicht wirklich zur Statistik, die zur Nutzung der Regierungsjets bekannt wurde. Von 613 Flügen der Jets der Flugbereitschaft im ersten Halbjahr 2026 mussten 305 ohne Passagiere durchgeführt werden.
Sollten Sie sich jetzt wundern, kann ich dieses absurde Missverhältnis aufklären. Die Maschinen der Bundesregierung sind gar nicht am Sitz der Bundesregierung stationiert, sondern an einem besonders gesicherten Teil des Flughafens Köln/Bonn. Ich durfte die Maschinen als Wehrpflichtiger gelegentlich bewachen. Ihre Stationierung südlich von Köln war damals sinnvoll, weil es über die A59 nur gut 20 Kilometer aus der Wahner Heide in die ehemalige Hauptstadt Bonn sind.

Exklusive Einblicke: Hinter den Kulissen der Politik
Sie interessieren sich für politische Hintergründe und wollen wissen, was in der Hauptstadt hinter verschlossenen Türen passiert? Dann ist der Newsletter „Hauptstadt Inside“ von Jörg Quoos, dem Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion, genau das Richtige für Sie. Dreimal pro Woche fasst er zusammen, was Sie wissen müssen – und ordnet die Geschehnisse ein. Hier können Sie sich anmelden.
Seit dem Regierungsumzug müssen die Maschinen „bereitgestellt“ werden, das heißt, sie werden in die Hauptstadt eingeflogen, weil die Kapazitäten und Einrichtungen des Regierungsterminals am Berliner Flughafen BER nicht ausreichen. Das ist so, wie wenn Sie in Berlin wohnen, aber die Garage für Ihr Auto steht in Köln, und jemand fährt Ihnen den Wagen auf Kosten der Steuerzahler bei Bedarf vor die Tür.
Der Beschluss, die Regierung von Bonn nach Berlin umzuziehen, fiel bereits 1991. Am 1. September 1999 nahm man hier die Arbeit auf. Die Fertigstellung des Terminals für Regierungsflieger in der Hauptstadt „wird derzeit für 2036 bis 2038 prognostiziert“, heißt es verdächtig vorsichtig in einer Mitteilung des zuständigen Bundesverteidigungsministeriums aus dem Februar.
Wenn alles klappt, sind das „nur“ 39 Jahre nach Regierungsumzug! Bis dahin wird weiter leer durch Deutschland gedüst. In dieser Zeit wandert eine Weinbergschnecke bei Tempo 0,003 km/h von Flensburg bis München. Aber bitte verzeihen Sie, ich werde unsachlich…
Enge Hose für die Grünen im Norden

In der Grünen-Zentrale der Hauptstadt ist man zutiefst beunruhigt über Nachrichten der Parteifreundinnen und -freunde aus Mecklenburg-Vorpommern. Dort ist die Fraktionsvorsitzende Constanze Oehlrich zurückgetreten, weil es Berichte über eine unangemessene Behandlung eines Mitarbeiters gibt. Die Politikerin weist die Vorwürfe zurück und will mit dem Rücktritt „ihre Familie schützen“.
Gleich zwei staatlich geförderte Antidiskriminierungs-Beratungsstellen hatten für Fraktion und Parteiführung auf vier Seiten Protokoll die Details geschildert. Die Rede ist von „unerwünschten Liebes- und Gefühlsbekundungen und verbaler sexueller Belästigung“ durch die 51-Jährige. Angeblich soll Oehlrich bemängelt haben, der zwölf Jahre jüngere Mann trage „zu wenig körperbetonte Kleidung“ und solle sich doch etwas anziehen, das „am Hintern enger sitzt“.
Eng kann es jetzt bei der Landtagswahl für die Regierung von Manuela Schwesig werden. Die Grünen liegen derzeit bei kritischen fünf Prozent, werden aber dringend gebraucht, wenn es für die bisherige rot-rote Koalition nicht reichen sollte. In Schwerin liegt die AfD laut jüngsten Umfragen auf Platz 1 mit 36 Prozent. Wir lernen: Flotte Sprüche können große politische Folgen haben.
Ist die AfD mit der NSDAP vergleichbar?

Die AfD eilt von Umfragerekord zu Umfragerekord, und die Jüdische Gemeinde in Deutschland macht sich dazu große Sorgen.
Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sagte jetzt den „Stern“-Kollegen: „Ich sehe in vielen Bereichen keinen Unterschied mehr zur NSDAP, bevor diese an die Macht gekommen ist.“
Ich kenne Charlotte Knobloch, und man sollte ernst nehmen, was sie sagt. Ihre Großmutter, bei der Frau Knobloch aufwuchs, ist 1942 im KZ Theresienstadt verhungert. Sie selbst überlebte den Terror der Nazis nur, weil eine nichtjüdische Hausangestellte sie als ihr eigenes uneheliches Kind ausgab.
Aber kann man die AfD wirklich mit der NSDAP vergleichen? Das fragte mein Kollege Günter Marks die Historikerin Professor Andrea Löw, wissenschaftliche Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München. Hier ist ihre Einschätzung.
Kanzler meldet sich aus dem Urlaub
Friedrich Merz hat sich in seinem Urlaub auffällig zurückgehalten und die wenigen Tage hoffentlich für seine Erholung genutzt.
Heute wandte er sich allerdings über den stellvertretenden Regierungssprecher an die Öffentlichkeit und äußerte scharfe Kritik an Israels Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir. Der hatte die Tötung von Palästinensern gefordert, sprach von „gezielten Eliminierungen“ von 30-40 Palästinensern pro Nacht.
Der Kanzler verurteile die menschenverachtenden, völkerrechtswidrigen Appelle scharf, erklärte Sprecher Sebastian Hille. Dabei hatte man sich offenbar mit dem Koalitionspartner abgesprochen. Vize-Kanzler Lars Klingbeil (SPD) forderte parallel, auf EU-Ebene Sanktionen „ernsthaft“ zu prüfen. Die Stimmung zwischen Berlin und Jerusalem war schon länger nicht die Beste, jetzt ist sie auf einen neuen Tiefpunkt gesackt.
Großer Präsident und Lügner: Bill Clinton zum 80. Geburtstag
Wir haben uns fast daran gewöhnt, dass Donald Trump Europa verächtlich macht und auch schlecht über die deutsche Politik spricht. Das war unter Bill Clinton, der heute 80 Jahre alt wird, völlig anders. Auch er lieferte irre Schlagzeilen, aber er war ein herausragender Präsident und ein Freund der Deutschen. Ich traf ihn vor Jahren zu einem Interview über seine Sex-Affäre im Weißen Haus und sprach in einer Jagdhütte im Schwarzwald stundenlang mit ihm über Europa und war erstaunt, wie sehr er sich für uns Deutsche interessiert. Lesen Sie hier meinen Beitrag über eine ganz besondere Persönlichkeit.
Zum Schluss entschuldige ich mich für einen ärgerlichen Flüchtigkeitsfehler in meinem jüngsten Newsletter, den mein treuer Leser Johannes Altincioglu sofort entdeckte. Natürlich hat nicht Jakob Augstein, sondern Rudolf Augstein das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ gegründet.
Ich wünsche Ihnen eine angenehme Restwoche,
herzlich, Ihr
Jörg Quoos
Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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