Es gehört zu den Ironien der europäischen Zeitgeschichte, dass ausgerechnet Viktor Orban heute als Brückenbauer nach Russland gilt. In den 1980er-Jahren trat er als junger Liberaler auf, forderte den Abzug sowjetischer Truppen. Er verkörperte den europäischen Aufbruch Ungarns.
Jahrzehnte später ist von diesem Orban wenig übrig. Seit seiner Rückkehr an die Macht 2010 hat er Ungarn zu einer „illiberalen Demokratie“ umgebaut, die Gewaltenteilung schwächt, Medien kontrolliert und politische Loyalitäten belohnt. Gleichzeitig geriet Budapest immer stärker in Konflikt mit Brüssel. Erst wegen Rechtsstaatlichkeit, dann Migration und LGBTQ+-Diskriminierungen.
Viktor Orban wird zum Freund Putins
Parallel dazu vertiefte Orban seine Beziehungen zu Moskau. Während andere EU-Staaten nach dem Angriff auf die Ukraine auf Distanz gingen, blockierte Ungarn wiederholt gemeinsame Entscheidungen, etwa bei Sanktionen oder Finanzhilfen. Orban inszeniert sich dabei als Pragmatiker, der nationale Interessen verteidigt. Kritiker sehen in ihm stattdessen den verlässlichsten Verbündeten des Kremls innerhalb der EU.

Diese Doppelstrategie – EU-Mitglied bleiben, aber gegen Brüssel opponieren und gleichzeitig Russland annähern – ist Ungarns Rolle bis heute. Orban verkündete im Februar noch, die Europäische Union sei eine größere Gefahr als Russland.
Innenpolitisch zahlt sich diese Haltung zunehmend weniger aus. Die Wirtschaft schwächelt, Korruptionsvorwürfe häufen sich, und erstmals seit 16 Jahren droht Orban bei der Wahl ernsthafte Konkurrenz – mit Oppositionsführer Peter Magyar von der Tisza-Partei. Am Sonntag entscheidet sich somit, ob Ungarn seinen Sonderweg zwischen Brüssel und Moskau fortsetzt – oder ob ein Kapitel zu Ende geht.



