Ob häusliche Gewalt, Missbrauch, sexuelle Belästigung: Die polizeiliche Kriminalstatistik veröffentlicht regelmäßig, welche Taten bekannt sind. Doch diese Zahlen bilden nur einen kleinen Teil der Gewalttaten ab. Das geht aus der aktuellen Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ hervor, die das Bundeskriminalamt, das Familien- und das Innenministerium in Auftrag gegeben haben. Demnach werden weniger als fünf Prozent der Taten angezeigt. Erstmals wurden auch Männer in die Befragungen einbezogen. Ein geschlechtsübergreifender Blick in dieses Dunkel.
Wer nahm an der Studie teil und was wurde gefragt?
15.000 Frauen und Männer zwischen 16 und 85 Jahren nahmen an den digitalen und persönlichen Befragungen teil. In den Interviews ging es um ihre Erfahrungen mit körperlicher, psychischer, sexualisierter und digitaler Gewalt, die sie innerhalb ihrer Partnerschaft erlebt haben – aber auch um Stalking, sexuelle Übergriffe und körperliche Gewalt außerhalb von Beziehungen.
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Was fällt unter den Begriff „Gewalt“ ?
Darunter verstehen die Autoren der Studie „Handlungen, die darauf abzielen, andere Personen zu verletzen, zu schädigen oder in ihrer Selbstbestimmung zu beeinträchtigen“. Also körperliche Angriffe genauso wie sexuelle Übergriffe, das Verbreiten von Nacktbildern in sozialen Netzwerken oder auch starke Kontrolle. Gefragt wurde auch nach heftigen Beschimpfungen, Bedrohungen oder Geldentzug, also psychischen Gewalterfahrungen, die nur schwer strafrechtlich zu verfolgen sind.
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Was sagt die Studie zu Gewalt gegen Frauen?
Frauen werden vor allem von Männern angegriffen, gleichzeitig sind sie häufiger Opfer von Gewalt. Fast die Hälfte aller Frauen erlebt einmal in ihrem Leben psychische Gewalt, 18 Prozent der Frauen sind körperlicher Gewalt ausgesetzt. Sie werden schwerer verletzt und müssen häufiger Angst um ihr Leben haben als Männer. Oft sind sie von mehreren Gewalttaten gleichzeitig betroffen, etwa Schlägen, sexuellen Übergriffen, psychischem Druck und auch Stalking. Ihre Angst ist entsprechend größer. Besonders gefährdet sind laut Studie junge Frauen mit Migrationshintergrund.
Wie erleben Männer Gewalt?
40 Prozent der Männer gaben an, einmal in ihrem Leben psychischer Gewalt in einer aktuellen oder früheren Beziehung ausgesetzt gewesen zu sein. 14 Prozent erlebten auch körperliche Gewalt. Männer werden besonders oft Opfer von Kontrolle durch eine Partnerin oder Ex-Partnerin. Mobbing, Bedrohung und Stalking erleben sie aber auch im Internet, dann allerdings von anderen Männern. Das gilt auch bei sexueller Gewalt außerhalb von Beziehungen.
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Was sagt die Studie zu Gewalt gegen junge und queere Menschen?
Jeder zweite Mensch in Deutschland erlebt laut Studie in seiner Kindheit Gewalt von seinen Eltern. Jedes dritte Kind wird Zeuge von häuslicher Gewalt zwischen Vater und Mutter. Diese Gewalterfahrungen erhöhen das Risiko, auch im Erwachsenenalter Opfer von Gewalt zu werden. Viele junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren haben auch Erfahrungen mit sogenannten K.O.-Tropfen gemacht, die ihnen verabreicht wurden. Laut Studie kommen im Laufe des Lebens fünf Prozent der Bevölkerung mit diesen Betäubungsmitteln in Kontakt. Insgesamt sind jüngere Menschen deutlich häufiger von Gewalt betroffen als ältere. Auch queere Personen – also Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell oder transgeschlechtlich identifizieren – erfahren häufiger Gewalt.
Wie will die Bundesregierung vor Gewalt schützen?
Die Bundesregierung muss das sogenannte Gewalthilfegesetz, das noch die Ampel-Regierung unter Olaf Scholz auf den Weg gebracht hat, umsetzen. Mit dem Gesetz soll der Schutz der Opfer verbessert werden, auch ein Rechtsanspruch auf einen Platz im Frauenhaus gehört dazu. „Wir schaffen mit dem Gewalthilfegesetz Zugang zu Schutz und Beratung für Betroffene“, erklärte Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) bei der Vorstellung der Studie. Dazu gehöre auch eine Aufklärungskampagne sowie die Pflicht für die Täter, sich einer Therapie zu unterziehen und ihr gewalttätiges Verhalten aufzuarbeiten.

Künftig sollen Familiengerichte auch eine Fußfessel für Gewalttäter anordnen können, um Annäherungs- und Kontaktverbote konsequenter durchzusetzen. „Die Wohnung darf nicht der ausschließliche Schutzraum sein“, sagte Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) dazu. Außerdem solle der Einsatz von K.O.-Tropfen künftig deutlich härter bestraft und wie die Verwendung einer Waffe geahndet werden.
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Was sagen Verbände und Opposition?
Das Gewalthilfegesetz sei zwar ein guter und richtiger Schritt, es gebe jedoch noch Lücken, sagt Claudia Igney vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) unserer Redaktion. Beispielsweise hätten „Alleinerziehende (meist Mütter) und ihre Kinder ein hohes Armutsrisiko“, was es Opfern erschwere, eine gewalttätige Beziehung zu verlassen. Auch werde in Familiengerichten immer noch das Umgangsrecht des Vaters vor den Gewaltschutz der Mutter gestellt. So könnten (Ex-)Partner Gewalt und Kontrolle ausüben. Der Schutz vor Gewalt müsse stets Priorität haben, nicht nur, „wenn eine neue Studie vorgestellt wird“, sagt Igney.
Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Britta Haßelmann spricht von „einem massiven Gewaltproblem“ in Deutschland. Die jetzige Bundesregierung solle das Gewalthilfegesetz von 2025 konsequent umsetzen, um einen flächendeckenden Schutz, insbesondere von Frauen, zu gewährleisten. Die Regierung müsse sich „an die Seite der von Gewalt betroffenen Frauen stellen“, so Haßelmann. Auch sie fordert den Ausbau niedrigschwelliger Hilfsangebote für Betroffene und einen besseren Schutz für Frauen und queere Menschen.






![Friedrich Merz (CDU) und Bärbel Bas (SPD) im Juni im Bundeskanzleramt. Pressekonferenz [press conference] nach der ?bergabe des Berichts der Altersicherungskommission zur Rentenreform in Berlin](https://img.sparknews.funkemedien.de/413277497/413277497_1790592399_v16_9_1200.jpeg)


