Die Bilder sind gewaltig. Autos stehen dicht an dicht, sechs Spuren nebeneinander. Auf manchen Transportern hocken Männer, Frauen und auch Kinder, tragen Plastiktaschen und Koffer bei sich, auf anderen stapeln sich Matratzen. Es sind Fotos aus dem Libanon, wo die israelische Armee Ziele der Mullah-treuen Hisbollah attackiert. Israels Armee ruft Bewohner im Süden des Landes zur Flucht auf.
Ähnliche Bilder und Meldungen kommen aus dem Iran selbst, der nun in einem Krieg mit den USA und Israel steckt. Die Lage vor Ort ist jedoch nur schwer zu überprüfen. Zu Beginn der Angriffe heißt es: Irans Sicherheitsrat rät der Bevölkerung zur Flucht aus der Hauptstadt. Viele Menschen versuchten, Teheran zu verlassen.
Krieg gegen den Iran – spannende Hintergründe
Die EU-Staaten und Deutschland spielen bisher in dem Konflikt kaum eine Rolle. Und doch wissen Politiker in Brüssel und Berlin, wie schnell sich ein Krieg mit Fluchtbewegungen bis nach Europa ausweiten kann. 2015 und 2016 flohen mehr als eine Million Menschen aus Syrien und den Nachbarstaaten vor Krieg und Terror bis nach Deutschland.
Beunruhigend sind auch Meldungen aus dem Libanon: Die humanitäre Situation sei dramatisch, beschreibt die Caritas vor Ort. Die Organisation schätzt, dass es „zu mehr als einer Million Binnenvertriebenen“ kommen werde.

Drastische Vergleiche: „Größte Flüchtlingsbewegung der letzten Jahrzehnte“
Die EU-Asylbehörde EUAA spricht beim Iran von einem „potenziellen Brennpunkt“. Denn im Iran lebten schon vor dem neuen Krieg laut UN-Flüchtlingshilfswerk mehr als zwei Millionen Schutzsuchende, vor allem aus dem Nachbarland Afghanistan. Der Iran selbst hat 90 Millionen Einwohner. Die Vertreibung von nur 10 Prozent der Menschen würde „mit den größten Flüchtlingsbewegungen der letzten Jahrzehnte vergleichbar sein“, schreibt die EUAA.
Der Bericht der EU-Behörde wurde noch vor der Eskalation seit dem Wochenende verfasst. Und er hebt hervor, dass ein solches Szenario „noch sehr spekulativ“ sei. Recherchen unserer Redaktion zeigen ebenfalls, dass bisher weder in der EU noch in der Bundesregierung bekannt ist, dass große Menschenmassen aus dem Iran fliehen – geschweige denn auf dem Weg in die EU sind. Im Gegenteil: An der Grenze zwischen dem Iran und der Türkei sind bisher nur einzelne kleine Gruppen von Iranern angekommen. Laut UN sind auch die Bewegungen nach Armenien und Afghanistan nicht auffällig.
Spannende Artikel rund um Flucht und Migration
Das ist nicht untypisch. Konflikte der Vergangenheit – wie in Syrien, Somalia oder Jemen – zeigen, dass Menschen vor allem erst im Land selbst fliehen, sich aufmachen in vermeintlich ruhigere Gebiete, zu Verwandten, Hilfseinrichtungen der eigenen Behörden. Bevor Menschen in Richtung EU fliehen, sind zudem die Nachbarstaaten betroffen. Mehr als 100 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht – nur die wenigsten davon kommen nach Europa.
Und dennoch: 2015 hat gezeigt, was passiert, wenn weder Deutschland noch die EU auf Menschenmassen auf der Flucht vorbereitet sind. Bis heute sind die Folgen in der politischen Debatte zu spüren. Zudem hängt die Fluchtsituation stark davon ab, ob sich der Krieg über den Iran, den Libanon und Angriffe in weiteren arabischen Ländern ausweitet.
„Wichtig ist, die Nachbarländer bei der Aufnahme von Schutzsuchenden zu unterstützen“
Nach Informationen unserer Redaktion gab es am Wochenende erste Telefonschalten zwischen dem Bundesinnenministerium und den Landesregierungen. Thema waren mögliche iranische Anschläge oder Übergriffe in Deutschland, die Lage im Cyberraum. Die Fluchtbewegungen spielten offenbar nur eine untergeordnete Rolle auf der Tagesordnung.
Zugleich setzt die Bundesregierung seit 2016 auf enge Drähte zur Türkei bei der Steuerung der Migration. Darauf baue man auch jetzt auf, heißt es. „Wir müssen wachsam bleiben“, sagt CDU-Innenpolitiker Alexander Throm und hebt hervor: „Wichtig ist, die Nachbarländer des Iran bei der Aufnahme von Schutzsuchenden auch durch die EU zu unterstützen.“ Genau das hat 2015 gefehlt – und löste damals die Massenflucht mit aus.
Ende dieser Woche treffen sich die EU-Innenminister in Brüssel. Alexander Dobrindt (CSU) wird selbst nicht dabei sein, er muss zu wichtigen Abstimmungen in den Bundestag, schickt einen Staatssekretär. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner soll schon Anfang der Woche mit dem türkischen Außenminister über die Fluchtsituation gesprochen haben. Laut Berichten verstärkt die Türkei an Grenzübergängen zum Iran die Kontrollen. Knapp 600 Kilometer Grenze eint die Länder. Auch Griechenland will die Grenzkontrollen zur Türkei erhöhen.
Interview-Serie zu 10 Jahre Merkels „Wir schaffen das“
- Migration und Ostdeutschland – Humangeografin: „AfD-Wähler treibt eine Feindseligkeit zu Fremden“
- Migration und Integration – Politologin: „Die Verteilung der Geflüchteten muss besser werden“
- Migration und Arbeitsmarkt – Arbeitsexperte: „Die Kosten der Integration sind unfair verteilt“
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Seit vielen Jahren tötet und foltert das Regime der Mullahs seine Gegner. In den vergangenen Monaten spitzte sich die Lage bereits zu, im letzten Sommer griffen die USA und Israel bereits Atomanlagen des Iran an. 2025 stellten 8000 Iranerinnen und Iraner einen Asylantrag in der EU, rund 2800 waren es in Deutschland. Doch von gut 11.000 Asylentscheidungen zu Iranern lehnte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2025 mehr als 7000 als „unbegründet“ ab. Das Bamf schreibt auf Nachfrage: „Aktuell ist noch nicht konkret feststellbar, inwiefern sich die Entwicklungen im Iran und in der Region auf die Entscheidungspraxis auswirken.“ Derzeit laufen beim Bundesamt noch 1399 Asylverfahren von iranischen Staatsbürgern.
Die Linkspartei fordert „sofortigen Abschiebestopp“ und „sichere und legale Fluchtwege“
Wer abgelehnt ist, muss Deutschland langfristig verlassen. Bis 2023 galt jedoch ein bundesweiter Abschiebestopp in den Iran. Der wurde nicht verlängert. Seit 2024 schieben die Behörden in Einzelfällen wieder ab. In diesem Januar, mitten in der Gewalt des Regimes gegen seine Gegner, wurden laut Bundesinnenministerium 18 Personen in den Iran ausgeflogen.
Die Linkspartei fordert einen „sofortigen Abschiebestopp“ und „sichere und legale Fluchtwege“ für die Menschen aus dem Iran – auch nach Europa. Die „hochgerüsteten Grenzen“ der EU würden dazu führen, „dass für viele Schutzsuchende die Flucht tödlich endet“, sagte die Innenexpertin der Linken im Bundestag, Clara Bünger, unserer Redaktion. Sie spricht sich für „unkomplizierte humanitäre Visa für eine sichere Einreise“ aus. Schutzsuchende müssten deutsche Auslandsvertretungen in den Nachbarstaaten aufsuchen können.









