Mit Drohnen gegen das russische Pendant zu Amazon: Seit mehr als zehn Tagen greift die ukrainische Armee russlandweit gezielt Lagerhallen des Versandhändlers Wildberries an. Zuletzt traf es in der Nacht zu Mittwoch ein Logistikzentrum in der zentralrussischen Stadt Rjasan. Dunkle Rauchwolken standen über den Lagerhallen, sechs Menschen wurden verletzt, teilte der örtliche Gouverneur Pawel Malkow mit. Der Versandhändler evakuierte das Gelände und brachte seine Mitarbeiter in Sicherheit.
Evakuierungen gab es auch in Jekaterinburg östlich des Uralgebirges. Auch dort wurde ein Logistikzentrum angegriffen. In sozialen Medien kursierten Bilder von brennenden Autos. Acht Menschen starben dazu bei Drohnenangriffen auf Wildberries-Lager in Elektrostal in der Region Moskau und in Kotowsk im Westen des Landes. Auch in den Millionenstädten Krasnodar, Woronesch sowie bei Sankt Petersburg brannten Lagerhallen.
„Langstrecken-Sanktionen“ nennt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Angriffe mit weitreichenden Drohnen auf den Versandhändler. „Der Aggressor hatte diese Einrichtungen genutzt, um sanktionierte Komponenten für die Drohnenproduktion und Navigationsgeräte zu liefern“, sagte er. Aber ist Wildberries wirklich ein militärisches Ziel?

Wildberries: Online-Marktplatz verkauft auch Produkte für Russlands Krieg
Der Versandhändler ist nicht der einzige, aber der größte russische Online-Marktplatz. Gegründet wurde das Unternehmen 2004 von der heutigen Milliardärin Tatjana Kim. Ihr Vermögen schätzte Forbes 2021 auf 13 Milliarden Dollar. Kim ist damit eine der reichsten Frauen Russlands und die erste Selfmade-Milliardärin im Land. Millionen Russinnen und Russen bestellen bei Wildberries. Täglich gehen rund 20 Millionen Bestellungen ein. Kleidung, Elektronik, Medikamente, Kinderspielzeug und Haushaltswaren – hier gibt es einfach alles. Auch Militärgerät?
Wegen einer Rubrik auf der Online-Seite von Wildberries gab es zuletzt immer wieder Diskussionen. „Alles für die SWO“, diese Kategorie gibt es tatsächlich auf dem Portal. Es ist der Slogan für die in Russland sogenannte Spezialoperation in der Ukraine. Dort werden Rucksäcke, Erste-Hilfe-Sets und Schutzwesten angeboten. Und wohl auch elektronische Bauteile sind im Programm, die „dual use“ – also zivil oder militärisch – genutzt werden können. Gehandelt werden auch Spielzeugdrohnen.
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UN will Angriffe auf russische Logistikzentren prüfen
Und Waffen? Fehlanzeige. Und kaum glaubhaft ist, dass das russische Militär seine Elektronik im Versandhandel bestellt. Sind die Angriffe auf Wildberries also ein Kriegsverbrechen?
Das müsse geprüft werden, zitierte die russische staatliche Nachrichtenagentur Tass den Sprecher des UN-Menschenrechtsbüros Thameen Al-Kheetan. „Vorsätzliche Angriffe auf Zivilisten und zivile Infrastruktur stellen ein Kriegsverbrechen nach dem humanitären Völkerrecht dar“, sagt er. Umgekehrt greift Russland allerdings auch Logistikzentren in der Ukraine an.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Wildberries: Angriffe auf Logistikzentren stören Online-Handel in Russland
Der Ukraine geht es wahrscheinlich um die Möglichkeit einer Destabilisierung. Russen in allen Regionen in dem riesigen Land nutzen Wildberries. Deshalb können die Angriffe ähnliche Auswirkungen haben wie die jüngsten Attacken auf Ölraffinerien, nach denen es zeitweilig in ganz Russland eine Benzinknappheit gab.
Marktforschern zufolge bieten bis zu 800.000 Verkäufer ihre Produkte auf Wildberries an. Der Konzern wickelt 52 Prozent aller Online-Bestellungen in Russland ab. Die Gesamtfläche der angegriffenen Logistikzentren beträgt laut Schätzungen des Online-Portals „Meduza“ 1,2 Millionen Quadratmeter – das ist ein Viertel der gesamten Wildberries-Lagerfläche.
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Experten sehen psychologische Wirkung der Angriffe
„Das ist ein Schlag, der jeden Russen trifft“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Sergej Gurijew. „Erstens kann man die Ereignisse nicht ignorieren. Zweitens untergräbt es die Logistik des Online-Handels massiv und ist somit ein schwerer Schlag sowohl für das russische Militär als auch für das Gefühl, dass alles normal und wie gewohnt weiterläuft.“
Von der psychologischen Wirkung der Angriffe spricht auch der russische Militärexperte Alexej Anpilogow. „Ihr Zweck war es, ein Großfeuer zu entfachen und den Eindruck schwarzer Rauchwolken über der Hauptstadtregion zu erwecken.“
In zahllosen Videos im Netz beklagen kleine Unternehmer, die auf Wildberries handeln, ihre Verluste. „Insgesamt war das Unternehmen profitabel“, sagt ein Elektronikhändler. Nunmehr sind über 200 PlayStation-Konsolen verbrannt. „Dies ist ein sehr schwerer Verlust für mein Unternehmen: Eine große Warenmenge, die meine Betriebskapitalquelle darstellte, wurde praktisch vernichtet.“
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Wildberries zahlt Familien von Drohnenangriffsopfern erste Entschädigung
Tatjana, deren Bericht „Meduza“ zitiert, vertreibt Damenbekleidung. Sie befürchtet den Ruin. „Ohne Entschädigung fehlt uns das Geld für die Produktion, oder wir müssten einen weiteren Kredit aufnehmen, was wir aber vermeiden wollen: Wir sind bereits verschuldet.“
Wildberries hatte vor Kurzem seine Geschäftsbedingungen geändert, Schäden durch Drohnenangriffe sind nunmehr nicht von der eigenen Versicherung abgedeckt. Wer also kommt für die Schäden auf? Das Unternehmen unterstützt derweil die Familien der getöteten und verletzten Mitarbeiter. Wir haben „mit den ersten Zahlungen an die Familien der Verstorbenen und der Schwerverletzten begonnen“, schreibt Unternehmensgründerin Kim auf Telegram.
Wildberries habe geholfen, lobte Kremlsprecher Dmitri Peskow das Management der Online-Plattform laut der Zeitung „Kommersant“, „obwohl das Unternehmen de jure nicht dazu verpflichtet war“.








