Die Anzahl der antisemitischen Vorfälle in NRW hat einen neuen Höchststand erreicht. 2025 erfasste die Meldestelle „Rias“ 1102 Vorfälle. Das sind 17 Prozent mehr als im Jahr 2024 mit 940 Fällen. Durchschnittlich wurden zuletzt im Schnitt 21 Fälle pro Woche gezählt.
Israelbezogener Antisemitismus nimmt deutlich zu
„Dieser massive Anstieg erschüttert mich zutiefst“, sagte NRW-Familien- und Integrationsministerin Verena Schäffer (Grüne) am Mittwoch bei der Vorstellung des vierten Jahresberichts der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (Rias NRW). Nicht nur die Anzahl der dokumentierten Vorfälle habe sich gesteigert, sondern auch die Gewaltbereitschaft hinter den Taten: 2025 gab es den Angaben zufolge rund 78 Prozent mehr versuchte und tatsächliche Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens als ein Jahr zuvor. Insgesamt wurden 32 Vorfälle gemeldet.
Laut dem Jahresbericht sind mehr als die Hälfte aller Fälle im Bereich des israelbezogenen Antisemitismus zu verorten. Das ist ein Anstieg von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Antisemitismus hat sich in Nordrhein-Westfalen, besonders seit dem antisemitischen und islamistischen Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober und durch den darauf folgenden Gaza-Krieg verfestigt“, sagte Schäffer.
Antisemitismus aus rechten und linken Milieus
Beim israelbezogenen Antisemitismus wird Feindlichkeit gegen Jüdinnen und Juden mit Feindlichkeit gegenüber Israel verbunden und das Existenzrecht des Staates Israel in Frage gestellt.
Antisemitismus sei „in allen gesellschaftlichen Milieus und in der Mitte der Gesellschaft verbreitet“, sagte Schäffer. Sie verwies auf jenen im rechtsextremen und rechtspopulistischen Milieu, bei dem mit 67 Fällen ein Anstieg von 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahr registriert wurde. Gar eine Verdopplung der Vorfälle registrierte Rias im linken Milieu. Lag 2024 die Anzahl hier noch bei 34, so stieg sie im Jahr darauf auf 71 Fälle.
Wir dürfen uns nicht an Antisemitismus gewöhnen“
Verena Schäffer (Grüne), NRW-Integrationsministerin
Antisemitismus wird zunehmend normalisiert
„Wir wissen, dass Antisemitismus zudem ein wichtiges Element in islamistischen Ideologien ist, insbesondere im Zusammenhang mit der Leugnung des Existenzrechts Israels“, sagte Schäffer.
„Antisemitismus verbindet unterschiedliche Milieus und wird zunehmend gesellschaftlich normal“, sagte Jörg Rensmann, der Leiter der Meldestelle Rias. Die Teilhabe von Jüdinnen und Juden am gesellschaftlichen Leben werde dadurch stark eingeschränkt, das Sicherheitsgefühl schwinde immer mehr. Jüdinnen und Juden hätten zunehmend Angst, ihren Glauben öffentlich zu zeigen, warnte Rensmann. „Die Solidarität der Gesellschaft, der Nachbarinnen und Nachbarn, bleibt überwiegend aus.“
Straße, Schule, Internet: Wo Antisemitismus passiert
Oren Osterer, Geschäftsführer der Kölner Synagogengemeinde, ergänzte: „Wir wissen aus unserer täglichen Erfahrung, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist.“ Die Unsicherheit wirke sich auf den Alltag seiner Gemeinde aus. „Viele Mitglieder besuchen seltener unsere Veranstaltungen - auch wegen Sicherheitsbedenken.“ Etliche Mitglieder würden mittlerweile ans Auswandern denken.
Die meisten Antisemitismusvorfälle ereigneten sich im vergangenen Jahr laut dem Jahresbericht von Rias im öffentlichen Raum. „Insbesondere dort, wo Menschen ihren Alltag verbringen“, sagte Schäffer. „Auf der Straße, in Schulen und Hochschulen sowie online im Internet.“
Antisemitismus gibt es bereits in Grundschulen
Man könne nicht früh genug mit der Prävention beginnen, sagte Rensmann. Antisemitismus gebe es bereits in Grundschulen. Es sei wichtig, Lehrkräfte für die Gefahren zu sensibilisieren, am besten schon während der Ausbildung. „Wir dürfen uns an den zunehmenden Antisemitismus nicht gewöhnen“, sagte Ministerin Schäffer.




