Es sind nur gut fünf Minuten, in denen Alice Weidel die Kurve kriegt. Die letzten Sätze ihrer Rede am Pult, dahinter acht Deutschland-Fahnen staffiert, hier auf der großen Bühne in der Messehalle in Erfurt. Weidels Stimme legt an Dezibel zu, sie ruft ins Mikrofon, fast überschlägt sich ihr heller Ton. „Wir brauchen günstige Energie. Zurück zur Kernkraft, zurück zu fossilen Energieträgern“, ruft sie. „Die Energiewende werden wir abschaffen, wir werden diesen Wahnsinn stoppen.“ Weidel mobilisiert den Zorn.
Was Weidel serviert, ist aufgewärmte AfD-Kost, bekannte Parolen, rechte Triggerthemen. Weidels Motto: keine Experimente. Sie will wiedergewählt werden.
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Aber das, was sie vorträgt, verfängt bei den Delegierten der AfD. Heizungsverbote? Weg. Dafür: Grenzen dicht. Und Geflüchtete sollen nur noch Geld bekommen, wenn sie arbeiten. Ohnehin müsse Deutschland „rigoros abschieben“. Sie liefert das, wonach die AfD-Anhängerschaft verlangt. Und erntet Applaus. Die Delegierten klatschen, schwenken Deutschland-Fahnen. Und sie stehen für ihre Bundesvorsitzende auf, stehende Ovationen. Das hatte es wenige Augenblicke zuvor hier im Saal nicht gegeben, Applaus ja, aber eher höflich als euphorisch – als Tino Chrupalla mit gerade 70 Prozent wiedergewählt wurde.
461 Delegierte stimmen für Alice Weidel als alte und neue Bundesvorsitzende, das sind 81,3 Prozent. Deutlich mehr als Chrupalla. Beide führen die AfD seit 2022 als Doppelspitze. Sie gilt als schillernde Figur der AfD, eloquent, smart, eine Ökonomin. Er, der Malermeister aus Sachsen, fleißig, bodenständig, verwurzelt im Osten der Republik, wo die AfD ihre Hochburg hat.

Wann endet Politik-Ehe mit Chrupalla? Weidel will 2029 Kanzlerkandidatin werden
Nach außen funktioniert das Duo scheinbar, ergänzt sich, gleicht sich aus, bedient unterschiedliche Milieus. Nach innen scheint längst klar, dass diese Politik-Ehe endet. Weidel will 2029 Kanzlerkandidatin werden, sie will die Partei allein führen, hat ihr Netzwerk längst auf diesen Kurs ausgerichtet. Sie will „den Rücken frei haben“, wie einer aus ihrem Umfeld sagt.
Für den Bundesvorstand kandidieren in Erfurt AfDler wie Sven Tritschler aus Nordrhein-Westfalen – und erhalten gute Ergebnisse. Ein Punktsieg für Weidel. „Wenn Alice den Daumen für Chrupalla senkt, war es das für ihn“, sagt einer der Delegierten, der dem Weidel-Lager nahesteht. Kandidaten, die eher dem Chrupalla-Lager zugehören, geraten unter Druck, müssen sich Gegenkandidaten stellen.
Und doch bleiben Weidel und Chrupalla auch nach diesem Parteitag bei der Doppelspitze. Mit Symbolik stellen sie es zur Schau, als Alice Weidel Tino Chrupalla vor versammeltem Saal für den Vorsitz vorschlägt – und später umgekehrt.
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Weidel über AfD-Mitgliederzuwachs: „Wir werden bald die 100.000 knacken“
Es läuft ja auch für die AfD: Die Umfragewerte wachsen, bei den Landtagswahlen im September in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern triumphiert die Partei voraussichtlich. Die Mitgliederzahlen gehen hoch, vor drei Jahren hatte die AfD noch 30.000 Mitglieder, mittlerweile sind es 75.000. „Wir werden bald die 100.000 knacken“, sagt Weidel. „Wir sind die neue Volkspartei in Deutschland“, ruft Weidel. Die AfD sei „bereit, Verantwortung zu übernehmen“.
Mit dem Ergebnis von mehr als 80 Prozent hat Alice Weidel eine Rechnung beglichen. Beim Parteitag 2024 erhielt sie ein ähnliches Ergebnis, sie gewinnt nicht dazu. Aber damals lag sie noch hinter Tino Chrupalla, der vor zwei Jahren noch mehr als 82 Prozent der Stimmen bekam. Chrupallas Machtbasis in der AfD schrumpft. Alice Weidel, so kann man zumindest sagen, bleibt auf Kurs.
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In der Zeit der Amtszeit von Chrupalla und Weidel hat sich die AfD professionalisiert. Sie hat Kaderschmieden aufgebaut, in denen sie ihren Nachwuchs heranzieht. Sie gründet Arbeitsgruppen für den Aufbau von Regierungsprogrammen. Im Bundestag und in Landesparlamenten sammeln AfD-Abgeordnete politische Erfahrung.
Das ist die eine Seite. Die andere: AfD-Politiker in Bund und Land sehen sich Vorwürfen der Vetternwirtschaft ausgesetzt. Mächtige Landesverbände wie Nordrhein-Westfalen und Bayern liefern sich Schlammschlachten um den Vorsitz, in Niedersachsen läuft ein Verfahren wegen Untreue und Verstoß gegen das Parteiengesetz.
Auch der extreme Rechte Jean-Pascal Hohm von der „Generation Deutschland“ will in den Vorstand
Weidel und Chrupalla mussten sich in den vergangenen Monaten immer wieder in die Machtkämpfe in der Partei einmischen – und kassieren dafür immer wieder auch Kritik aus Teilen der AfD vor Ort.
Und so erzielt auch Weidel in Erfurt kein herausragendes Ergebnis. Die AfD sei keine Partei, die euphorisch einer Anführerin folge, so will ein Delegierter das Resultat für die Co-Chefin erklären. Jede Machtansammlung sehe man kritisch. Die AfD diskutiert in der Erfurter Messehalle kaum über Programm, das lebte die Partei Anfang 2025 beim Treffen im sächsischen Riesa aus. Hier in Thüringen ist ein Parteitag zur Wahl der Funktionsträger, des Vorstands, des Vizes, des Schatzmeisters, der Beisitzer. Die AfD will die neue Jugendorganisation „Generation Deutschland“ enger an die Parteigremien binden, und deren Vorsitzenden Jean-Pascal Hohm aus dem extrem rechten Landesverband in Brandenburg in den Vorstand der Bundes-AfD wählen.
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Rechtsextremer Arm aus Thüringen reicht weiter in Berliner Parteizentrale
Laut wird es, als Tino Chrupalla gleich zu Beginn des Parteitags auf Ulrich Siegmund zeigt, den Spitzenkandidaten der AfD in Sachsen-Anhalt. Dort hat die Rechtsaußen-Partei die Chance auf eine Regierungsbeteiligung, vielleicht auf die alleinige Macht im Land. Siegmund hatte im Vorfeld „Rückenwind“ durch den Parteitag gefordert, er durfte mit Alice Weidel in die Halle einlaufen. Auf die große Bühne geht er an diesem Tag nicht. Reden dürfen andere.
Die Delegierten applaudieren bei den Kandidaten-Reden immer wieder höflich, lauter Jubel brandet selten auf. Vielmehr wurden die Posten in der AfD schon in Gesprächen vor dem Parteitag ausgehandelt, in den Landesverbänden und im alten Bundesvorstand.
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Weidel will die Stimmung für die AfD drehen
Euphorie scheint selten auf in Erfurt. Dabei will Alice Weidel genau das: Die Stimmung im Land weiter für die AfD drehen. Sie lobt Kreisverbände, die Anträge stellen, damit an Schulen und Rathäusern wieder die Nationalflagge hängt. Und dann schaltet Weidel in rechte Folklore: „Lasst uns unser ganzes Land in schwarz-rot-gold tauchen“, ruft sie.
Es ist auch dieser stramm nationale Sound, den Rechtsextremist und Thüringer Landeschef Björn Höcke in Erfurt anschlägt. „Wir wollen Deutschland wieder großartig machen“, ruft er in den Saal. Und „großartig“ findet er derzeit offenbar wenig in diesem Land. „Am Zustand der Toiletten auf Autobahnraststätten erkennen Sie den Zustand des ganzen Landes“, sagt er.
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Es ist ein populistischer Akzent, den Höcke in Erfurt setzt. Ansonsten bleibt sein Agieren auf der Bühne begrenzt, seine Rede bringt wenig Neues. Einen Anlauf für einen Posten im Bund strebt Höcke auch in Thüringen nicht an. Doch sein Einfluss bleibt: Stefan Möller, sein engster Vertrauter im Landesverband, wird in den Bundesvorstand gewählt. Der rechtsextreme Arm aus Thüringen reicht weiter in die Parteizentrale in Berlin.










