Die Politik in München kannte über 40 Jahre nur eine Farbe: rot. In dieser Zeit hat stets die SPD den Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt gestellt. Doch am Sonntag hat Dominik Krause das Unmögliche geschafft: Der Grüne gewann die Stichwahl zum Oberbürgermeister in der bayerischen Landeshauptstadt mit 56 Prozent. Damit löst er Dieter Reiter von der SPD ab, der das Amt seit 2014 innehatte. In der Münchner Muffathalle konnten die Grünen gestern Abend jubeln: „Es ist wirklich irre“, sagte Krause. „Man hat gemerkt, dass in der Stadt ein Aufbruch war.“ Und so wird die Hauptstadt des sonst tiefschwarzen Bayerns in Zukunft von einem Grünen regiert, dessen Partei doch der Lieblingsfeind von Ministerpräsident Markus Söder ist.
Reiter stolperte kurz vor der ersten Wahlrunde gleich zweimal. Nach mehreren Skandalen war der Regierende der SPD geschwächt. Erst wurde bekannt, dass er jahrelang Geld vom FC Bayern München für ein Engagement im Verwaltungsbeirat kassiert hatte, ohne den Stadtrat wie vorgeschrieben zu informieren – insgesamt 90.000 Euro. Dann fiel in einer Stadtratssitzung das N-Wort, gesprochen von Reiter selbst. Er entschuldigte sich zwar, die Kritik verstummte trotzdem nicht. Am Wahlabend zog er die Konsequenz: „Ich hab’s verbockt. Das ist meine Schuld.“
Mehr Politik-News
Dominik Krause – ein Münchner durch und durch
Und nun also der 35-jährige Dominik Krause. Der künftige Oberbürgermeister hat München nie wirklich verlassen. Nach dem Abitur 2009 am Städtischen Louise-Schroeder-Gymnasium im Stadtbezirk Allach-Untermenzing leistete Krause Zivildienst an einer inklusiven Montessori-Schule in Großhadern. Danach folgte das Studium der Physik an der Technischen Universität München, welches er mit einem Master in Applied and Engineering Physics abschloss.
Früh zog es ihn aber eben doch in die Politik: Von 2012 bis 2014 war Krause Sprecher der Grünen Jugend in München, 2014 wurde er mit erst 23 Jahren in den Stadtrat gewählt, wo er von 2022 bis 2023 Fraktionsvorsitzender war. Inzwischen ist er seit sechs Jahren Zweiter Bürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt.
Auch interessant
Für einen echten Münchner weniger überraschend liebt Krause die Berge – zu jeder Jahreszeit. Im Sommer geht er wandern und klettern und im Winter skifahren. Aber auch die Künste dürfen nicht fehlen: Er spielt Klavier und liebt das Tanzen.
Dominik Krause: Seinen Verlobten lernte er in der Tanzschule kennen
Mit 17 begegnete er bei einem Standardtanzkurs dem zwei Jahre jüngeren Sebastian Müller. Die beiden absolvierten zusammen zwei Tanzkurse und wurden zu Freunden. Es habe eine Weile gedauert, berichtete Krause gegenüber der Abendzeitung, bis er verstanden habe, dass er mehr für seinen Tanzpartner empfindet. Inzwischen sind die beiden seit neunzehn Jahren ein Paar.
Und mittlerweile auch verlobt. Den Antrag machte schließlich Müller – an einem Sommerabend im spanischen Granada. Sebastian Müller arbeitet heute als Allgemeinmediziner und ist der erste First Gentleman Münchens. Zu Hause sind die beiden seit über zehn Jahren in Giesing – einem einstigen Arbeiterviertel im Münchner Südosten.
Auf seinem Instagram-Account zeigt Krause seine Verbindung zu seiner Heimat, gerne auch in Tracht. Sein Lieblingsort ist das Ufer der Isar, „das grüne Wohnzimmer“, wie er es nennt. Doch auch in sein Privatleben gewährt der Grüne Einblicke: Er zeigt Urlaubsfotos aus Italien mit seinem Verlobten, und auch mit der Regenbogenfahne lässt sich Krause gerne ablichten. Seine queere Identität ist für ihn selbstverständlich – am Wahlabend küsste er seinen Verlobten auf der Bühne.
Krauses Pläne für München und Söders auffälliges Schweigen
Mit seinem Wahlsieg hat Krause für eine Sensation gesorgt: Noch nie wurde München von einem Grünen regiert, noch nie von einem offen schwulen Mann. Und auch politisch wird sich unter Krause wohl einiges ändern: Im Gegensatz zu Reiter will er leer stehende Büros in Wohnungen umwandeln und im Extremfall private Grundstücksbeseitzer für große Wohnungsbauprojekte enteignen. Er setzt auf E-Mobilität, will den ÖPNV stärker fördern und mehr auf erneuerbare Energien setzen. Ansätze, die die Münchnerinnen und Münchner offenbar überzeugt haben.
Bei der Pressekonferenz der CSU diesen Montag zog Markus Söder Bilanz und nahm weder Krauses Namen noch die Grünen in den Mund: „Mein Glückwunsch übrigens an alle Gewählten, egal welcher Partei, und das Angebot zu einer fairen Zusammenarbeit gilt auch ausdrücklich für die Landeshauptstadt München.“ Für einen Politiker, der die Grünen sonst kaum unerwähnt lässt, war das eine bemerkenswert generische Formulierung.

Einen treffenden Kommentar lieferte Ricarda Lang, ehemalige Bundesvorsitzende der Grünen, auf X: „Ich glaube, ich fahre zum nächsten Oktoberfest, einfach nur, um neben Markus Söder zu stehen, wenn er einem Grünen zuschaut, wie er das Fest eröffnet.“ Ein Witz – aber mit Kern. Zumal Krause selbst das Oktoberfest 2023 als die „weltweit größte offene Drogenszene“ bezeichnet hatte, was bayernweit für Aufregung sorgte. Die Eröffnung des Oktoberfests ist in Bayern ein Ritual mit fast staatstragender Bedeutung, traditionell Chefsache des Oberbürgermeisters. Dass künftig er den ersten Anzapfstich macht, während Söder auf der Tribüne sitzt, ist eine Symbolik, die sich kein Drehbuchautor hätte besser ausdenken können. Ob Söder dabei seinen rhetorischen Kurs gegen die Grünen neu kalibriert, wird sich zeigen.




![Friedrich Merz (CDU) und Bärbel Bas (SPD) im Juni im Bundeskanzleramt. Pressekonferenz [press conference] nach der ?bergabe des Berichts der Altersicherungskommission zur Rentenreform in Berlin](https://img.sparknews.funkemedien.de/413277497/413277497_1790592399_v16_9_1200.jpeg)



