Die drei Jungen und das Mädchen sitzen tief in ihre Stühle gekauert. Sie ist 13, die Jungs 14 und 16. Alle vier tragen eine rotweiße Schuluniform, ihre Rucksäcke halten sie vor die Brust gepresst, der Blick ist unter der Schirmmütze versteckt. Keine Namen, keine Fotos, nur das Alter – das ist die Bedingung für das Gespräch über ihre Erfahrungen als Kindersoldaten in diesem dunklen Hinterzimmer der Schule von Tóez. 

Tóez ist ein abgelegener Weiler im verarmten kolumbianischen Departement Cauca, wo der ewige bewaffnete Konflikt und der Kampf um die legalen und illegalen Ressourcen das alles dominierende Thema sind. Vor allem Kokain und Heroin werden in der Region produziert und Gold illegal geschürft. 

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Kindersoldaten im Cauca: Milizen rekrutieren immer jüngere Kinder

Das Cauca liegt im Südwesten Kolumbiens strategisch günstig zur Pazifikküste, ist also neben Produktions- auch Transitzone und traditionell vom Staat vernachlässigt. All das macht das Departement zur Kampfzone und dem Epizentrum der strukturellen jahrzehntealten Gewalt Kolumbiens. Und jetzt, kurz vor der Präsidentenwahl Ende Mai, erreichen die Auseinandersetzungen zwischen den bewaffneten Milizen und dem Staat einen neuen Höhepunkt. Dabei nimmt auch die Rekrutierung von Jungen und Mädchen durch die Milizen dramatisch zu, denn der Kampf um Routen und Reviere braucht ständig neue Krieger. 

Laut den Vereinten Nationen hat sich die Zahl der von bewaffneten Gruppen zwangsrekrutierten Kinder in Kolumbien in den vergangenen fünf Jahren vervierfacht. 2024 wurde durchschnittlich alle 20 Stunden ein Kind zwangsverpflichtet oder eingesetzt. 

Schon Zehn- bis Zwölfjährige werden bei den bewaffneten Gruppen in Uniformen gesteckt, müssen ein Gewehr schultern und bisweilen auch in die Gefechte ziehen. Oft dienen sie aber auch als menschliche Schutzschilde vor Bombardements des Militärs. Neuerdings werden sie vor allem eingesetzt, um mit Sprengstoff beladene Drohnen zu steuern. Immer wieder gelingt es Heranwachsenden zu fliehen, so wie diesen vier verängstigten Kindern. Zwei der Jungen wurden vom Militär aufgegriffen und in Erziehungsheime gesteckt. Von dort kamen sie nach Tóez. 

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Indigenes Schutzgebiet: Guardia Indígena schützt Jugendliche vor Milizen

Hier können sie sich einigermaßen sicher fühlen, das Dorf liegt in einem indigenen Schutzgebiet, in welches das Militär nicht ohne Weiteres eindringen darf. Die „Guardia Indígena“, eine indigene Selbstschutzorganisation unbewaffneter Wächter, ist die Autorität. Noch wird diese auch von den bewaffneten Gruppen respektiert. Und das schützt die vier Jugendlichen, denn die Milizen bestrafen die Fahnenflucht mit dem Tod.

In der Schule von Tóez werden sie von Psychologen betreut, die von der lokalen Hilfsorganisation „Tierra de Paz“ geschult werden. Die NGO bietet psychosoziale Erste Hilfe vor allem an Schulen an und wird von der deutschen Diakonie Katastrophenhilfe und durch EU-Gelder unterstützt. Denn trotz kleiner Fortschritte und Hoffnungen in den vergangenen Jahren: Der bewaffnete Konflikt hat den Cauca und seine Bewohner nie aus seiner Umklammerung gelassen.

Bewaffnete Konflikte vertreiben Millionen Kolumbianer

Das Cauca, eines von 32 Departements, ist nur ein besonders krasses Beispiel der ernüchternden Lage in Kolumbien. Aber in vielen Regionen ist der Staat ständig unter Beschuss und kämpft gegen die vielarmigen Kraken der Organisierten Kriminalität. 

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Zehn Jahre ist das historische Friedensabkommen zwischen dem Staat und den „Revolutionären Streitkräften Kolumbiens“, kurz FARC, jetzt her. Es wurde 2016 global gefeiert und der damalige Präsident Juan Manuel Santos dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Die Menschen in dem südamerikanischen Land hofften auf ein Ende von mehr als einem halben Jahrhundert Bürgerkrieg. Aber 2026 könnte die Bilanz nicht ernüchternder sein. Kolumbien erlebt eine neue, blutige Phase seiner gewaltvollen Geschichte. In den ersten Monaten dieses Jahres wurden laut den Vereinten Nationen 164.000 Menschen vertrieben, zahlreiche Aktivisten ermordet und Dutzende Massaker verübt. Laut dem Jahresbericht des in Genf ansässigen „Internal Displacement Monitoring Centre“ (IDMC) gelten 7,2 Millionen Menschen in dem südamerikanischen Land als vertrieben, mehr als in Syrien oder dem Jemen. Nur der Sudan hat mehr „displaced persons“ zu beklagen.

Kolumbien: Bewaffnete Gruppen übernehmen Macht nach FARC-Rückzug

Der Staat hat die Lücken nie gefüllt, die damals die FARC nach ihrer Demobilisierung hinterließen. Stattdessen sprangen andere Akteure in die Bresche. Der Konflikt ist kleinteiliger, ideologiefreier geworden. Es stehen dem Staat nicht mehr große Linksguerillas mit politischen Forderungen gegenüber, sondern viele bis an die Zähne bewaffnete Milizen. In 75 Prozent des Staatsgebietes seien illegale bewaffnete Gruppen präsent, sagt Chiara Capozio, Leiterin des UN-Büros für Humanitäre Angelegenheiten (OCHA) in Kolumbien. Allein im Cauca, das etwa die Größe Brandenburgs hat, machen sich dreizehn bewaffnete Gruppen das Terrain untereinander streitig. Selbst mexikanische Kartelle mischen mit und gewinnen an Einfluss.

In dieser Realität wählen die Menschen am 31. Mai einen Nachfolger oder Nachfolgerin für Präsident Gustavo Petro. Der erste Linkspräsident hat in den ablaufenden vier Jahren alles auf die Befriedung seines Landes gesetzt, wollte mit jeder Gruppe parallel Gespräche führen und versprach den „Totalen Frieden“. Aber sein Projekt ist am überzogenen Anspruch, am Widerstand der bewaffneten Gruppen und an den sozialen und wirtschaftlichen Realitäten Kolumbiens gescheitert. 

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Drei Kandidaten prägen die Wahl – Frieden oder neuer Konflikt?

Bei der Wahl treten 13 Bewerberinnen und Bewerber an. Chancen haben nur ein linker und zwei rechte Kandidaten. Senator Iván Cepeda, der aus Petros politischer Partei „Pacto Historico“ stammt und der die aktuelle Friedenspolitik modifiziert fortsetzen will, führt in allen Umfragen. Ihm folgen fast gleichauf die Senatorin Paloma Valencia von der Partei „Centro Democrático“ des früheren Staatschefs Álvaro Uribe und Abelardo de la Espriella, ein klassischer „Outsider“-Kandidat; Anwalt, Unternehmer und ultrarechts. Er will die bewaffneten Gruppen mit „allen Mitteln“ bekämpfen. 

José Luis Casas, Leiter von „Tierra de Paz“, blickt skeptisch auf die Perspektiven: Die Friedenspolitik des scheidenden Präsidenten Petro habe die bewaffneten Gruppen gestärkt, kritisiert er. Aber die Alternative sei auch keine: „Wir würden dann vom totalen Frieden zum totalen Krieg wechseln.“