Die Haushaltskrise der knapp 400 Kommunen in Nordrhein-Westfalen hat sich im vergangenen Jahr erheblich zugespitzt. Das Defizit ist 2025 in NRW noch einmal um vier Milliarden Euro gestiegen und erreicht den historischen Höchststand von über elf Milliarden Euro, wie der am Freitag veröffentlichte „Kommunale Finanzreport“ der Gütersloher Bertelsmann Stiftung ergab.
Je Einwohner gerechnet sei dies der mit Abstand höchste Wert aller 16 Länder im Bundesvergleich. Bundesweit verzeichneten Städte, Landkreise und Gemeinden 2025 insgesamt ein Rekorddefizit von nahezu 32 Milliarden Euro. Hauptursache blieben die hohen Personal- und Sozialausgaben, hieß es.
Zugleich machen sich demnach die Folgen der schwachen Konjunktur bemerkbar, Einnahmen aus der Gewerbesteuer stagnieren oder fallen deutlich niedriger aus. So verlor die Stadt Köln im vergangenen Jahr rund 200 Millionen Euro, Düsseldorf und Dortmund über 100 Millionen Euro im Vergleich zu 2024. Anders als in früheren Krisen seien nun auch wirtschaftsstarke Regionen wie Ostwestfalen oder das Münsterland erheblich betroffen, heißt es in dem Report.
Finanzloch der NRW-Kommunen: Schulden steigen auf 71 Milliarden Euro
Besonders deutlich zeigt sich die kritische Lage bei der kommunalen Verschuldung. Ende 2025 erreichten laut Studie die Schulden der Städte, Gemeinden, Kreise und Landschaftsverbände in NRW den Höchstwert von 71 Milliarden Euro. Das sei ein Anstieg von mehr als einem Drittel binnen drei Jahren. Den Kommunen fehlten zunehmend die regulären Einnahmen zur Finanzierung ihrer Aufgaben.
Die schwarz-grüne Landesregierung habe zwar ein massives Hilfsprogramm gestartet, um Kassenkredite der höchst verschuldeten Städte in Höhe von insgesamt neun Milliarden Euro aufzufangen. „Die aktuelle Haushaltskrise wird den Rückgang leider in vielen Fällen binnen weniger Jahre wieder zunichtemachen“, prognostizierte Kirsten Witte, Kommunalexpertin der Bertelsmann Stiftung.
Lesen Sie auch
Bundesweit nahmen die Schulden der Kommunen laut Finanzreport in den vergangenen drei Jahren um 50 Milliarden Euro auf den Rekordwert von 196 Milliarden Euro zu. Die deutschen Städte und Gemeinden befänden sich „in der größten kommunalen Finanzkrise seit der Deutschen Einheit“, hieß es. Über Jahrzehnte habe der Bund im Einvernehmen mit den Ländern neue Aufgaben und Standards beschlossen, vom Anspruch auf einen Kindergartenplatz über das Bundesteilhabegesetz bis zur Ganztagsbetreuung. Finanziert worden seien diese neuen Aufgaben aber nur verzögert, unzureichend oder gar nicht.
Expertenrat mahnt Strukturreformen an
Ein von der Bertelsmann Stiftung beauftragter Expertenrat fordert in einer Agenda grundsätzliche Strukturreformen. Kurzfristig könnte unter anderem eine höhere Beteiligung der Kommunen an der Umsatzsteuer die Finanzierungslücke deutlich verringern. Doch langfristig müsse die Aufgaben- und Finanzverteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen nach dem Prinzip „wer bestellt, zahlt“ neu geordnet werden, sagte der Leiter des Gremiums, der Finanzwissenschaftler Martin Junkernheinrich. „Das gilt insbesondere für die Sozialausgaben.“
Weitere Nachrichten aus NRW
Zudem schlägt der Expertenrat eine regelmäßige Erfassung der kommunalen Gesamtbelastung, die Zentralisierung bestimmter Aufgaben sowie mehr Digitalisierung und weniger Förderprogramme vor, um die Handlungsfähigkeit der Städte und Gemeinden zu sichern. Der „Kommunale Finanzreport“ basiert den Angaben nach auf den aktuellen amtlichen Finanzstatistiken. Erarbeitet wurde die aktuelle Analyse in Kooperation mit der Technischen Hochschule Wildau.
Das Bündnis „Für die Würde unserer Städte“ begrüßte die Vorschläge des Expertenrats. Zwingend notwendig seien sowohl Soforthilfen als auch grundlegende Reformen. „Bund und Länder müssen umgehend helfen, um den bitteren Trend zu stoppen“, sagen die beiden Sprecher Martin Murrack und Silke-Ehrbar-Wulfen. „Wir müssen unsere Finanzbeziehungen so neuordnen, dass jeder finanziell entsprechend seiner inhaltlichen Verantwortung für Beschlüsse einsteht und die kommunale Ebene wieder handlungsfähig wird.“ Murrack ist Kämmerer der Stadt Duisburg.
(red/epd)





