Seit einigen Tagen kreuzt das Forschungsschiff „Oruc Reis“ zwischen der südtürkischen Hafenstadt Anamur und der Nordküste Zyperns. Mit Vermessungsarbeiten am Meeresboden bereitet das Schiff den Bau einer Unterwasser-Pipeline vor, die Erdgas vom türkischen Festland in den türkisch kontrollierten Norden Zyperns transportieren soll.

Die Regierung der international anerkannten Republik Zypern protestiert scharf. Sie bezeichnet das Vorhaben als Verstoß gegen Völkerrecht und nationale Souveränität. Hintergrund ist die Teilung der von ethnischen Griechen und Türken bewohnten Insel. Die Türkei besetzte 1974 den Inselnorden. Völkerrechtlich gehört das Gebiet aber weiterhin zur Republik Zypern und damit zur Europäischen Union, auch wenn die Regierung in Nikosia dort keine Kontrolle ausübt.

Die Pipeline wird vom Kap Anamur nach Teknecik zu Nordzyperns größtem Kraftwerk führen. Nach der geplanten Inbetriebnahme 2028 soll es von Schweröl auf Erdgas umgestellt werden.

Auch interessant

Türkei beansprucht Gasvorkommen vor Zypern

Für Ankara ist die Leitung ein strategisches Projekt. Sie ist bidirektional angelegt und könnte auch Erdgas aus möglichen Lagerstätten vor Zypern auf das türkische Festland transportieren. Damit unterstreicht die Türkei ihre Ansprüche auf Gasvorkommen, die nach internationalem Seerecht der Republik Zypern zustehen.

Der Streit lenkt zugleich den Blick auf die Schwächen der Energiepolitik im Süden der Insel. Dort werden noch immer fast drei Viertel des Stroms in Schwerölkraftwerken erzeugt. Dabei gehört Zypern zu den sonnigsten Regionen Europas. Dennoch stammen lediglich 23 Prozent des Stroms aus Photovoltaik. Haushalte und Unternehmen zahlen die zweithöchsten Tarife in der Europäischen Union.

Nordzypern Flagge vor einem Berg
Nachbildung einer Flagge der türkischen Republik Nordzypern an den Hängen des Berges Pentadaktylos im besetzten Teil Zyperns.© dpa | Christoph Reichwein

EU prüft Rückforderung von Fördergeldern nach LNG-Debakel

Pläne, die Energieversorgung mit einem Flüssigerdgas-Terminal zu modernisieren, endeten im Debakel. Das 2019 an ein chinesisches Unternehmen vergebene Projekt kam nach langen Streitigkeiten 2024 zum Stillstand. Seitdem ruht die Baustelle. Die EU erwägt, Fördergelder von 67 Millionen Euro wegen gravierender Planungsfehler und Kostenexplosionen zurückzufordern. Zudem ermittelt die Europäische Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Ausschreibungsbetrug, Zweckentfremdung von EU-Geldern und Korruption.

Mehr zum Thema Energie

Ob das Terminal jemals fertiggestellt wird, ist offen. Die türkische Pipeline hätte dagegen genügend Kapazität, um auch Kraftwerke im Süden der Insel mit Erdgas zu versorgen. Aber für die Regierung in Nikosia kommt das aus politischen Gründen nicht infrage.

Auch ein von der EU gefördertes Stromkabel zwischen Griechenland und Zypern, das die Insel an das europäische Stromnetz anbinden soll, stößt auf Widerstand. Der frühere Energieminister Giorgos Papanastasiou macht dafür „lokale Interessen“ verantwortlich. „Alles, was aus einer anderen Stromquelle auf den kleinen zyprischen Markt gelangt und nicht der Kontrolle der lokalen Akteure unterliegt, wird als Bedrohung gesehen“, so Papanastasiou. In der Politik sind diese Unternehmer gut vernetzt. „Sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist“, sagt Papanastasiou. Er war als Energieminister ein entschiedener Befürworter des Kabelprojekts. Im vergangenen Dezember entließ ihn Staatspräsident Nikos Christodoulides.