„Ja, ich bin Kandidat“, erklärte Jean-Luc Mélenchon am Sonntagabend in den Abendnachrichten des Senders TF1, der obligaten Passage für angehende Präsidentschaftsbewerber. Der bald 75-jährige Gründer der Linken-Partei La France insoumise (LFI), der seit den 1970er-Jahren Politik betreibt, erachtet seine lange Erfahrung als Vorteil in Zeiten von Kriegen und Klimawandel.

Mit dem Auftritt ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen kommt der linke Tribun den zahlreichen anderen Aspiranten seiner politischen Seite zuvor. Sozialisten, Grüne und Kommunisten haben vergeblich versucht, eine Einheitskandidatur zu zimmern, die Chancen hätte, im Mai 2027 in die Stichwahl vorzustoßen und in den Elysée-Palast einzuziehen.

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Le Pen und Bardella führen in Umfragen, Mélenchon polarisiert

In den Umfragen führen derzeit Marine Le Pen und Jordan Bardella vom rechtsnationalen Rassemblement National (RN). Dahinter liegt Édouard Philippe, Kandidat der Mitte und früherer Premierminister von Staatschef Emmanuel Macron, der nach zwei Amtszeiten verfassungsbedingt nicht erneut kandidieren kann.

Mélenchon prescht jetzt schon vor, um die übrigen Linksparteien zu zwingen, sich entweder hinter ihn zu scharen oder eigene Kandidaten aufzustellen – was ihr Lager spalten würde. Der taktisch versierte LFI-Chef – ein polarisierender Linkspopulist und bekennender Trotzkist, der dem deutschen Linken Oskar Lafontaine in vielem gleicht, – wird aber laut Umfragen von über 80 Prozent der Wählerschaft als zu extrem eingestuft.

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Mélenchon fordert Sozialkurs und spaltet die französische Linke

Mélenchon will das Rentenalter um zwei Jahre auf 60 senken, die Arbeitszeit einschränken, die von Macron reduzierte Vermögenssteuer wieder erhöhen und die Energiepreise staatlich deckeln. Die seiner Meinung nach von Deutschland dominierte und deshalb "neoliberale“ EU will er auf einen „sozialen“ Kurs bringen. International weigerte er sich nach dem Angriff der Hamas-Miliz auf Israel, von Terrorismus zu sprechen; Russland steht er näher als der Ukraine. In den Einwanderer- und Banlieuezonen legt seine Partei dank Anti-Polizei-Parolen zwar ständig zu, doch landesweit stößt diese Strategie auf Ablehnung.

An dem charismatischen, sprachgewaltigen LFI-Boss wird die gemäßigte Linke in Frankreich trotzdem nicht vorbeikommen. Nach heutigem Stand dürfte sich Mélenchon vor allem mit dem linksliberalen Proeuropäer Glucksmann balgen. Es wird eine linke Grundsatzdebatte um die Haltung Frankreichs zur EU, zur Nato – und generell zur politischen Radikalität. Dazu mischt sich der frühere gaullistische Premier Dominique de Villepin mit einem erstaunlichen Linkskurs in die Diskussion.

Auf der Rechten wird Le Pen im Juli von einem Gericht erfahren, ob sie im Frühjahr 2027 selbst antreten kann. Oder ob sie – was derzeit wahrscheinlicher scheint – wegen mehrjähriger Unwählbarkeit ihrem Ziehsohn Bardella die Kandidatur überlassen muss. Der 30-Jährige wird sich an den Urnen vor allem mit Philippe duellieren müssen. An den TV-Kameras wird aber Mélenchon den Ton angeben. Europa verfolgt das Ganze mit eher mulmigen Gefühlen.