Es regt sich Protest gegen das Verbot von palästinensischen Symbolen beim Besuch von Konzentrationslagern. Ein Bündnis aus jüdischen, queeren und antifaschistischen Einzelpersonen und Gruppen richtet sich nun mit klaren Forderungen an die Leitung der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Im Mittelpunkt: die Kufiya, auch Palästinensertuch genannt.

In den ehemaligen Konzentrationslagern wird der Ermordung von Millionen Juden sowie Kommunisten, Sinti und Roma oder auch Kriegsgefangenen gedacht. Politische Symbole sind in der Gedenkstätte nicht gern gesehen: Fahnen und Transparente etwa dürfen nicht oder nur in Ausnahmefällen mitgebracht werden. Die Hausordnung bittet auch darum, angemessene Kleidung zu tragen.

Buchenwald-Gedenkstätte: Pali-Tuch unerwünscht

Bislang darf die Gedenkstätte Buchenwald auch Besuchern, die ein sogenanntes Pali-Tuch tragen, den Zutritt verweigern. So entschied das Thüringer Oberverwaltungsgericht (OVG) im August 2025. Die Gedenkstätte müsse nicht hinnehmen, dass durch das Tragen der Kufiya gerade auf ihrem Gelände gegebenenfalls das Sicherheitsgefühl vieler Juden gefährdet werde, hieß es laut Gerichtsmitteilung.

Pro-Palästinensische Studenten demonstrieren und halten Kufiya in die Luft.
Das Palästinensertuch ist ein Symbol der Palästina-solidarischen Szene.© Jens Kalaene/dpa | Jens Kalaene

Dagegen möchte das Bündnis mit seiner Kampagne „Kufiyas in Buchenwald“ vorgehen. Es gehe laut Mitteilung hauptsächlich darum, die „Instrumentalisierung des antifaschistischen Erinnerungsortes zur Rechtfertigung des Genozids an den Palästinenser:innen und der deutschen Kriegspolitik“ anzuprangern.

Kritisiert werde die zunehmende Kriminalisierung palästinensischer Symbole durch die staatlich finanzierte Gedenkstätte, heißt es in einer Presseaussendung des Bündnisses. Die Stiftung der Gedenkstätte betrachtet dabei die Kufiya nicht per se als antisemitisch. Laut einem Sprecher komme es auf den Zusammenhang an und darauf, wer ein solches Tuch trage und ob sich eine Person weigere, den Schal abzulegen.

Krieg gegen die Hamas: 71.000 Tote im Gazastreifen

Israel, das sich als Heimatland des jüdischen Volkes versteht, führt seit Oktober 2023 einen Krieg im Gazastreifen. Auslöser war das Massaker der Hamas und anderer extremistischer Gruppierungen am 7. Oktober 2023, bei dem in Israel rund 1200 Menschen getötet und mehr als 250 weitere in den Gazastreifen verschleppt wurden. Israel reagierte darauf mit massiven Luftangriffen und Bodeneinsätzen in Gaza.

In den zwei Jahren des Krieges wurden nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde mehr als 71.000 Palästinenser getötet. Auch das israelische Militär spricht mittlerweile von 71.000 Toten.

Trotz der von den USA, Ägypten, Katar und der Türkei vermittelten Waffenruhe kommt es weiterhin zu tödlichen Vorfällen. Deutschland unterstützt Israel mit Rüstungsexporten.

Palästinensische Symbole: Kritik an Verbot und Gleichsetzung mit Faschismus

Laut den Initiatoren der Kampagne sollen neben der Kufiya auch andere palästinensische Symbole, wie Olivenzweige, in der Gedenkstätte verboten sein, wie aus einer publik gewordenen Handreichung zu entnehmen sei. Zudem prangert die Gruppierung an, dass selbst Forderungen nach einem Waffenstillstand in Gaza als „antijüdische Mobilisierung“ betrachtet würden. Gleichsam sei es höchst problematisch, dass die Gedenkstättenleitung das Pali-Tuch mit deutschem Faschismus und Antisemitismus in Verbindung bringe.

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„Die ständigen falschen Vorwürfe des ‚Antisemitismus‘ von den historisch größten Tätern sind nichts anderes als ein Versuch, die Verantwortung abzuwälzen und die deutsche Beteiligung am Völkermord in Palästina zu rechtfertigen“, sagt Rachael Shapiro vom International Jewish Antizionist Network in der Stellungnahme. „Deutschland fetischisiert und exzeptionalisiert Jüd:innen, um von seiner eigenen Beteiligung an kolonialen Völkermorden – in Namibia, Europa und jetzt in Palästina – abzulenken.“

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Die Kampagne fordert daher von der Leitung der Stiftung der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora: die offene Thematisierung des israelischen Gaza-Einsatzes als „Völkermord“, die Aufhebung des Verbots palästinensischer Symbole sowie ein Ende von Haus- und Redeverboten aufgrund von Palästinasolidarität oder Kritik an der israelischen Politik.

Leiter der Gedenkstätten wehrt sich gegen Vorwürfe: „absurd und böswillig“

Gegenüber dieser Redaktion spricht der Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, von einer „Zusammenstellung von Halbwahrheiten und falschen Unterstellungen“. So sei etwa die Handreichung zur Kleiderordnung längst nicht mehr gültig. Der Vorwurf an die Stiftung der „Leugnung des Völkermords in Palästina“ sowie der Vorwurf, die Stiftung mache die Gedenkstätte Buchenwald „zu einem Ort des Geschichtsrevisionismus und der Genozidleugnung“, seien „absurd und böswillig“, sagt Wagner.

Tatsächlich setze sich die Stiftung mit Nachdruck gegen alle Erscheinungsformen des Geschichtsrevisionismus ein. Das geschehe „vor allem gegenüber dem rechten Geschichtsrevisionismus, aber auch gegenüber Versuchen linksautoritärer Gruppen, mit dem Verweis auf einen tatsächlichen oder angeblichen Genozid in Palästina die Shoah zu relativieren und das Existenzrecht Israels infrage zu stellen.“ Zudem sei seitens der Stiftungsleitung noch nie ein Genozid geleugnet worden, erklärt der Historiker weiter. Er habe bei der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwaldes im vergangenen Sommer lediglich darauf hingewiesen, dass eine Protestaktion zu den Vorkommnissen in Palästina unpassend gewesen sei.

Des Weiteren erklärt Wagner, dass es kein generelles Verbot zum Tragen von Kufiyas gebe. Es könnte jedoch „untersagt werden, wenn es dazu dienen soll, die Opfer und den Ort für aktuelle politische Ziele zu missbrauchen“. Das sei dann gegeben, wenn die Träger oder die Organisationen, denen sie offensichtlich angehören, bereits mit antisemitischen Positionierungen aufgefallen seien. 

mit dpa