In der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump haben westliche Staats- und Regierungschefs ein neues Leitmotto entdeckt: „Go East“. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron reiste Anfang Dezember nach Peking, der kanadische Premier Mark Carney war Mitte Januar dort, der britische Regierungschef Keir Starmer folgte zwei Wochen später. Bundeskanzler Friedrich Merz fliegt am 24. Februar mit einer großen Unternehmer-Delegation für drei Tage nach Fernost. Höhepunkt ist das Treffen mit Chinas Staatschef Xi Jinping.

Der Besuch kommt zu einer Zeit, in der der deutschen Wirtschaft der Wind kräftig ins Gesicht bläst. So will VW, vor Jahrzehnten noch Marktführer in China, die Kosten des Konzerns bis 2028 um 20 Prozent senken, berichtet das „Manager Magazin“. Grund ist unter anderem der rückläufige Absatz im Reich der Mitte. Anderen Betrieben geht es ähnlich. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln ist das Handelsbilanzdefizit mit China im vergangenen Jahr auf die Rekordhöhe von fast 90 Milliarden Euro gestiegen. Deutsche Unternehmen haben Waren im Wert von rund 81 Milliarden Euro in die Volksrepublik exportiert – das niedrigste Niveau seit 2016. Im Gegenzug wuchsen die Importe von dort auf mehr als 170 Milliarden Euro an.

Deutschland muss gegen chinesische Firmen bestehen, die von Peking „gepäppelt werden“

„Der Einbruch der deutschen Exporte nach China liegt zum einen an der insgesamt schwachen Weltkonjunktur. Auch ist die Binnennachfrage in China schwach“, sagte Volker Treier, Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), unserer Redaktion.

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Fachleute führen das Ungleichgewicht im Handel zudem auf massive Wettbewerbsverzerrungen durch China zurück. „Deutsche Exportfirmen müssen gegen chinesische Unternehmen bestehen, die vom Staat kräftig gepäppelt werden“, sagte Jürgen Matthes, China-Experte beim IW, unserer Redaktion. „Die stark unterbewertete chinesische Währung ist ein weiteres Instrument von Chinas Industriepolitik, um einheimischen Unternehmen einen erheblichen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.“ So habe der Euro gegenüber dem Yuan seit Anfang 2020 real um mehr als 40 Prozent aufgewertet. Ein niedrig bewerteter Yuan macht für China Ausfuhren billiger und Einfuhren teurer. Chinas Währung wird nicht frei durch den Markt bestimmt, sondern von der Zentralbank gesteuert.

Die Regierung will, dass deutsche Firmen in China produzieren

Darüber hinaus will sich die Volksrepublik immer mehr unabhängig von Importen machen. Güter sollen möglichst in China hergestellt werden. „Zudem nimmt der Druck der chinesischen Regierung auf deutsche und europäische Betriebe zu, stärker vor Ort zu produzieren und Zulieferungen aus China zu beziehen“, unterstreicht Matthes. „Die Unternehmen tun dies zunehmend, da ihnen ansonsten der Marktzugang beträchtlich erschwert zu werden droht. Das bedeutet, dass Exporte durch Fertigungen in China ersetzt werden.“ 2025 stiegen die zusätzlichen Direktinvestitionen deutscher Firmen im Reich der Mitte auf sieben Milliarden Euro – im Schnitt eine Milliarde Euro mehr als in den Jahren zuvor.

Kanzler Merz in Litauen
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) fliegt am 24. Februar mit einer großen Unternehmer-Delegation für drei Tage nach Fernost. Höhepunkt ist das Treffen mit Chinas Staatschef Xi Jinping.© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler

Eine Achillesferse der deutschen Wirtschaft ist die Abhängigkeit bei kritischen Rohstoffen wie Seltenen Erden, Gallium oder Germanium. Diese werden für Halbleiter, Smartphones oder Elektroautos eingesetzt und sind für moderne Industrieprodukte essenziell. Die Volksrepublik hat bei vielen dieser kritischen Rohstoffe ein weltweites Quasi-Monopol. Im vergangenen Herbst blockierte Peking zeitweise die Lieferungen des chinesischen Chipherstellers Nexperia, was die europäischen Automobilunternehmen fast in die Knie zwang. China reagierte damit auf die niederländische Regierung, die die Europa-Zentrale von Nexperia in Nijmegen unter ihre Kontrolle gestellt hatte. Den Haag wollte damit den Abfluss von Technologie und Produktion in Richtung der chinesischen Muttergesellschaft Wingtech verhindern.

„Das käme einer Art Kaltem Krieg mit den Europäern gleich“

Auch in der Rüstungsindustrie gab es Blockaden. Ab Februar 2025 hatte China das Angebot des Schwermetalls Wolfram verknappt, das als Härtemittel für Panzer oder Munition wichtig ist. „Sollte Peking künftig die Versorgung mit diesen für die moderne Waffentechnik unverzichtbaren Produkten einschränken oder unterbinden, würde China die Europäer daran hindern, gegen die russische Bedrohung aufzurüsten. Das würde den Kern unserer Sicherheitsinteressen betreffen“, warnt Matthes. „Die Volksrepublik würde dann direkt gegen die EU handeln – das käme einer Art Kaltem Krieg mit den Europäern gleich.“

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DIHK-Außenwirtschaftschef Treier fordert, dass Bundeskanzler Friedrich Merz das Thema der Lieferstopps in Peking offen ansprechen sollte. „Bei Chinas Exportkontrollen für sehr wichtige Rohstoffe wie Seltene Erden oder Permanentmagnete sollte der Kanzler Transparenz und Planbarkeit für deutsche Unternehmen einfordern. Es geht dabei um langfristige Zusagen für die Versorgung mit kritischen Rohstoffen“, betont Treier. Die Abhängigkeit sei aber keineswegs einseitig. „China wiederum braucht den europäischen Binnenmarkt für den Absatz seiner Produkte“, so Treier. „Zusagen Pekings sind auch in Feldern möglich, bei denen eine noch stärkere Zusammenarbeit denkbar ist – etwa in der Umwelttechnologie, im Recycling, in der Medizintechnik oder in der Kreislaufwirtschaft.“

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#34 Karsten Wildberger über den Anruf von Friedrich Merz, Digital Detox und Heavy Metal
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Die deutsche „De-Risking“-Politik, die die wirtschaftliche Abhängigkeit von China reduzieren wollte, scheint der Vergangenheit anzugehören. „Angesichts der Unsicherheiten im Verhältnis zu den USA könnte es in einigen Bereichen eine engere Kooperation mit China geben“, so Treier. „China ist angesichts der Sprunghaftigkeit von US-Präsident Donald Trump momentan ein berechenbarerer Partner und Wettbewerber als Amerika.“