Der Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus haben die Preise für Benzin und Diesel in die Höhe schießen lassen. Das bringt viele Autofahrer in Bedrängnis und dürfte bald auch Lebensmittel und Dienstleistungen spürbar verteuern. Jetzt drängt ein weiteres Thema mit Macht nach vorn: In Europa wird Kerosin knapp, also der Kraftstoff für Flugzeuge.

Die Vorräte reichten noch etwa für sechs Wochen, sagt der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol. Er rechnet damit, dass schon bald Flüge gestrichen werden, und spricht von „der größten Energiekrise, mit der wir je konfrontiert waren“. Die Luftfahrtbranche und die Politik arbeiten mit Hochdruck an Notfallplänen. Auch auf Fluggäste und verbundene Branchen kommen turbulente Zeiten zu – und das kurz vor der Hauptreisezeit im Sommer. Ein Überblick.

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Was ist das Problem?

Europa ist abhängig von Energieimporten, insbesondere von Rohöl und Rohölprodukten. Beim Kerosin stockt wegen des Iran-Kriegs der Nachschub, die Preise auf den Weltmärkten haben sich mehr als verdoppelt. Die IEA rechnet damit, dass es ab Juni an europäischen Flughäfen zu Engpässen kommen wird. Das dürfte schon bald zu Einschnitten beim Flugangebot und zu steigenden Ticketpreisen führen. In welchem Umfang das der Fall sein wird, lässt sich jetzt aber noch nicht sagen.

Die Kosten für Kraftstoff machen bei den Airlines üblicherweise ein Fünftel bis ein Drittel der Betriebskosten eines Flugzeugs aus. Preisrisiken werden bis zu einem gewissen Grade abgesichert, aber eben nicht komplett. Bleiben Flugzeuge am Boden, hat das nicht nur erhebliche Folgen für die Fluggesellschaften, sondern auch für die Tourismuswirtschaft und die Lieferketten der Industrie. Der Hauptgeschäftsführer des deutschen Branchenverbands BDL, Joachim Lang, warnt: „Die Sommerreisesaison steht unmittelbar bevor, das Ökosystem Tourismus ist in der Hauptreise- und Geschäftszeit bei ein- und ausreisenden Touristen auf den Luftverkehr angewiesen.“

Warum ist jetzt ausgerechnet Kerosin so knapp?

Das Kerosin, das in Europa vertrieben wird, stammt zu einem erheblichen Teil direkt aus dem Nahen Osten. Es wird also bereits im verarbeiteten Zustand hier angeliefert. Laut IEA importiert Europa 30 Prozent seines Kerosin-Bedarfs, drei Viertel dieser Menge stammen aus Nahost. Durch die Sperrung der Straße von Hormus kamen dort kaum noch Tanker durch, ein beträchtlicher Teil der Produktionsanlagen am Persischen Golf ist durch die Kampfhandlungen beschädigt oder zerstört.

Selbst wenn Schiffe wieder frei fahren können, würde es ungefähr drei Wochen dauern, bis sie an Häfen in Nordeuropa ankommen. Lieferungen aus anderen Regionen, insbesondere aus den USA, können die Lücke nicht komplett füllen. Die Raffineriekapazitäten in Europa wiederum sind begrenzt und ungleich verteilt. Deutschland steht noch verhältnismäßig gut da, trotzdem wird mehr als die Hälfte des hier abgesetzten Kerosins importiert. Der europäische Verband der Flughafenbetreiber hatte bereits in der vergangenen Woche die EU-Kommission gewarnt, dass bald eine Kerosin-Knappheit eintreten könnte.

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Was bedeutet das für Fluggäste?

Weniger Angebot an Flugzeugtreibstoff bedeutet höhere Preise, und die dürften die Airlines bald auch an ihre Endkunden weitergeben. Der „Wirtschaftsweise“ Gabriel Felbermayr sagte dem Deutschlandfunk, er rechne mit Preissteigerungen: „Die Ticketpreise werden stark steigen, damit wird die Nachfrage nach Flugdienstleistungen zurückgehen.“ Wenn daraufhin die Nachfrage sinke, tue das auch das Angebot: Einzelne Flugverbindungen könnten entfallen, weil sie sich nicht mehr rechnen.

In diesem Fall könnten Verbraucher Umbuchungen oder Erstattungen des schon gezahlten Ticketpreises erwarten, sagte die Mobilitätsexpertin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Ann-Cathrin Beermann, dieser Redaktion. „Das ist ärgerlich, aber aushaltbar.“

Größere Sorgen macht Beermann ein anderes Szenario: „Wir fürchten, dass mit knappem und teurem Treibstoff vermehrt Insolvenzen von Fluggesellschaften drohen.“ In diesem Fall gebe es für Individualreisende praktisch keinen Schutz. „Sie verlieren das Geld, das sie für die Tickets gezahlt haben, und müssen, falls sie schon am Urlaubsort sind, eigenständig eine Heimreise organisieren“, erklärte Beermann. „Rückzahlungen aus der Insolvenzmasse sind selten, das haben wir in der Vergangenheit gesehen. Da entstehen schnell Schäden von mehreren Hundert Euro.“

Was machen Fluggesellschaften?

Die Lufthansa-Gruppe zieht die Schließung ihrer Regionaltochter Cityline vor und begründet dies mit den gestiegenen Kerosin-Preisen und den anhaltenden Arbeitskämpfen. 27 Jets sollen demnach am Boden bleiben, zum Winter sollen außerdem sechs Langstreckenflugzeuge der Lufthansa-Kernmarke ausgemustert werden.

Auch andere Airlines verknappen ihr Angebot. Die niederländische Fluggesellschaft KLM etwa hat bereits 160 Flüge aus dem Programm genommen, die skandinavische Airline SAS hat im April sogar 1000 Flüge gestrichen. Asiatische Fluggesellschaften sind schon seit Wochen im Krisenmodus, der Kontinent ist noch stärker von der Sperrung der Straße von Hormus betroffen als Europa.

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Was tut die Politik?

Die EU-Kommission arbeitet an einem Notfallplan. So will sie die verfügbaren Kerosin-Bestände und die Raffineriekapazitäten genau erfassen. Die Anlagen sollen voll ausgelastet werden und so viel Flugkraftstoff wie möglich produzieren. Auch die gemeinsame Beschaffung von Kerosin ist eine Option – so wie das 2022 nach Russlands Überfall auf die Ukraine beim Gas der Fall war.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sieht indes keinen Grund für Alarmstimmung. „Hier haben wir in Deutschland keinen Mangel an Kerosin“, sagte sie am Donnerstag. Zudem werde Kerosin auch in deutschen Raffinerien produziert, die deutsche Wirtschaft sei also nicht nur von Importen abhängig.

Bei der Opposition teilt man diese Einschätzung nicht. „Die Lage ist ernst“, sagte der energiepolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Michael Kellner, dieser Redaktion. „Kurzfristig sollten Privatflieger im Hangar bleiben. Rettungsflüge, Frachtflüge und internationale Verbindungen sollten Vorrang haben.“ Außerdem sollten die Airlines Kurzstreckenflüge innerhalb Deutschlands und Europas aussetzen.

Mittelfristig müsse man umsteigen auf synthetische Kraftstoffe. Kellner verlangt in diesem Bereich mehr Einsatz von der Bundesregierung. „Seit einem Jahr entscheidet die Bundesregierung nicht über eine grüne Kerosin-Fabrik in der Lausitz, obwohl Projekte und Geld bereitstehen“, sagte er. „Die Bundesregierung könnte und sollte festlegen, dass sie künftig für ihre Flüge synthetische Kraftstoffe verwendet, um einen Markt dafür weiter voranzubringen.“

Verbraucherschützer dringen darauf, dass die Bundesregierung Fluggäste besser gegen die Auswirkungen möglicher Insolvenzen absichert – etwa in Form eines Fonds, aus dem Rückerstattungen gezahlt werden könnten.