Weltpolitik erkennt man manchmal an der Choreografie. In Peking bekam Donald Trump die Kulisse, die er so sehr liebt: Gold, Fahnen, Männergesten, die Illusion persönlicher Größe. Nur fehlte nach zwei Tagen mit Xi Jinping das, was ein amerikanischer Präsident aus China mitbringen muss: greifbare Ergebnisse.

Der Gipfel war Jīngjù. Also Peking-Oper. Die Entsprechung des japanischen Kabuki-Theaters mit seinen kunstvoll inszenierten großen Gesten, festen Rollen – und vorhersehbarem Ausgang.

Trump lobte Xi, dass die Schwarte krachte, salbaderte von Nähe, Stabilität, Fortschritt. Er tat, was er für Diplomatie hält: den starken Mann des 21. Jahrhunderts umarmen. In der Hoffnung, dass dessen Aura auf ihn abfärbt. Die Unterwürfigkeitsgesten fruchteten nicht. Xi war höflich zu Trump. Aber er gab ihm nichts. Gar nichts. Optik und Ablauf des ganzen Treffens bestätigten das neue Kraftverhältnis zwischen China und den USA. Hier Kaiser Xi, dort der mental wie physisch wacklige Bittsteller aus Mar-a-Lago. 

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Trump spricht von Erfolgen, aber wo sind sie?

Wie leer die Hände sind, mit denen Trump zurückkehrte, ist umso bemerkenswerter, wenn man die von ihm behaupteten Erfolge dagegenschneidet: Megadeal für 200 Boeing-Passagierflugzeuge? Es gibt keinen. Global koordinierende Zusammenarbeit im Bereich Künstliche Intelligenz? Es gibt keine. Ein milliardenschweres Agrarabkommen, das von Sojabohnen bis Rindfleisch amerikanischen Farmern Einnahmequellen im Reich der Mitte sichert? Es gibt keins. Substanzieller Kauf von amerikanischem Öl zur Kompensation der Lage durch den Krieg gegen den Iran? Es gibt ihn nicht. Ein Geschäft über die Versorgung mit für die Zukunftstechnologien entscheidenden Seltenen Erden? Es gibt keins. Eine Lösung bei den US-Exportkontrollen für Halbleiter? Es gibt keine – stattdessen signalisiert Peking, dass es die Nvidia-H200-Chips gar nicht mehr will, weil es auf „Homemade“-Produkte setzt. Ein Deal über Chinas Hilfe bei der Wiederöffnung der Straße von Hormus und den erklärten Verzicht, den Iran weiter mit militärischem Know-how zu versorgen? Es gibt beides nicht. Xi gab kein Versprechen, auf den Iran im Sinne Trumps einzuwirken. Warum auch – Teheran lässt Öltanker gen China problemlos passieren.

Redaktionsvorstellung Hamburger Abendblatt / Bergedorfer Zeitung / ZRB
Dirk Hautkapp ist US-Korrespondent.© HA

Dass Xi sein Gegenüber für ein lästiges Auslaufmodell hält, letztlich für eine „lame duck“, illustrierte seine Warnung in Sachen Taiwan. Peking warnte Washington explizit davor, in die Thukydides-Falle zu tappen; eine aus der Zeit von Sparta und Athen entlehnte geopolitische Theorie, die sich um die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Konflikts zwischen aufstrebenden und etablierten oder im Niedergang befindlichen Mächten dreht. Wörtlich hörte sich das so an: „Wenn dies (gemeint ist Taiwan – d. Red.) schlecht gehandhabt wird, könnten die beiden Länder zusammenstoßen oder sogar in einen Konflikt geraten und die gesamten Beziehungen zwischen China und den USA an einen äußerst gefährlichen Ort bringen.“

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Trump ließ offen, ob er Taiwan gegen China verteidigen würde

Auf die unverhohlene Forderung Xis, sich nicht in die Taiwan-Frage einzumischen, reagierte Trump so wurstig und indifferent, dass in Taipeh politischer Luftalarm ausgelöst wurde. Er ließ zwar in der Tradition jahrzehntelanger strategischer US-Zweideutigkeit offen, ob er Taiwan im Falle eines chinesischen Angriffs verteidigen würde, nur um dann in einem ebenso hemdsärmelig wie resignativ wirkenden Fox-News-Interview ohne Not davon zu schwadronieren, dass er a) die Unabhängigkeitsbestrebungen der Insel nicht unterstütze, b) keine Neigung verspüre, die USA 9500 Meilen entfernt in einen Krieg zu verwickeln, und c) bis auf Weiteres einem 14 Milliarden Dollar schweren US-Waffen-Paket für Taiwan kein grünes Licht erteilen werde.

Ein amerikanischer Präsident, der in Peking zur demokratischen Insel vor Chinas Küste „keine Verpflichtung“ formuliert, sendet kein Signal der Abschreckung. Er sendet Verunklarung. Für Xi ist das fast so wertvoll wie ein konkretes Zugeständnis. Er konnte dies nur so verstehen: Für Taiwan macht sich Donald Trump nicht krumm.

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Die USA haben sich durch den Iran-Krieg gefährlich erschöpft

Die dabei mitschwingende Botschaft wird in Südkorea, Japan und Australien Nervosität auslösen, was die schwindende Glaubwürdigkeit der Schutzmacht USA anbelangt. Sie hat Ähnlichkeit mit den lauwarmen, latent Putin-freundlichen Bekenntnissen Trumps im Ukraine-Krieg wie zum Beistandsversprechen der Nato. 

All das trägt dazu bei, dass sich ein Bild verfestigt, an dem die USA noch lange laborieren werden. Nicht zuletzt durch den militärisch ressourcenraubenden und strategisch in den Sand gesetzten Iran-Krieg hat sich Amerika auf der Weltbühne nicht nur blamiert, sondern gefährlich erschöpft. Trump wollte in Peking vor allem den eigenen Landsleuten zeigen, dass Amerika zurück ist. Tatsächlich zeigte er, wie sehr sich die Gewichte verschoben haben. Xi musste ihn nicht demütigen. Er musste nur passiv höflich bleiben. Die Demütigung erledigte der Gipfel selbst.