Angst? Eher nicht. Obwohl: Manchmal erinnere ich mich an meine Ausbildung zum Auslandskorrespondenten, an das obligatorische Krisentraining. Propellergeräusche am Himmel, ähnlich einem Moped oder Rasenmäher: Schnell in den Gang, weg von den Fenstern. Zerberstende Scheiben könnten lebensgefährlich sein. Doch das Training war für Krisen- und Kriegssituationen gedacht, nicht für das Leben in der Stadt.

Angst vor Drohnen haben nur wenige Menschen in Moskau. Keine Panik, normales Sommerleben in diesen Tagen, die Straßencafés sind voll. Immer wieder fliegen ukrainische Drohnen auch in Richtung Moskau, doch die russische Luftabwehr, stationiert im Moskauer Hinterland, arbeitet zuverlässig.

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Ukraine attackiert Russland: Deutsche Botschaft warnt

In der Nacht zum 4. Mai allerdings, wenige Tage vor der traditionellen Siegesparade auf dem Roten Platz, schlug eine Drohne in einem Wohnhaus in der Nähe des Moskauer Zentrums ein. Nicht weit von der deutschen Botschaft entfernt – und nicht weit von meiner Wohnung. Verletzt wurde niemand, so Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin. Doch die Botschaft warnte die Deutschen, die in Moskau leben. Höre man Fluggeräusche, dann „gilt es unverzüglich Schutz zu suchen. Hierzu eignen sich insbesondere fensterlose Innenräume, Metrostationen und Tiefgaragen. Entfernen Sie sich umgehend von Glasfassaden.“

Grundsätzlich allerdings Entwarnung, man gehe nicht „von einer veränderten Sicherheitslage“ aus. Doch kurz vor dem 9. Mai, dem Tag der Siegesfeier über Nazi-Deutschland, verschärften die Moskauer Behörden die Sicherheitsmaßnahmen. Zeitweise wurde das mobile Internet abgeschaltet, am Tag selbst wurde in der Innenstadt streng kontrolliert.

Ukrainische Drohnen treffen russische Regionen fast täglich

Nach wie vor scheint Moskau sicher. Immer wieder fliegen ukrainische Drohnen in Richtung Moskau, sie werden aber im Umland abgefangen. In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai seien über 120 Drohnen abgeschossen worden, meldete Bürgermeister Sobjanin. Drei Menschen starben, es gab Verletzte. Nach Angaben der indischen Botschaft war auch ein Arbeiter aus Indien unter den Toten. „Unsere Antworten auf die Verlängerung des Krieges durch Russland und seine Angriffe auf unsere Städte und Gemeinden sind vollkommen gerechtfertigt“, bestätigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Angriff.

Fast täglich gibt es inzwischen Drohnenattacken in vielen russischen Regionen. Beispiel: der Verwaltungsbezirk Orjol, nur 200 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Drohnen gehören hier zum Alltag, auch in der Kleinstadt Nowosil. „Wann es Frieden geben wird, wissen wir nicht. Wir machen, was wir können, sammeln Hilfsgüter für unsere Leute“, erzählt Swetlana Tjuljakowa, Ärztin am örtlichen Krankenhaus, mir, dem Korrespondenten dieser Zeitung. Wenn die Sirene losgeht, hätten ihre Kinder Angst, sagt eine junge Frau, die in einem Dorf nahe Nowosil lebt. „Manchmal kommen sie nachts aus ihren Zimmern zu uns, weil der Lärm so schrecklich ist.“

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Angst nach Drohnenangriffen wächst: Russen fühlen sich nicht mehr sicher

Die Ukraine greift vor allem die ölverarbeitende Industrie und Hafenanlagen an. Doch Drohnen sind unpräzise, kommen vom Kurs ab, können durch die Luftabwehr abgelenkt werden. Manchmal werden Wohnhäuser getroffen, sterben Menschen. Viele Russinnen und Russen sind verängstigt, manche auch wütend. „In letzter Zeit läuft es nicht so, wie wir es uns wünschen“, schreibt einer im Netz. „Wir bekommen keine Informationen darüber, wie viele ihrer Drohnen im Einsatz waren und wie viele durchgekommen sind. Sie sprechen nur von den abgeschossenen.“

Das Online-Medium „Meduza“ hat Stimmen gesammelt. „Der Krieg ist so nah gekommen. Eine Freundin von mir wohnt in einem der abgebrannten Häuser“, schreibt eine junge Frau aus Rjasan, einer Großstadt, rund 200 Kilometer südöstlich von Moskau. „Eine Kollegin sah das Feuer über der Ölraffinerie von ihrem Balkon aus. Es ist alles so nah und greifbar, obwohl ich in einem anderen Viertel wohne.“ Es sei beunruhigend, sagt Artjom. Er lebt in einem Dorf in der Region Moskau. „Diese Nacht war wirklich furchterregend: Drohnen flogen laut und tief über das Haus, eine nach der anderen, und wir konnten sie von den Fenstern aus sehen, zusammen mit den Explosionen, wenn sie abgeschossen wurden. Wohin soll man fliehen, wo soll man sich verstecken? Es gibt keine Schutzbunker im Dorf.“ Über den Mangel an Schutzräumen beschweren sich viele.

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Terminator-Mythen im Drohnenkrieg: Landroboter und KI in der Ukraine
Im Krisenmodus
 

„Lipezk, Woronesch, Kursk – es ist überall beängstigend“

Die Angst in ganz Russland sei insgesamt gestiegen, auch die Angst vor Drohnen, zu diesem Schluss kommt das regierungsnahe Meinungsforschungsinstitut FOM. Am 19. April gaben 47 Prozent der Befragten an, dass ihre Familie, Angehörigen und Freunde überwiegend ängstlich seien. Ende April waren es schon 53 Prozent. „Die öffentliche Meinung, einschließlich der Ängste, sollte Politikern unbedingt Sorgen bereiten“, kommentiert das Portal ng.ru die Ergebnisse der Meinungsforscher.

Maßnahmen fordert der Militärexperte Viktor Litowkin in der offiziellen russischen Parlamentszeitung: „Es wäre gut, wenn unsere Wohnungs- und Versorgungsbetriebe an jedem Gebäudeeingang einen Hinweis anbringen würden: ‚Im Falle eines Drohnenangriffs begeben Sie sich bitte dorthin.‘“ Im Krankenhaus von Nowosil ist das schon umgesetzt. Neuerdings gibt es hier einen Luftschutzbunker. Swetlana Tjuljakowa, die Ärztin, kennt den Weg dorthin nur allzu gut. „Lipezk, Woronesch, Kursk, Belgorod, Orjol. Es ist überall beängstigend“, sagt sie.